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Epub ahead of Preprint

Wie ein neues Journal den Publikationsbetrieb auf den Kopf stellen will

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(9. Februar 2012) Was Physiker und Mathematiker mit dem Onlinearchiv arXiv schon lange praktizieren, ist auch bei den Life-Sciences auf dem Vormarsch. Nach Nature Preceedings soll dieses Jahr mit F1000 Research ein weiteres Preprint-Angebot für Paper aus Biologie und Medizin starten. Das Prinzip: Veröffentlicht wird sofort – der Reviewprozess beginnt erst danach. Was wie ein Einfallstor für Schlamperei und Mittelmaß aussieht, könnte einige Mängel des klassischen Publikationssystems beheben.

Angeschoben wird das Ganze von Faculty of 1000 Ltd. In Sachen Post-Publication Review kennen sich diese Leute aus: Die Firma mit Sitz in London betreibt seit 2002 unter anderem den Onlineservice F1000, der veröffentlichte Paper von mehreren tausend ausgewählten Wissenschaftlern bewerten und kommentieren lässt. Ihr neuestes Produkt soll das Beste aus Open Access, Peer-Review und Mitmach-Internet verbinden. Wie das funktionieren soll und was es bringen könnte, stellt Laborjournal schon einmal vor.

Ganz oben auf der Prioritätenliste des neuen Journals steht die schnelle Veröffentlichung. Denn eines der größten Probleme beim klassischen Peer-Review sind die sehr langen Wartezeiten. Sie verlangsamen die Forschung, weil vorhandene Ergebnisse zum Teil Jahrelang in der Warteschleife hängen und anderen Wissenschaftlern nicht zugänglich sind. Gerade für den Nachwuchs kann das eine echte Karrierebremse sein. Bei F1000 Research soll es daher außer einer groben Plausibilitätsprüfung keine Zeitverzögerung zwischen Einreichen und Publikation geben.

Solche Arbeiten werden als Vorabdrucke gekennzeichnet und sind ab diesem Punkt für jeden lesbar und kommentierbar. Vorteil: Der Autor bekommt sofort Rückmeldung, neue Ergebnisse können für alle sichtbar diskutiert werden. Mitmachen kann nicht nur der, dessen Uni sich eine teure Lizenz leisten kann, sondern jedermann – denn das Angebot wird frei zugänglich sein. Bezahlen müssen nur die Autoren. Wie viel, das rechnen die Macher noch aus.

Der große Unterschied zu den bestehenden Preprint-Angeboten ist, dass es nach der Veröffentlichung ein formales Peer-Review mit eingeladenen Gutachtern geben soll. Wie es genau ablaufen soll, ist allerdings noch reichlich unklar. Werden die Gutachter namentlich bekannt sein? Wer kontrolliert sie? Müssen sie die Gründe für ihr Urteil darlegen und vor wem? Wer wird eingeladen? Noch läuft die Diskussion auf verschiedenen Internetseiten wie zum Beispiel auf Retraction Watch – Vorschläge nimmt F1000 gerne entgegen.

Ein weiteres Kernstück ist die Möglichkeit der Revision. Autoren dürfen und sollen ihre Arbeiten verbessern, ergänzen, oder ganz überarbeiten. Das einmal publizierte Paper als ein in Stein gemeißeltes Monument ist damit Vergangenheit. An seine Stelle tritt das Wikipedia-Prinzip der Versionsgeschichte. Bereits veröffentlichte Forschung kann so beständig verbessert werden. Der Leser kann selbstverständlich die aktuelle Version und alle Änderungen, die bis dahin vorgenommen wurden, einsehen.

Eine feste Stilform wird es bei F1000 Research nicht geben. Ob klassisches Forschungsergebnis, Daten oder Poster – alles ist erlaubt. Das Prinzip dahinter: Der Inhalt hat Priorität und bestimmt die passende Form, nicht umgekehrt. Und auch Inhaltlich gibt es kaum Grenzen. Ob Negativergebnisse, Fallstudien, reine Gedankenexperimente – alles was Erkenntnisgewinn bringt, geht.

Offener Zugang, offene Diskussion, transparente Bewertung – klingt alles wunderbar. Praktisch heißt es aber auch: Kritik fände plötzlich öffentlich statt. Fehler und Korrekturen wären für immer sichtbar. Wie viele Wissenschaftler sich trauen, so zu publizieren, warten wir gespannt ab.


Miriam Ruhenstroth
Bild: zach / photocase.com



Letzte Änderungen: 21.02.2012
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