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Interview: Kirsten Jung zu Frauenförderung in der Wissenschaft

In Deutschland promovieren fast genauso viele Frauen wie Männer. Aber nur knapp 20 Prozent aller Professuren sind mit Wissenschaftlerinnen besetzt, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) kürzlich mitteilte. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?

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(1. März 2011) In der Exzellenzinitiative steht das Thema Frauenförderung ganz oben auf der Agenda. Alle Förderanträge mussten auch Strategien nachweisen, wie sie den Anteil an Frauen in höheren Positionen steigern möchten. Um herauszufinden, wie diese Strategien aussehen und ob sie sich nach den ersten Jahren bewährt haben, sprach Laborjournal mit Kirsten Jung, Professorin für Mikrobiologie an der LMU München und Frauenbeauftragte des Exzellenzclusters Center for Integrated Protein Science Munich (CIPSM).

Laborjournal: Was sind die größten Probleme für Frauen auf dem Weg nach oben?

Kirsten Jung: Die größten Stolpersteine für Frauen liegen auf dem Weg von der Promotion zur Habilitation, wir nennen diese Phase deshalb auch die Leaky-Pipeline. Alle, die habilitiert sind, ein eigenes Projekt und genügend Publikationen haben, werden auch eine Professur bekommen. Doch die Zeit, die man bis zur Professur hat, ist begrenzt und fällt genau mit der Zeit der Familienplanung zusammen. Viele sehr gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen entscheiden sich dann leider selbst gegen die Doppelbelastung und für die Familie. Das wiederum wird gesellschaftlich und privat gefördert, indem nach wie vor von Frauen erwartet wird, sich ganz der Familie zu widmen. Zudem schaffen es viele Frauen nicht, sich davon zu befreien, alles perfekt zu machen. Frauen möchten nicht als Rabenmütter dastehen.

Sie sind verantwortlich für das Frauenförderprogramm des Münchner Exzellenzclusters CIPSM. Wie begegnen Sie dort diesen Problemen?

Kirsten Jung: Zunächst möchten wir den Frauen Vorbilder bieten. Dazu laden wir international renommierte Wissenschaftlerinnen zu einem Vortrag und zu einem Frauen-Rundtischgespräch ein. Dort berichten sie, wie ihre Karrieren verlaufen sind, wie sie mit diesen Problemen umgegangen sind. So etwas hat eine enorme Wirkung, indem es gegen die bestehenden Konventionen der Gesellschaft Rückhalt bietet. Wir laden sowohl Frauen ein, die Kinder haben, als auch solche, die sich bewusst dagegen entschieden haben. Außerdem möchten wir Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern finanziell unterstützen. Wir vergeben Mittel für zusätzliche technische Angestellte oder Hilfskräfte, etwa wenn die Frauen in der Schwangerschaft nicht mehr alle Arbeit selbst machen können. Es gibt aber auch Mittel für Haushaltshilfen und außergewöhnliche Kinderbetreuungszeiten.

Sie sprechen vor allem von fördernden Maßnahmen. Was halten Sie von solchen, in denen direkt Druck ausgeübt wird, indem beispielsweise die Vergabe von Mitteln an das Erreichen einer bestimmten Quote geknüpft wird?

Kirsten Jung: Grundsätzlich setze ich mich dafür ein, dass jeweils die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestimmte Positionen bekommen. Das Problem ist, dass nicht immer jemand aufpasst, dass genügend Frauen berücksichtigt werden. Gremien, die Tagungsprogramme festlegen oder Kandidaten für Preise vorschlagen, sind in der Mehrheit aus Männern besetzt. Da werden Frauen manchmal schlichtweg vergessen. Eine temporäre Quote könnte da durchaus funktionieren, indem Druck ausgeübt wird, so dass Frauen in höhere Positionen und damit auch in die Gremien kommen. Wenn wir das einmal erreicht haben, dann läuft alles von allein. Davon bin ich überzeugt.

Die Beurteilungskommittees der Exzellenzcluster sind oft international besetzt. Spüren Sie einen stärkeren Druck zur Förderung von Gleichstellung bei ausländischen Gutachtern als bei deutschen?

Kirsten Jung: Frauenpolitik ist länderspezifisch. Wir hatten sehr viele Gutachter aus der Schweiz, wo die Problematik noch viel schwieriger ist als hier. In den USA sind viele Frauen in höheren Positionen, da ist das Problem schon besser gelöst als hier. In Frankreich ist es gar kein so großes Thema, weil Frauen dort gezwungenermaßen arbeiten gehen müssen, um zum Unterhalt der Familie mit beizutragen.

 

 

Interview: Henriette Walz


Bildnachweis (2): iStock/CrackerClips
                          LMU München

 

Link zur BMBF-Meldung "Forschende Frauen auf dem Weg an die Spitze"



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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