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Essen für Alle - Aber wie?

Ungefähr jeder siebte Mensch hungert. Bis zum Jahr 2050 wird sich dieses Problem weiter verschärfen, da die Weltbevölkerung voraussichtlich von sieben auf neun Milliarden Menschen anwächst. Wie es gelingen könnte, den Hunger zu stillen und dabei gleichzeitig die Umweltbelastung durch die Landwirtschaft zu senken, stellte ein internationales Forscherteam in Nature vor.

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(3. November 2011) Einer der Autoren der Studie ist Stefan Siebert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn (INRES) (Foley et al., Nature 2011, 478:337-42). Der Agrarwissenschaftler untersucht auf globaler Ebene den Zusammenhang zwischen der Nutzung natürlicher Ressourcen, wie Wasser und Nährstoffen, und Erträgen von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen.

 

Laborjournal: Herr Siebert, den Hunger weltweit zu bekämpfen und dabei die Umwelt zu schonen ist ein ehrgeiziges Ziel.

Stefan Siebert: Aufgrund des Bevölkerungswachstums und der Veränderung der Ernährungsweise muss die landwirtschaftliche Produktion in den nächsten 50 Jahren deutlich erhöht werden, um den steigenden Nahrungsmittelbedarf zu decken. Wir müssen zukünftig deutlich nachhaltiger wirtschafteten als bisher, um das Produktionspotential langfristig aufrecht zu halten und negative Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren. 

Was war der Auslöser für die umfassende Studie?

Stefan Siebert: Seit kurzem stehen Daten zur Verfügung, die global und mit hoher räumlicher Auflösung abbilden können mit welchen Methoden Nutzpflanzen auf landwirtschaftlichen Flächen angebaut werden und wie hoch die Erträge dabei sind. Auch die Nutzung der Kulturen als Nahrungsmittel, Futter oder Bioenergie sowie Verluste durch Lagerung, Transport und Verarbeitung lassen sich heute weltweit erfassen. Bisher gab es lediglich Untersuchungen, die sich umfassend mit einzelnen Regionen beschäftigten oder globale Studien zu Teilaspekten, beispielsweise zur Wassernutzung oder dem Düngemitteleinsatz.

Wie funktioniert die weltweite Erfassung der Landwirtschaft?

Stefan Siebert: Um Landnutzung, Erträge und Ressourcennutzung abzubilden, werden Statistiken aus nationalen Erhebungen mit anderen geographischen Informationen zu Bodeneigenschaften oder Klima mit Satellitenbildern kombiniert. Diese Datensätze werden übereinander gelegt und so raumzeitliche Unterschiede deutlich gemacht.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Studienergebnissen?

Stefan Siebert: Wir haben fünf Maßnahmen gefunden, mit deren Hilfe sich die Erträge bei verringerten Umweltauswirkungen deutlich erhöhen ließen: Erstens sollte die Ausbreitung landwirtschaftlicher Flächen gestoppt werden, besonders in den Tropen. So würden wertvolle Ökosysteme geschützt und der Treibhauseffekt verringert. Zweitens müssten in Regionen mit schlechten Ernten die Erträge erhöht werden, etwa durch den Einsatz geeigneterer Sorten und besserer Anbaumethoden. Der dritte Punkt ist die strategische Nutzung natürlicher Ressourcen: Dünger wird beispielsweise oft zu wenig oder zu viel eingesetzt – genau richtig dagegen selten. Viertens sollten die besten Böden der Produktion von Grundnahrungsmitteln vorbehalten sein. Zur Erzeugung von Bioenergie oder pflanzlichen Futtermitteln sollten demnach nur Flächen genutzt werden, die für die Nahrungsmittelproduktion ungeeignet sind. Die fünfte Maßnahme sieht vor, Verluste in der Nahrungsmittelkette zu verringern: Von der Produktion über den Transport bis hin zur Lagerung und dem Verbrauch.

Wie schätzen Sie das Potential gentechnisch veränderter Pflanzen für die Ertragssteigerung ein?

Stefan Siebert: Im Moment wachsen auf circa zehn Prozent des Ackerlandes gentechnisch modifizierte Pflanzen. Die meisten von ihnen tragen Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel oder haben eine geringere Anfälligkeit gegenüber Schädlingen. Diese Pflanzen ermöglichen eine andere Produktionstechnik, haben aber prinzipiell kein höheres Ertragspotential als herkömmliche Sorten. Angepasstere und ertragreichere Sorten werden nach wie vor vor allem durch herkömmliche Züchtungsmethoden erzeugt. Insofern denke ich, dass gentechnisch modifizierte Nutzpflanzen nur ein kleines Puzzleteil im Mosaik der optimierten Landwirtschaft darstellen.

Die Maßnahmen, die Sie und Ihre Mitstreiter in der Publikation vorschlagen erfordern große Umwälzungen.

Stefan Siebert: Ich denke der wesentliche Aspekt ist, dass man zunehmend über nationale Grenzen hinausschauen muss. Eine isolierte nationale oder europäische Agrarpolitik, wie sie lange Zeit gemacht wurde, ist in der heutigen Welt nicht mehr denkbar. Dazu ein etwas überspitzt dargestelltes Beispiel: Kühe müssen hierzulande ein hohe Milchleistung erbringen, damit die Bauern wirtschaftlich arbeiten können. Geben die Bauern ihren Kühen deswegen Soja als Kraftfutter, das in den Tropen angebaut wird, wo einst Regenwald wuchs, dann ist das global betrachtet kontraproduktiv.

Wie sollen die Bauern diese Probleme lösen?

Stefan Siebert: Diesen Konflikt können die Bauern nicht alleine lösen. Das ist ein gesellschaftliches Thema. Von Seiten der Politik gibt es ja durchaus Instrumente, um landwirtschaftliche Maßnahmen durchzusetzen – etwa Förderungen oder steuerliche Maßnahmen. Eine ganz wesentliche Rolle spielen aber auch die Verbraucher.

Was kann der Einzelne dafür tun, das sich etwas bewegt?

Stefan Siebert: Wenn Sie die Debatte um die Bioenergie verfolgen, werden Sie sehen, dass sie sich im Lauf der Zeit verändert hat. Die anfängliche Euphorie wurde zunehmend von kritischen Stimmen abgelöst: Durch den zunehmenden Anbau von Bioenergiepflanzen fehlten Flächen, um Menschen zu ernähren oder es wurden wertvolle Biotope in Acker- oder Weideland umgewandelt. Das heißt, es entwickelt sich eine gesellschaftliche Debatte, in der überprüft wird ob Maßnahmen sinnvoll und zielführend sind. Wenn das nicht so ist, werden Anpassungen vorgenommen.


Melanie Estrella
Bild: privat



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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