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Ärmel hochkrempeln: Der Osten macht's vor (I)

Der deutsche Biotech-Motor stottert. Unser südöstlicher Nachbar Tschechien hingegen spuckt in die Hände und brachte vor wenigen Tagen eine Pharmafirma an die Prager Börse. Müssen wir uns Sorgen machen?

(08.07.04) Vier Spiele, alle gewonnen ? Tschechien hatte Baros und Nedved und Poborsky und wie sie alle heißen. Heiß und hungrig auf Erfolge - kleinlautes Geflenne kennen die böhmischen Eliteballstreichler nur aus dem Westfernsehen. Die lauffaulen Deutschkicker erlebten statt des Wunders von Lissabon ihr befürchtetes blaues EM-Wunder: Ausgeschieden bereits nach drei Spielen - die Stürmer fußlahm, das Mittelfeld trotz Ballack und Lahm uninspiriert, die Abwehr überfordert. Hinterher, in der Kabine, zuckte Bobic vermutlich nur müde mit den Schultern, rückte die schwere Rolex zurecht und schleppte sich dann mit Klose und Novotny zur nächsten portugiesischen In-Disco.

Sollten wir Deutschen uns Sorgen machen? Ach was - schließlich sind die tschechischen Europameister der Herzen am vergangenen Mittwoch ebenfalls ausgeschieden: Otto I. von Griechenland, auch "Fußballverhinderer" genannt, betrat die Arena von Porto und erstickte mit deutschen Defensivtugenden die herzerfrischende tschechische Fußballkunst samt allen hochfliegenden Träumen erbarmungslos. Der legendäre "Professor" Karel Brückner, Nationaltrainer in unserem östlichen Nachbarland, konnte einem leid tun. Doch spätestens beim nächsten Turnier wird's klappen mit dem Hauptgewinn. Hofft nicht nur der Laborjournal-Redakteur.

Was das alles mit der deutschen Biotechnologie und Pharmaindustrie zu tun hat? Nun ja - auch hier stottert und kracht es im Getriebe, schlimmer noch als bei Bobic und Co. Jammern und Zagen allerorten, die Köpfe stecken im Sand und hoffen auf bessere Zeiten. Schwerlich hat man den Eindruck, dass Deutschland wenigstens hier demnächst Europameister werden könnte.

Wiederum ganz im Gegensatz zu unserem südöstlichen Nachbarn Tschechien. Oh ja, auch der hat derzeit ein paar Problemchen: 9,9 Prozent Arbeitslose etwa, oder ein mit 2,5 bis 3 Prozent - im Vergleich zu anderen EU-Beitrittsländern - unterdurchschnittlich wachsendes Bruttoinlandsprodukt. Doch ansonsten gibt Prag längst wieder Vollgas: Tschechische Produkte erobern zunehmend den Westmarkt, westliche Firmen investieren wieder massiv im ehemaligen Musterländle der EU-Neulinge, und die Regierung Spidla forciert derzeit mit Nachdruck genau die Reformen, vor denen die Deutschen panisch zurückschrecken.

Und nun hat Tschechien - vor 15 Jahren noch sozialistisch! - sogar einen sehr erfolgreichen Börsengang zu verzeichnen, der auch Laborjournal-Leser interessieren dürfte: Am 28. Juni 2004 ging der Generikahersteller Zentiva an die Prager Börse PSE. Jawohl, die Osteuropäer wollen auch in den Life Sciences nach vorne, wollen mitspielen im europäischen, ja weltweiten Konzert und sich ein gutes Stück des biopharmazeutischen Kuchens sichern - die kleinen, vermeintlich noch immer so rückständigen Tschechen, deren Wirtschaftskraft sechsmal schwächer ist als die unsrige. Noch ist das so. Doch aufgepasst: Der Rückstand verringert sich.

Der Autor dieser Zeilen holperte übrigens vor fünfzehn Jahren mit seinem Fahrrad zwischen fußballtiefen Schlaglöchern auf einer Adventure-Tour durchs böhmische Hinterland. Herber Charme - außer verfallenen Häusern, kaputter Natur und trostloser Brachlandschaft gab's nicht wirklich viel zu sehen. Kaufen konnte man auch fast nichts, nur Riesenschnitzel im sozialistischen Grand-Hotel samt Beilagen und Getränk für umgerechnet eine Mark fünfzig. Nur dauerte es Stunden, bis der lustlose Kellner sein Schwätzchen mit dem Koch beendet hatte und mit der Rechnung angeschlurft kam.

Das alles hat sich längst grundlegend geändert. Es gibt kaum Schlaglöcher mehr im Asphalt und in den Gaststätten umdribbeln die Kellner die Tische wie Wunderstürmer Baros die deutsche Abwehr. Auch Biotech-Firmen gibt's bei den Böhmen - viele noch nicht, aber es werden ständig mehr. Weitere Infos zu den umtriebigen Tschechen und vor allem zu Zentivas 153-Millionen-Euro-Börsengang demnächst hier bei www.laborjournal.de. Ferner eine erste Einschätzung zum Aufsehen erregenden Epigenomics-IPO - die Aktien der Berliner können seit Montag ebenfalls gezeichnet werden. Ein Lichtblick für Deutschlands Life Science-Szene? Wir werden sehen.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 09.07.2004
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