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Auf nimmer wieder sehen - Interview mit Franz J. Conraths

Die Rinderpest ist nach den Pocken die zweite Krankheit, die weltweit ausgerottet ist – doch ist sie damit wirklich ein für alle mal verschwunden?

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(2. August 2011) Die Welternährungsorganisation (FAO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) haben die Rinderpest seit Mai 2011 weltweit als ausgerottet erklärt. Die Krankheit – ausgelöst durch das Morbilli-Virus – führte bei Rindern zu Durchfall und Fieber und raffte oftmals in wenigen Tagen ganze Viehbestände dahin. Laborjournal fragte Franz J. Conraths, Leiter des Instituts für Epidemiologie am Friedrich-Löffler-Institut in Wusterhausen, wann und wieso man davon ausgehen kann, dass eine Krankheit tatsächlich ausgerottet ist.

Laborjournal: Wieso ist man sich sicher, dass die Rinderpest nicht wieder auftreten wird?

Franz J. Conraths: Alle Staaten der Welt haben ein Zertifizierungsverfahren durchlaufen, das FAO und OIE Ende der 1980er gemeinsam vereinbart hatten. Ich denke, dass eine hohe Sicherheit erreicht ist. Aber in der Wissenschaft ist ja nichts sicher, man redet immer von Wahrscheinlichkeiten. Man muss zudem in verschiedenen Staaten die Kriterien unterschiedlich bewerten. Pakistan und Indien sind gute Beispiele, die haben sich sehr viel Zeit gelassen und sehr sorgfältig geprüft. Deshalb kann man heute davon ausgehen, dass dort die Rinderpest nicht mehr vorkommt. Für den Süden von Somalia dagegen fällt es mir schwer zu sagen, wie im Moment überhaupt die staatlichen Strukturen aussehen, anhand derer man den Überwachungsprozess nachvollziehen kann. Dort gab es aber die letzten Hinweise darauf, dass die Rinderpest noch vorkommen könnte. Die letzten publizierten serologischen Studien aus der Gegend beziehen sich auf Beprobungen, die etwa 2002/2003 stattgefunden haben. Danach gibt es keine publizierten Daten mehr aus der Gegend. Nichts desto trotz haben die internationalen Organisationen im letzten Jahr selbst dieses Gebiet für Rinderpest-frei erklärt. Wollen wir mal hoffen, dass sie damit recht behalten.

Welche sind die Kriterien für das Zertifizierungsverfahren?

Franz J. Conraths: Zuerst erklärt ein Land sich selbst auf Grundlage einer Dokumentation als vorläufig frei. Das heißt, dass keine klinischen Fälle aufgetreten sind und dass man ein Überwachungssystem hat, das Hinweise gibt, wenn die Krankheit auftritt. Das geht bei der Rinderpest ganz gut, da man diese klinisch und serologisch überwachen kann. Es gibt einfache Testsysteme, zum Beispiel einen ELISA, der gut funktioniert. Damit kann man auch die Krankheitsfälle sehen, die die Tiere überlebt haben. Das ist aber nur bei wenig virulenten Varianten des Rinderpest-Virus der Fall. Oft ist die Mortalität sehr hoch, was tatsächlich auch der Ausrottung entgegenkommt. Danach muss das Land einen Fragebogen mit einem umfangreichen Dossier beantworten. Ob die Selbsteinschätzung nachvollziehbar und die international geltenden Kriterien  erfüllt sind, überprüft ein internationales Komitee, das FAO und OIE gemeinsam ernannt haben.

Kommen Rinderpest-Viren noch in Wildtieren vor?

Franz J. Conraths: Das wäre katastrophal. Wenn es ein Wildtierreservoir gibt, muss man davon ausgehen, dass die Rinderpest von da aus wieder zurück in die Hauswiederkäuer-Population kommt. Das hat man aber mit überwacht. Wenn die Ausrottung wirklich gut gelaufen ist, tauchen keine Viren mehr auf.

Wann gab es die letzten Fälle von Rinderpest in Europa?

Franz J. Conraths: Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein. In Deutschland beispielsweise ist 1883 der letzte dokumentierte Fall vorgekommen. Hier war die Rinderpest die Grundlage für unser heutiges Handwerkszeug in der Bekämpfung von Tierseuchen. Man hat zunächst im Norddeutschen Bund eine Gesetzgebung veranlasst, mit der man gezielte Maßnahmen in den Tierbeständen ergreifen konnte: die Bestände wurden beispielsweise gesperrt und Gegenden, in denen Rinderpest auftrat, konnten zumindest für den Tierverkehr abgeriegelt werden; außerdem konnten infizierte Tiere getötet werden. All das hat sich insbesondere bei der Rinderpest bewährt. Mit diesen Maßnahmen hat man es Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb von etwa 15 Jahren geschafft die Rinderpest in Deutschland zu tilgen. Aber das hat nicht überall so gut funktioniert. Ich denke, wenn man nicht im Verlauf der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gute Impfstoffe entwickelt hätte, dann wäre in Afrika und wahrscheinlich auch in Asien die Ausrottung nicht so leicht gelungen. Dadurch gab es den letzten Schub, um die Krankheit zumindest so weit zurück zu drängen, dass man sagen kann sie ist ausgerottet.

Wird jetzt noch weitergeimpft?

Franz J. Conraths: Nein, es ist wichtig, dass man schon vor der Bestätigung der Ausrottung aufhört mit Impfen. Dann kann man anhand der Monitoring-Systeme, die weiterhin in Kraft sind, sehen, ob noch einmal Tiere auftauchen, die Antikörper haben, oder ob es doch noch einmal zu Ausbrüchen kommt.

Rotten sich Krankheiten selber aus, wenn die Durchimpfungsrate hoch genug ist?

Franz J. Conraths: Ich weiß nicht, ob man das generell beurteilen kann. Darüber gibt es auch unterschiedliche Auffassungen. Wir haben bei uns die Klassische Schweinepest bei Wildschweinen, die wir versuchen auszurotten oder zurückzudrängen, so weit es nur geht. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern geht man davon aus, dass man die Schweinepest mit Hilfe der Impfung getilgt hat. Konkret heißt das, dass durch einen hohen Anteil von geimpften Tieren und der natürlichen Immunität von Tieren, die die Krankheit überlebt haben, der Schutz so weit angestiegen ist, dass die Infektionsketten abgebrochen sind. Doch ein Problem ist, dass der Anteil der immunisierten Tiere am Ende bei jeder Krankheit unterschiedlich hoch ist. Zudem spielen auch Faktoren eine Rolle, die wir sonst in den veterinärmedizinischen Zusammenhängen ganz gerne außen vor lassen, wie zum Beispiel Sozialstrukturen. Die Schweinepest bei Wildschweinen ist ein gutes Beispiel dafür. Der Impfstoff wird mit Mais-Ködern ausgebracht, und natürlich spielt die soziale Struktur einer Schwarzwildrotte eine Rolle dabei, wer Zugang zu den Ködern bekommt. Das werden zuerst die ranghöheren Tiere sein. Diese Verzerrungen in der Akzeptanz für die Impfung sind schwer einzuschätzen. Bei der Rinderpest kann das alles außen vor bleiben, weil ja nicht Wildtiere geimpft werden, sondern wenn überhaupt nur die Haustiere. Die Impfung war dabei allerdings wie gesagt nicht überall das zentrale Werkzeug, Europa ist ja ohne Impfung frei geworden.

Gibt es noch eingelagerte Rinderpest-Erreger?

Franz J. Conraths: Das ist auch ein Punkt, der aus meiner Sicht zumindest in gewissem Umfang Kritik verdient. Bei der Ausrottung der Pocken hat man sich darauf geeinigt, dass nur zwei Laboratorien das Pockenvirus beherbergen sollen. Das ist bei der Rinderpest anders, es gibt eine ganze Reihe von Laboratorien, die dieses Virus noch – natürlich unter hohen Sicherheitsanforderungen – aufbewahren. Dies natürlich um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein – etwa für die Herstellung von Diagnostika oder vielleicht auch für die Herstellung von Impfstoffen. Je mehr Laboratorien das Virus jedoch lagern, umso größer ist das Risiko, dass doch ein Unfall passiert und das Virus frei gesetzt wird. Deshalb sollte man die Zahl der Laboratorien, die solche Erreger aufbewahren, auf ein absolutes Minimum reduzieren.

Gibt es Pläne, welche Krankheit als nächstes ausgerottet werden soll?

Franz J. Conraths: In Afrika gibt es Pläne dazu, die Pest der kleinen Wiederkäuer auszurotten. Das Virus ist ein Verwandter des Rinderpest-Virus, auch ein Morbilli-Virus. Ob es weltweit auf großes Interesse stößt, die Pest der kleinen Wiederkäuer auszurotten, wird man abwarten müssen. Es gäbe sicherlich andere Herausforderungen, denen man sich stellen müsste. Unter den Zoonosen-Erregern sind beim Tollwut-Virus die Bedingungen grundsätzlich gegeben, um einer Ausrottung näher zu kommen. Auf dem indischen Subkontinent sterben beispielsweise jedes Jahr mehrere zehntausend Menschen an Tollwut. Ein Versuch diese Krankheit los zu werden, würde sich daher lohnen. Es gibt Impfstoffe, mit denen man das sicher machen kann. Allerdings wäre das eine große Herausforderung, bei der man in Jahrzehnten denken muss.


Interview: Valérie Labonté

 

Bilder: istock/CrackerClips

            Franz J. Conraths privat



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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