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Laborgeschichten (10) – Vorratshaltung

Nicht alle Chemikalien lassen sich auf Vorrat halten...

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(10. Januar 2012) Die frisch gebackene Doktorandin L. war erst wenige Tage im neuen Labor und wusste gerade einmal, wo sie einen Sterilfilter fand oder eine frische Packung Handschuhe. Da bescherte ihr der ebenfalls neue Doktorand W. einen Einstand, den sie so schnell nicht vergessen würde.

Für die beiden „Neuen“ gab es in den ersten Tagen vor allem Sicherheitsbelehrungen. Für Tierstall, Gentechnik, Radioaktivität und alles mögliche wurden sie von verschiedenen Sicherheitsbeauftragten eingewiesen. Sie bekamen Fächer in Kühl- und Gefrierschränken zugeteilt, halfen bei der feierlichen Beseitigung von jahrealten Reagenzien ihrer Vorgänger und erhielten künftige Laborjobs. L. war von nun an zuständig für die Bestellung von Verbrauchsmaterial, denn TA C. streikte, seit ein Karton mit feinstem Kautschukschlauch für teures Geld geliefert wurde, den vermeintlich niemand in die Bestellliste eingetragen hatte, den niemand brauchte und den man nicht zurückschicken konnte.

Doktorand W. wurde derweil der neue Stickstoffbeauftragte. Er sollte nun täglich im Keller die Tagesration Stickstoff fürs Labor besorgen. Doch die Anweisung mit dem gefüllten Behälter immer die Treppe in den dritten Stock zu nehmen missfiel ihm und er suchte nach einer bequemeren Lösung. Da der Deckel des Cryogefäßes nur locker aufsaß, war es ja auch kein Wunder, dass er ständig in den Keller rennen musste – das Zeug verdampfte einfach viel zu schnell. Also ließ W. – auf eigene Kosten – beim Laborgerätebauer einen Gummistopfen maßanfertigen.

Nachdem W. die nächste Portion Stickstoff geholt hatte, packte er stolz seinen Gummistopfen auf das Cryogefäß und blickte einer stickstofftechnisch ruhigen Woche entgegen. Nur hielt die Ruhe leider keine Woche. Nach ein paar Stunden knallte es im Cryoraum: Der Gummistopfen war durch die Luft geflogen, das Cryogefäß zerborsten und flüssiger Stickstoff hatte den Boden überflutet. Die AGler eilten herbei, die Arbeitssicherheit wurde gerufen – oder brauchte man gar die Feuerwehr? –, der Chef kam und betrachtete ungläubig das Malheur. Während die Arbeitssicherheit schon versuchte den Raum zu belüften, bekam W. vom Chef eine Standpauke, der man im ganzen Institut lauschen konnte.

L. betrachtete das Spektakel und malte sich aus, was während ihrer Doktorarbeit noch alles passieren würde in diesem Labor. Der Sicherheitsbeauftragte dagegen hatte endlich mal wieder eine neue haarsträubende Geschichte für seine nächste Belehrung im Repertoire.

 

 

Valérie Labonté



Letzte Änderungen: 30.01.2012
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