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Aus Zwei macht weniger als Eins

Berliner Herzchirurgen um Roland Hetzer mussten ein Paper einer Studie zurückziehen, die sie zweimal veröffentlicht hatten – zuerst auf Deutsch in Der Chirurg, dann ins Englische übersetzt in Anesthesia & Analgesia. Beide Zeitschriften hatten die Autoren nicht über die „Doppelveröffentlichung“ informiert. Dabei wollten sie doch lediglich ihre „wertvollen Erfahrungen“ auch den englischsprachigen Kollegen zugänglich machen.

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(26. November 2010) Die Sprache der Wissenschaft ist englisch, klar. Dennoch gibt es neben den englischen High- und Medium-Impact-Journalen noch jede Menge wissenschaftliche Zeitschriften in anderen Sprachen. Wenigstens zahlenmäßig mit vorne dabei sind deutschsprachige Blätter – was auch nicht wundert, denn immerhin war das Deutsche vor einigen Jahrzehnten noch mindestens gleichrangige „Weltsprache der Wissenschaft“.

Insbesondere in der Medizin wimmelt es noch von deutschsprachigen Titeln wie Der Internist, Der Onkologe, Der Pathologe, Wiener Klinische Wochenschrift oder Der Chirurg. All diese sind in Thomson Reuters „Journal Citation Report“ gelistet – mit vernachlässigbaren Impact Faktoren zwar, aber immerhin. Wer dort veröffentlicht, hat nichtsdestotrotz ein Paper mehr auf seiner Publikationsliste.

Ob auch Tom Gromann, Oliver Birkelbach und ihr Chef Roland Hetzer, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum Berlin, solchen Gedanken nachgingen, weiß man nicht. Jedenfalls veröffentlichten sie 2008 in Der Chirurg (Vol. 80(7): 622-27) den Artikel „Tracheotomie mittels Ballondilatation – Technik und erste klinische Erfahrungen mit der Ciaglia-Blue-Dolphin-Methode“. Auf Deutsch!

Im Abstract verkünden die Autoren unter anderem folgendes:

„Patienten und Methoden Zwanzig Patienten einer kardiochirurgischen Intensivstation wurden mit der neuen Methode tracheotomiert. Die Analyse fokussiert auf die praktische Durchführbarkeit und das Auftreten von Komplikationen.

Ergebnisse
Die Intubationsdauer bis zur Tracheotomie betrug im Mittel 7 Tage. Operationszeiten wurden mit 3,3±1,9 min bestimmt. Es traten weder relevante Blutungen noch Verletzungen der Trachealhinterwand auf. Eine Trachealspangenfraktur wurde bronchoskopisch nachgewiesen. In einem Fall wurde während des Eingriffs ein subkutanes Emphysem beobachtet. Wundheilungsstörungen traten nicht auf.“

Auch wenn die Artikel in Deutsch erscheinen, so übersetzt Der Chirurg für seine internationale Leserschaft zumindest die Abstracts ins Englische. Für den oben zitierten Abschnitt klingt das so:

„Patients and methods – Twenty patients from a cardiosurgical intensive care unit underwent PDT with the new system. We analyzed the results based on the practical feasibility and possible complications from this balloon dilatation.

Results
Tracheostomy surgery lasted on average 3.3±1.9 min. It caused no bleeding requiring treatment nor injuries to the posterior tracheal wall. One fracture of a single tracheal cartilage ring was revealed, and one patient developed subcutaneous emphysema during the balloon dilatation. No wound infection was observed.“

So weit, so gut. Im Juni 2009 erschien dann ein weiterer Artikel desselben Autoren-Trios Gromann, Birkelbach und Hetzer in Anesthesia & Analgesia (Vol. 108(6): 1862-66) – Titel: „Balloon Dilatational Tracheostomy: Initial Experience with the Ciaglia Blue Dolphin Method“. Diesmal also auf Englisch! In dessen Abstract heißt es wiederum:

„Methods We report our initial clinical experience with this method in 20 patients from a cardiosurgical intensive care unit. We analyzed the results with regard to the practical feasibility of balloon dilation as well as possible complications.

Results
Tracheostomy surgery time averaged 3.3 ± 1.9 min. The new technique caused neither bleeding requiring treatment nor injuries of the posterior tracheal wall. Routine bronchoscopic checks revealed one fracture of a single tracheal cartilage ring (5%). One patient developed subcutaneous emphysema during the balloon dilation, but this regressed spontaneously without treatment. No wound infections or prolonged wound healing of the tracheostoma were observed in any patient.“

Schon hier wird deutlich, dass Hetzer und seine Mitarbeiter in diesem Paper die Ergebnisse derselben Tracheotomie-Studie nochmals veröffentlichten. Ob ihnen selbst im Nachhinein klar wurde, dass das nicht ganz in Ordnung ist, ob sich irgendwelche Kollegen deswegen bei ihnen meldeten, oder ob gar die betroffenen Zeitschriften sie zur Rede stellten – jedenfalls zogen die Autoren in der letzten Woche das Paper in Anesthesia & Analgesia (A & A) zurück. In der „Retraction Note“ schreiben sie:

„We request retraction of the article “Balloon Dilatational Tracheostomy: Initial Experience with the Ciaglia Blue Dolphin Method.” This paper is a translation of a manuscript we published in German. Following publication in the highly esteemed German journal Der Chirug, we thought our experience would be valuable to English speaking physicians.“

Das klingt natürlich nach ehrenhafter Absicht. Man fragt sich allerdings, warum Hetzer und seine zwei Mitarbeiter die Studie dann nicht gleich in A & A oder einer anderen englischsprachigen Zeitschrift veröffentlichten. So schwer hätte das nicht sein können, denn A & A akzeptierte das Manuskript schließlich auch zur Veröffentlichung. (Was wiederum dafür spricht, dass Der Chirurg nicht zur gewohnten Lektüre der A & A-Gutachter gehört.)

Auf diese Weise hätten die „wertvollen Erfahrungen“ der Berliner Herzchirurgen umgehend allen Kollegen zur Verfügung gestanden. Auch den deutschen, die ja sowieso jede Menge englische Artikel in den „Better Impact Journals“ lesen müssen.

Gromann, Birkelbach und Hetzer hätten demnach natürlich nur ein, statt – wie geschehen – zwei Paper in ihre Publikationslisten aufnehmen können. Letzteres sollte indes nur zu einer flüchtigen Freude werden – denn so wie es jetzt gekommen ist, bleibt ihnen einzig der deutsche Aufsatz erhalten. Was umso ärgerlicher ist, da A & A (Impact Faktor 3,1) in der persönlichen Publikationsliste deutlich besser wirkt als Der Chirurg (Impact Faktor 0,6). Diese Chance jedoch haben die Autoren nun endgültig verspielt.

Die „Retraction Note“ von Hetzer und Co. geht dann noch weiter:

„However, we failed to inform Anesthesia & Analgesia that this was a translation of our previously published article, and we did not seek permission from Der Chirurg to publish a translation. We regret the error.

Das sind natürlich grobe Nachlässigkeiten. Wie auch immer sie zustande kamen.


Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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