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Gegrillte Blutkörperchen

Dass Doping und dessen Kontrolle einen hohen Unterhaltungsfaktor hat, wissen wir spätestens, seit ein übelgelaunter Oliver Kahn den gefüllten Urinbecher in die Kloschüssel pfefferte. Was wir bisher nicht wussten: Selbst esoterische Pseudomedizin ist laut den Statuten der Welt-Anti-Doping-Agentur verboten.

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Gut gegrillt ist halb gedopt: Blick ins Labor eines Erfurter Sportmediziners

(19. Januar 2012) Ein Erfurter Sportarzt hat in punkto „innovative, unerlaubte Leistungssteigerung" augenscheinlich den Vogel abgeschossen: Er habe Erythrozyten außerhalb des Körpers quasi eine "Bräunungskur" verpasst und die UV-bestrahlten Blutkörperchen danach wieder den betreffenden Sportlern injiziert, berichten übereinstimmend der Deutschlandfunk und Die Zeit. Diese Maßnahme sollte „die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Gewebes und damit die Leistungsfähigkeit [der Sportler] erhöhen", so Die Zeit weiter. Der Diplom-Mediziner hingegen rechtfertigte sich, er habe „lediglich kranke Sportler wieder gesund machen" wollen. Doping sei das nicht, so der Arzt aus Erfurt.

Da hat der experimentierfreudige Alternativmediziner wohl recht. Viel eher schon ist es schwere Körperverletzung, was der Mann – der laut Medieninformationen immerhin langjähriger Vertragsarzt des Olympiastützpunktes Thüringen sein soll – seit mindestens 2005 an seinen hilfe- und leistungssuchenden Klienten verursacht hat. Denn dass die abstruse „Therapie" (wie er und die ihm Anvertrauten angeblich glauben) „Infektionen, Durchblutungsstörungen, Stoffwechselstörungen, Altersbeschwerden und sogar Krebs" heilen kann, ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist: Die Behandlung ist purer Humbug und vielleicht sogar schädlich. Denn was die bestrahlten – also mutierten – Blutzellen hinterher im Körper der Athleten anrichten, weiß niemand. Studien dazu existieren nicht. Nur Glaubenssätze.

Zwar sind Manipulationen von Eigenblut grundsätzlich verboten, wie beispielsweise der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) feststellte. Doch im Ernst: Dies ist doch zweitrangig – und ebenso, ob die Motivation der Erfurter Blutgriller erlaubte oder unerlaubte Leistungssteigerung war.

 

Viel bemerkenswerter sind die seltsamen Irrlehren, denen so manch wackerer Profisportler anhängt - und dass gerade im Spitzensport unverhältnismäßig viele Quacksalber ihr Unwesen treiben (oder besser: treiben können). Und auch bei der deutschen Medizinerausbildung scheint Einiges im Argen zu liegen. Zitate des Erfurter Arztes wie „Die UV-Bestrahlung von Blut ist eine seit Jahrzehnten bekannte Methode zur Behandlung von Infekten" sprechen eine deutliche Sprache: Für die Artikulation eines solchen Humbugs müsste man dem werten Herrn sofort und unwiderruflich die Zulassung entziehen.

 

Dass dies keiner tut, spricht ebenfalls Bände.

 

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 01.02.2012
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