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Papiersparen für Botaniker

Online-Publikationen sind jetzt auch für neue Pflanzenarten erlaubt

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(23. Februar 2012) Botaniker müssen jetzt weniger Latein können und dürfen seit Januar Artbeschreibungen auch elektronisch publizieren – das wurde für die neue Version des International Code of Botanical Nomenclature (ICBN) beschlossen, die letzten Sommer in Melbourne ausgehandelt wurde. Außerdem kommt die für die Gattung Acasia namensgebende „Ur-Akazie“ jetzt offiziell aus Australien und nicht aus Afrika. Susanne Renner, Direktorin des Botanischen Gartens München-Nymphenburg, ist von den meisten Änderungen des sogenannten „Melbourne-Codes“ begeistert.

Der jetzt neu benannte International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants (ICN) ist zwar noch nicht offiziell gültig, doch eine Ausnahme gibt es: „Electronic Publishing ist seit dem 1. Januar 2012 durch. Die haben beschlossen, das sofort zu machen“, freut sich Susanne Renner. „Das ist ganz außergewöhnlich. Es ist glaube ich noch nie vorgekommen, dass sozusagen in Vorgriff auf die Publikation des eigentlichen Regelwerkes eine Regel schon in Kraft gesetzt wurde.“ Bisher durften Botaniker nur in gedruckten Journalen ihre neu entdeckten Spezies, Gattungen oder Familien beschreiben, damit die Archivierung gesichert war. „Jeder, der eine Stelle kriegen will muss aber zügig und in „sexy“ Zeitschriften publizieren, der kann sich nicht leisten in irgend einem Schlumpf-Blatt was zu machen. Dass wir das jetzt dürfen, das ist die Hauptverbesserung. Ich bin total begeistert, dass die das in Melbourne so entschieden haben!“

 

Kein Latein mehr

 

Doch was ist mit dem Latein? Geht die Beschreibung von Arten nicht auch so langsam voran, weil Botaniker erst seitenweise lateinische Beschreibungen verfassen müssen? „Es ist gar nicht notwendig, dass man drei Seiten Beschreibung und Fotos beilegt. Das geschieht freiwillig, ist aber nicht bindend vorgeschrieben“, erklärt Susanne Renner. „Vor 50 Jahren, als noch jeder richtig gut Latein konnte, haben die vielleicht lange lateinische Beschreibungen gemacht. Das macht aber seit 30 Jahren keiner mehr. Die Anforderung war nämlich erfüllt, wenn man eine kleine Zeile Latein dazu geschrieben hat. Jetzt darf man das auf Latein oder Englisch machen. Die Länge der Beschreibung ist überhaupt nicht geregelt im Code. Der Code befasst sich nur damit, wie man die Namen korrekt bildet.“ – Und die müssen weiterhin auf Latein gemacht werden, denn daran ändert sich nichts.

Ist ein neuer Name erst einmal gefunden, heißt das aber noch lange nicht, dass eine Beschreibung damit beendet ist. Manchmal müssen Namen auch revidiert werden. „Bei den Pilzen gibt es oft asexuelle und sexuelle Formen, die ganz verschieden aussehen. Bisher gab es dafür immer zwei lateinische Namen. Man hat ja erst nach und nach herausgefunden, welche Formen überhaupt zusammen gehören. Jetzt wurde beschlossen, dass man nur noch einen Namen pro Pilz haben darf. Das ist aber schwierig, denn man muss wissen, welche asexuelle Form zu welcher sexuellen Form gehört und herausfinden, welcher der beiden Namen der jüngere ist. Der ältere Name hat Priorität, kann aber zufällig der von der asexuellen oder von der sexuellen Form sein.“ Bis zum nächsten Kongress in sechs Jahren wird sich nun ein Komitee alle Namensänderungen in Pilzen ansehen. Eine müßige Arbeit. „Natürlich ist das Endergebnis, einen Organismus mit einem einzigen Namen zu haben, schon eine erstrebenswerte Sache“, relativiert Renner. Die Regelung für die Namen von sogenannten Anamorphen und Teleomorphen gilt aber erst ab 2013.

Eine ähnliche Regel gibt es dann auch für die Benennung von Fossilien. Denn verschiedene Teile von fossilen Pflanzen wie Samen, Früchte oder Holz, finden Forscher normalerweise erst nach und nach und wissen oft noch nicht, was zusammen gehört. Auch hier soll jetzt der älteste Name Priorität haben. „Das bedeutet aber, dass in vielen Fällen irgendein ganz unbekanntes klitzekleines Stückchen, das jemand zufällig ein Jahr vorher gefunden und beschrieben hat, der Namensgeber für die ganze ausgestorbene Art wird“, gibt Renner zu bedenken.

 

Prioritäten setzen

 

Mit den Prioritäten klappt es ohnehin nicht immer. Spielen wirtschaftliche Interessen eine Rolle, werden die Regeln des Codes schon mal über den Haufen geworfen: „Es hängt auch viel Geld dran“, fährt Susanne Renner fort. „Zum Beispiel war die Akazie eine ganz heiße Diskussion seit dem letzten Kongress vor sechs Jahren. Die erste Akazie, Acacia nilotica – von Carl von Linné einst als Mimosa nilotica beschrieben –, kam vom Nil, wie ja schon im Namen drin ist. Deshalb hat Afrika sozusagen Priorität für den Gattungsnamen Akazie. Nun ist es aber so: In Australien haben sie auch um die 150 Arten. Und die Australier haben ganz viele „Acacia Loges“ und „Acacia Safaris“. Das steckt in vielen Touristik- und Hotelnamen drin. Es ist aber so, dass die Molekulardaten gezeigt haben, dass die Gattung Akazie polyphyletisch ist, total unnatürlich – die muss aufgespalten werden. Da zweifelt auch keiner dran, doch wer bekommt jetzt den Namen Akazie?“

Eigentlich hätten die australischen Pflanzen, die mit der echten Akazie nicht verwandt sind, einen neuen Namen bekommen müssen, doch so kam es nicht, wie Renner erzählt: „Die Australier wollen nicht alle ihre Hotels umbenennen. Man kann sich ja vorstellen, wie die abgestimmt haben auf einer Tagung in Melbourne! Eigentlich ist die Priorität in Afrika, aber jetzt ist es so, dass der Name Akazie nach Australien geht. Die Afrikaner, müssen nun ihre ganzen „Acacia Lodges“, „Acacia Hotels“  und „Acacia Sirups“ umbenennen. Das werden die aber kaum tun.“

Weil afrikanische Botaniker auf der Konferenz in Melbourne nicht stark genug vertreten waren? „Genau! Das ist jetzt meine flapsige Erklärung. Normalerweise gilt: Priorität ist das Kriterium, wonach wir den Namen nehmen. Die Priorität war zufällig eindeutig Afrika. Aber man kann eben, wenn andere Kriterien wichtig sind, vielleicht einmal eine Ausnahme machen. Deshalb wird immer so lange diskutiert auf den Nomenklatur-Meetings“, resümiert Renner.

 

 

Valérie Labonté
Bild: skaisbon / photocase.com



Letzte Änderungen: 28.02.2012
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