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Laborgeschichten (9) - Buchstabensalat

Schlimm genug, wenn man erkältet ist und im Labor nach seinen Experimenten sehen muss. Wenn dann die AGler auch noch Gesundheitstipps geben, geht man lieber schnell wieder nach hause.

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(9. November 2011) Doktorand D. schleppt sich morgens, in Schal und Mütze eingepackt, ins Institut um nach seinen Bakterien-Kulturen zu sehen. Er fühlt sich elend, friert, hat Husten, Fieber, Halsschmerzen, die Nase läuft. Doch die lieben E. colis müssen dringend überimpft werden, sonst war das Experiment umsonst. Im Labor angekommen, schlägt ihm eisige Kälte entgegen, die er gerade gar nicht vertragen kann. Die Fenster stehen offen und die Kollegen sitzen in Jacken da, nur weil Postdoc F. mal wieder Beta-Mercaptoethanol verschüttet hat. D. ist mit seiner verstopften Nase heute zwar klar im Vorteil, flüchtet aber gleich in den Brutraum zu seinen Kulturen. – Dort stinkt es ja auch manchmal.

Das Überimpfen zieht sich bis zum Mittag, weil in D.s Kopf gefühlt nur noch Watte steckt, aber auch, weil er sich im wärmenden Brutraum ohnehin ganz wohl fühlt. Endlich nicht mehr frieren! Nach getaner Arbeit setzt er sich mit den Kollegen zum Kaffee und hört sich gut gemeinte Ratschläge aus der Hausapotheke an.

„Einreiben mit Erkältungspaste, machst Du das? Da ist Campher drin, das fördert die Durchblutung, damit Du nicht mehr so frierst. Und dein Husten löst sich dann auch“, weiß gleich die TA K. „Nein, du sollst raus an die frische Luft und dich bewegen, davon wird es dir auch warm“, fordert Doktorandin P. ihn auf. Auch der Chef steckt den Kopf in die Küche und rät: „Zwiebeln in Honig auskochen und jede Stunde einen Löffel nehmen – dann bist Du übermorgen wieder fit und wir können die Publikation besprechen. Die Schwefelverbindungen machen's!“ „Viel trinken“,  befiehlt dagegen Diplomand B. und stellt ihm ein Glas Wasser hin. D. hält das für die praktikabelste Maßnahme und wirft noch eine Brausetablette gegen Husten mit ins Glas, die sich langsam auflöst.

Bevor er den ersten Schluck seiner Medizin einnehmen kann, ruft der russische Gaststudent I. entsetzt: „Bist Du verrückt, das kannst Du doch nicht nehmen!“ D. sieht ihn fragend an, weiß nicht, was er falsch gemacht hat und wartet auf den nächsten Gesundheitstipp – diesmal aus Russland. I. beharrt darauf: „Du sollst lieber kein 'ASS' bei Fieber nehmen. Für Kinder ist das sogar verboten.“ „'ASS'?“ fragt D. „Meinst Du Aspirin? Auf meiner Packung steht 'ACC' und das ist bei Husten genau das richtige.“ I. ist kurz verwirrt und erklärt: „Oh, das russische S schreibt man wie euer C. Immer diese deutschen Buchstaben.“

Nach dem Glas 'ACC' und der Lektion in kyrillischer Schrift, kann D. nun endlich nach Hause gehen. Während er das Institut verlässt, fragt er sich schmunzelnd, ob I. im Labor von Zeit zu Zeit auch Kohlenstoff mit Schwefel verwechselt?


Valérie Labonté




Letzte Änderungen: 04.03.2013

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