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Interview: Christine Geffers zu Krankenhausinfektionen

Wer ins Krankenhaus geht, will gesund werden. Oft genug jedoch infizieren sich Patienten im Krankenhaus mit Bakterien und anderen Keimen (von denen sie manche selbst mitgebracht haben) und entwickeln lebensbedrohende Krankheiten. MRSA etwa, Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, kennt jeder, doch sie sind gar nicht mal das Hauptproblem. 

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(14. Februar 2011) Das Problem mit Krankenhausinfektionen ist oft, dass sie nicht schnell genug entdeckt werden. Aufnahme aller neuen Patienten in eine "Eingangs-Quarantäne" und routinemäßige Überprüfung auf verbreitete Erreger ist aufwändig. Zudem ist vielen Ärzten und Pflegern nicht klar, wieviel Keime bei ihnen im Umlauf sind, wo Gefahrenquellen liegen und wie (oft einfach) Abhilfe geschaffen werden kann. In einem Telefongespräch mit Laborjournal erklärt Christine Geffers, Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Projektleiterin des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS), worauf KISS abzielt und wie es helfen kann, die Krankenhausinfektionen (nosokomiale Infektionen) zu reduzieren.

 

Laborjournal: Frau Geffers, was macht KISS?

 

Christine Geffers: Das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) gibt den Krankenhäusern ein Werkzeug an die Hand, mit welchem sie selbst ihre Infektionshäufigkeiten systematisch analysieren können. Derzeit nehmen 800 der rund 2100 deutschen Krankenhäuser sowie 586 Intensivstationen am KISS teil. Durch Vergleich mit den Daten anderer Teilnehmer sehen sie, wo sie mit ihren Infektionshäufigkeiten liegen und ob sie ihre bisherigen Hygienemaßnahmen anpassen müssen. Hierfür sollen sie auf Empfehlungen zur Infektionskontrolle zurückgreifen, die in Deutschland gemäß dem Infektionsschutzgesetz die Kommission Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) im Robert-Koch-Institut (RKI) ausspricht. Die im KISS erfassten Daten werden an das Nationale Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ) gesendet.

 

Wird für KISS auf bestimmte Erreger getestet?  

 

Christine Geffers: Es werden nur die Daten aufgelistet, die während der normalen Behandlung der Patienten festgestellt werden. Zeigt der Patient Anzeichen einer Infektion, nimmt man Material für die mikrobiologische Untersuchung ab. Die Ergebnisse daraus werden in KISS gesammelt.

 

Wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten da?
 

Christine Geffers: Da gibt es relativ wenige Daten. Deutschland hat das mit Abstand größte Surveillance-System für nosokomiale Infektionen. Andere Länder, wie etwa die hochgelobten Niederlande, die immer als Paradebeispiel für Krankenhaushygiene hergenommen werden, haben nur eines für Wundinfektionen. Sie können gar nicht abschätzen, wie viele Krankenhausinfektionen sie insgesamt haben. Zwar bemüht sich das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), auch Daten von anderen EU-Staaten zu erhalten, die lokalen Surveillance-Systeme sind aber in keinem Land so allumfassend wie in Deutschland.

Holland hatte lange Zeit sehr wenige MRSA-Infektionen, daher durften die ergriffenen Maßnahmen - wie etwa Test jedes Patienten auf MRSA und Einrichtung von Isolierstationen - extrem sein. Man muss jedoch auch bedenken, dass ein positiver Test für die Patienten Nachteile haben kann. So nehmen einige Krankenhäuser MRSA-positive Patienten gar nicht erst auf. Andere Kliniken nehmen sie auf, "lagern" sie aber nur und führen keine Reha-Maßnahmen mit ihnen durch, weil ihnen diese zu aufwändig sind.

Zudem sind MRSA, die Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, gar nicht mal das Hauptproblem bei Krankenhausinfektionen, sie wurden lediglich als Buhmann auserkoren. Viele Patienten sind mit MRSA besiedelt, aber nicht krank. Infektionen mit Clostridium difficile dagegen sind gefährlich, denn Clostridium difficile-assoziierte Diarrhö (CDAD) kann lebensbedrohend sein.

 

Was wünschen Sie sich: Welche Konsequenzen sollten aus den KISS-Daten gezogen werden?

 

Christine Geffers: KISS soll den Anstoß geben, ein Problembewusstsein zu entwickeln und auf hohe Infektionsraten zu reagieren. Und das tun die KISS-Teilnehmer auch: Bei der Hälfte der Intensivstationen wurden als Reaktion auf die Infektionsraten Hygienemaßnahmen eingeleitet, etwa bei der Anlage des zentralen Venenkatheters oder besondere Schutzkleidung. Die Daten der Teilnehmer zeigen teilweise eine Verringerung der Infektionshäufigkeit von 20 bis 30 Prozent. Diese Verbesserung kann man allerdings nur im KISS darstellen. Man sieht nur da, wo man misst.

Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: Nur da, wo die Lampe an ist, kann man suchen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Interview: Lara Winckler


Fotos: iStock/CrackerClips

           Christine Geffers



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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