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Felder und Forschung zerstört

Gentechnik-Gegner vernichten auf Versuchsfeldern nicht nur transgene Pflanzen, sondern auch die Forschung und den Etat von Monaten oder Jahren.

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(6. September 2011) Anfang Juli verwüsteten in Groß-Lüsewitz in der Nähe von Rostock vermummte Aktivisten Versuchsfelder mit transgenem Weizen und transgenen Kartoffeln. Diese Feldzerstörungen sind nicht neu, das Ausmaß an Gewalt, das angewendet wurde, dagegen schon. Für Inge Broer von der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Uni Rostock (AUF) sind diese Überfälle eine wissenschaftliche Katastrophe.

 

Laborjournal: Frau Broer, was ist an dem Abend vom 8. auf den 9. Juli bei den Versuchsfeldern vorgefallen?


Inge Broer: Mehrere Personen haben den am Feld positionierten Wachmann überwältigt, in die Wachhütte gesperrt und ihn mit Scheinwerferlicht geblendet. Ihm wurde das Handy abgenommen und die Reifen seines Autos wurden zerstochen. Die Aktivisten waren mit Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet, was sie aber zum Glück nicht eingesetzt haben. Die Feldzerstörer haben innerhalb von 30 Minuten die Arbeit von Jahren zunichte gemacht: Der Weizen wurde zertrampelt und die Kartoffeln herausgerissen.


Werden solche Versuchsfelder immer bewacht? Wer trägt die Kosten dafür?


Inge Broer: Anfangs gab es keine Überwachung, diese wurde aber mit der Zeit notwendig. Meist ist ein Wachmann zusammen mit einem Hund Tag und Nacht vor Ort. In diesem Fall gab es keinen Hund, was wohl auch ein Grund für den Überfall sein mag. – Zumindest wurde bisher noch kein Feld bei Anwesenheit eines Wachhundes zerstört. Für die Überwachung mussten wir die Übernahme der Kosten nachträglich beim BMBF beantragen.


Wie häufig sind solche Aktionen und wer steckt dahinter?


Inge Broer: Letztes Jahr gab es – soweit ich weiß – gar keine Zerstörungen, obwohl mehrere angekündigt waren. Dieses Jahr waren mehr als die Hälfte von 17 Versuchen in Deutschland betroffen. Es gibt immer wieder Aufrufe von allgemeinen Gentechnikgegnern und Ökoaktivisten zu solchen Feldzerstörungen. Wer genau dahinter steckt wissen wir natürlich nicht.


Was sind die Beweggründe der Feldzerstörer?


Inge Broer: Viele sehen die grüne Gentechnologie als allgemeine Gefahr an. Als Werkzeug der Großindustrie, das zu Monopolisierung und Abhängigkeiten führen kann. Inhaltliche Gegenargumente kenne ich von der Aktivistenseite nicht. Ziel unseres Versuchs war alleinig die Zulassungsbedingungen für gentechnisch veränderte Pflanzen zu verbessern. Bisher sind dazu sehr aufwändige und kostspielige Großversuche notwendig, die sich oft nur Großkonzerne leisten können. Das könnte wirklich zu einer Monopolisierung führen. Wir entwickeln deshalb effektivere Methoden, die bei mindestens gleicher Sicherheit weniger Zeit und Geld benötigen. Solche Methoden wollten wir in den Feldversuchen überprüfen.


„Zulassung von Pflanzen“ – das klingt nach Patentierung und somit nach wirtschaftlichen Interessen.


Inge Broer: Mit Patenten hat das gar nichts zu tun. Der Weizen, den wir als Modell zur Überprüfung unserer Verfahren an Getreide genutzt haben, ist nicht für den Markt gedacht. „Zulassung“ steht in dem Fall für die Genehmigung durch die EU, damit die Pflanze in Europa angebaut und verkauft werden darf. Für diese Genehmigung muss die Pflanze hinsichtlich möglicher Risiken für Umwelt und Verbraucher genauestens geprüft werden. Der Weizen- und der Kartoffelversuch wurden von Universitäten mit öffentlichen Mitteln durchgeführt und dienten dem Wissensgewinn der Allgemeinheit und nicht einzelnen Großunternehmen.


Wie geht es nun mit Ihrer Forschung weiter? Wie viel Zeit und Geld haben Sie durch die Feldzerstörung verloren?


Inge Broer: Diese Aktion kann uns ein bis zwei Jahre zurückwerfen. Das wäre in erster Linie eine wissenschaftliche Katastrophe, vor allem für die Doktoranden. Ihnen fehlen Ergebnisse und sie können ihre Arbeit nicht fertigstellen. Der Versuch muss wiederholt werden und dazu ist ein weiterer Forschungsantrag nötig, was etwa 200.000 bis 300.000 EUR entspricht. Wenn wir es nicht schaffen, ausreichend viele Feldversuche durchzuführen, geht der Schaden – auf alle betroffenen Partner hochgerechnet – in die Millionen, die letztendlich aus Steuermitteln finanziert werden. Das Weizenprojekt wurde schon ein Mal 2009 sabotiert. Wäre das nicht passiert, wäre dieses Jahr gar kein transgener Weizen auf dem Feld gewesen, weil wir genügend Ergebnisse gehabt hätten. Die Aktivisten erreichen eigentlich nur das Gegenteil: Wir müssen öfter freisetzen, als es ohne die Zerstörungen geschehen wäre.


Denken Sie nicht manchmal daran aufzugeben, wenn Ihre jahrelange Arbeit immer wieder zerstört wird?


Inge Broer: Natürlich denkt man darüber nach aufzugeben und sich in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurückzuziehen oder die Forschung ins Ausland zu verlagern. Aber ich stelle mir dann immer vor, dass es in 20 Jahren ernsthafte Probleme geben wird, die nur oder besser mit Hilfe von transgenen Pflanzen gelöst werden könnten. Ich kann doch nicht verantworten dazu beizutragen, diese Möglichkeit aus Feigheit verschenkt zu haben.

 

 

Stefanie Haas
Bild: Inge Broer



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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