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Virtopsy - Obduktion ohne Skalpell

Klingt wie Science Fiction, ist es aber nicht: Statt einer Obduktion werden Leichen gescannt und durchleuchtet – ohne sie auch nur zu berühren. Das sei viel effizienter und genauer, meinen die Erfinder von "Virtopsy".

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(8. Dezember 2011) Seit Jahrhunderten haben sich die Methoden der Rechtsmediziner zur Untersuchung von Leichen nicht wesentlich geändert: Im Vordergrund stehen nach wie vor Skalpell und menschliches Auge. Fortschritte in der Bildgebung machen es heute aber möglich, nicht-invasiv in Körper hineinzuschauen. An der Universität Zürich leitet der Rechtsmediziner Michael Thali ein interdisziplinäres Team, um das gesamte Potenzial der Bildgebung für die Forensik auszuschöpfen – ein Konzept, das die Schweizer „Virtopsy“ nennen.

 

Laborjournal: Herr Professor Thali, was ist Virtopsy?


Michael Thali: Wir haben diesen Begriff zusammengesetzt aus dem Wort „Autopsie“, für „selbst sehen“, und „virtuell“, was so viel wie tugendhaft bedeutet. „Virtopsy“ steht also für „tugendhaftes Sehen“. Konkret verstehen wir darunter einen gesamtheitlichen bildgebungsgestützten Ansatz in der Forensik.

 

Also beispielsweise Computertomographie, die in der Rechtsmedizin auch im deutschsprachigen Raum zunehmend zum Einsatz kommt?

 

Michael Thali: Wir verstehen darunter mehr als nur CT-Aufnahmen. Wir erfassen die Oberfläche von Leichen, aber auch die von Tatorten, Tatwerkzeugen und Unfallautos mit 3D-Scannern und haben dafür auch mobile Geräte. Für den Blick ins Innere nutzen wir Computertomographie und Magnetresonanz. Weiterhin haben wir die Möglichkeit der computergestützten postmortalen Biopsie und Angiographie. All diese Technologien sind in einem Apparat integriert, den wir „Virtobot“ nennen. Das hebt uns von anderen Projekten ab, die sich mehr auf postmortales Imaging, insbesondere bei der CT, beschränken.

 

Geht das nicht weit über das Berufsbild des Rechtsmediziners hinaus?

 

Michael Thali: Ich spreche etwas salopp gerne mal vom „modernen Rechtsmediziner“. In unserem Team arbeiten klassische Rechtsmediziner, um die Forensik zu deuten, und Radiologen, die die Bilder lesen können. Daneben aber auch Ingenieure, die das Oberflächenscanning verstehen, sowie Softwareexperten, die das Zusammenfügen der Daten beherrschen. Erst am Ende fließen diese Einzelbefunde dann in einem einheitlichen Gutachten zusammen.

 

Lohnt es sich denn auch in der Praxis, dieses teure Equipment anzuschaffen, zu unterhalten und Personal einzustellen, das die verschiedenen Techniken beherrscht?

 

Michael Thali: Es ist klar, dass nicht jedes kleine Institut so etwas unterhalten kann. Sie müssen natürlich eine kritische Fallgröße erreichen. Für uns ist das sicher in erster Linie universitäre Forschung, denn mit nur 450 Obduktionsfällen im Jahr, wie bei uns in Zürich, würde sich das als reine Dienstleistung sicher noch nicht tragen. Andererseits erhält jeder forensische Fall, der bei uns reinkommt, die ganze Palette der Virtopsy. Trifft um halb acht eine Leiche ein, schieben wir sie sofort ins CT – das dauert vier bis fünf Sekunden vom Scheitel bis zur Sohle – und haben um acht Uhr zum Rapport schon die Bilder parat und wissen sofort, in welche Richtung das geht. Das Equipment ist teuer, aber vergleichen Sie das mit dem Aufkommen der DNA-Technologie: die war damals auch um den Faktor zehn teurer als die Serologie. Dennoch benutzt man heute für eine Vaterschaftsanalyse auch keine Blutgruppen mehr.

 

Einige Kritiker der Virtopsy sagen, dass eine klassische Autopsie zuverlässigere Ergebnisse bringe.

 

Michael Thali: Das stimmt so nicht. Man muss natürlich lernen, die Bilder wie eine Sprache zu lesen, deswegen haben wir die Radiologen im Team. Manchmal ist auch eine Biopsie notwendig. Aber umgekehrt ist in der Autopsie auch nicht immer alles klar, da müssen manchmal auch erst histologische oder mikroskopische Untersuchungen vorgenommen werden, bis man ein Ergebnis hat. Die Virtopsy wurde nicht als Bedrohung für die Rechtsmedizin entwickelt, sondern zur Qualitätssteigerung. Man hört ja immer, dass in Deutschland jedes zweite Tötungsdelikt übersehen wird. Unser Ziel wäre eigentlich, dass man mehr Leichen zumindest im CT anschaut und sagt: Hey, das geht so schnell, wir fahren eben im Institut vorbei, und dann wissen wir mehr. Darin sehe ich den Mehrwert.

 

Wird Virtopsy auf lange Sicht die klassische Autopsie ersetzen?

 

Michael Thali: Damals hätte ich diese Frage vielleicht etwas provokant mit ‚ja’ beantwortet. Heute aber sage ich in schweizerisch-diplomatischer Manier: 60 bis 80 Prozent der forensischen Todesursachen sehen wir jetzt schon durch den Virtopsy-Approach. Ob man damit die klassische Autopsie je ganz ersetzen wird, das soll die Zukunft sagen und nicht der Thali.

 

 

Interview: Mario Rembold

Foto Thali: Michael Thali

Bilder "CT-Angiographie" und "Biopsie per Virtobot": Virtopsy



Letzte Änderungen: 27.12.2011
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