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Deutscher Filz

In der Schweiz läuft schon seit Wochen eine Debatte über „Deutschen Filz“ an Schweizer Universitäten. Angestoßen wurde sie von der Schweizerischen Volkspartei (SVP), der wählerstärksten Partei der Schweiz.

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Auch der Deutsche verfilzt schon mal

(2. Februar 2010) Es sei ausländische Arroganz zu spüren, hieß es, Deutsche stellten vor allem Deutsche ein und die seien nicht immer die wissenschaftlich Besten, sie kämen nur des Geldes wegen und manchmal würden gleich oder besser qualifizierte Schweizer benachteiligt. Letzteres gelte vor allem für den Nachwuchs.

Trifft der Vorwurf zu?

Der Autor dieses Artikels hat Anfang der 90er Jahre drei Jahre lang als Assistent in der Schweiz, an der Universität Zürich und der ETH, gearbeitet. Zudem war ich, ebenfalls für drei Jahre, in Deutschland in einer Abteilung der MPG tätig, die von einem Schweizer Professor geleitet wurde. Ich kann also von beiden Seiten urteilen und gebe hier meine Erfahrungen zum Besten:

Bin ich nur der Geldes wegen in die Schweiz gegangen?

Ja.

Bin ich von einem Deutschen eingestellt worden?

Ja.

Hat der bevorzugt Deutsche eingestellt.

Anfangs Ja.

Hat der Deutsche eingestellt weil sie Deutsche waren?

Nein. Mein Professor hat wohl unter seinen Bekannten herumgefragt, wen sie ihm empfehlen könnten. Man empfiehlt, was man kennt und Deutsche kennen naturgemäß meistens Deutsche. Auch die Bekannten meines deutschen Professors waren Deutsche mit deutschen Mitarbeitern. Wohl aus den gleichen Gründen hatte der schweizer Professor in München einen hohen Anteil von schweizerischen Mitarbeitern, der mit der Zeit ebenfalls abnahm.

Gab es einen besser qualifizierten Schweizer für meinen Posten?

Das weiß ich nicht, bezweifle es aber (was auch die Frage nach der deutschen Arroganz beantwortet).

Gab es Probleme zwischen Schweizern und Deutschen?

In München gab es, teils lautstarke, Streitigkeiten zwischen dem Schweizer Direktor und einem deutschen unkündbaren Mitarbeiter (eine sogenannte Erblast). Dieser Streit hatte allerdings nichts mit dem nationalen Gegensatz zu tun: ein deutscher Direktor mit ähnlich kriegerischem Temperament hätte sich ähnlich verhalten. Auch in Zürich gab es Krach, doch verliefen die Fronten nicht entlang nationaler Grenzen: Deutsche und Schweizer, Assistenten und sogar Professoren und insbesondere der Autor dieser Zeilen, verbrüderten sich gegen den deutschen  Lehrstuhlinhaber. Sie hielten seinen Führungsstil für bevormundend und gaben ihm den Spitznamen „Pappi“.

Wie kam der deutsche Lehrstuhlinhaber zu seiner Berufung?

Das ist mir bis heute unklar geblieben. Er war zuvor in einer Schweizer Pharmafirma tätig und im Institut ging das Gerücht, dass die Firmenleitung ihn habe los sein wollen. Angesichts der Probleme, die damals das Institut umtrieben, kann es sich bei dem Gerücht allerdings um eine böswillige Erfindung handeln.

Habe ich also in der Schweiz einen deutschen Filz erlebt?

Teilweise.

Gibt es objektive Hinweise auf einen deutschen Filz an Schweizer Universitäten?

Deutscher Filz im Sinne von, dass die Deutschen in der Schweiz über Seilschaften mit Absicht Deutsche nachholen und dabei die Qualifikation die zweite Geige spielt, ist notorisch schwer nachzuweisen. Die Schweizer „Weltwoche“, die beste deutschsprachige Wochenzeitung, hat es dennoch versucht. Der informativste Artikel ist „Nachforschungen über den deutschen Filz“ (Weltwoche 1/10, S 10) von Philipp Gut. Er zählt zunächst einige Zahlen auf. Danach stellen die Deutschen die größte Gruppe der Hochschullehrer in der Schweiz: 1/3 in Zürich, die Hälfte in Bern. Das allein beweist keinen Filz doch der Autor des Weltwoche Artikels argumentiert weiter: „Deutscher Filz? Natürlich! [...] Denn gäbe es keinen deutschen Filz, wären die Deutschen eine leuchtende Ausnahme. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das akademische Gewerbe notorisch verfilzt ist. Fast bei jeder Berufung wird - aus dem universitären Milieu selbst - Kritik an Seilschaften und Netzwerken laut.“ Philipp Gut führt Beispiele an. Er zeigt, dass Deutsche inzwischen in vielen schweizerischen Berufungskommissionen die Mehrheit bilden und dann auch oft Deutsche berufen und er macht plausibel, dass dies, zumindest in den Geister - tschuldigung -  Geisteswissenschaften, zur Berufung von Leuten geführt hat, die ihre Mittelmäßigkeit mit Gesinnungstüchtigkeit zu kompensieren versuchen (siehe hierzu auch „Großdeutsche Provinz“ Weltwoche 2.10, S 14). Aber was muss man daraus schließen? Dass der deutsche Filz zwangsläufig, naturgegeben und unvermeidlich ist! Das aber entzieht dem Vorwurf der SVP die Grundlage: Das echte Problem ist nicht der deutsche, sondern der generelle akademische Filz.

Ein SVP-Politiker argumentierte, es müsse Filz im Spiel sein, weil Deutschland in der Wissenschaft nur noch im Mittelfeld liege, aber dennoch die meisten Professoren aus Deutschland berufen würden. Es stimmt: Deutschland rangiert im internationalen Vergleich unter ferner liefen (siehe dazu „Forschen auf Deutsch“ oder „Die Zunft“, Lj-Verlag Freiburg). Das heißt aber nicht, dass jeder deutsche Forscher mittelmäßig ist. Vielmehr gibt es eine Normalverteilung und theoretisch könnte es den Schweizern gelingen, die wenigen frischen Äpfel unter all den faulen herauszulesen. Nach meinen Erfahrungen, siehe oben, möchte ich das allerdings bezweifeln, auch gilt für akademische Berufungen schon seit dem Mittelalter das Prinzip der Tendenz zur Mittelmäßigkeit (siehe dazu „Die Zunft“, Lj-Verlag Freiburg). Doch wiederum liegt das Problem nicht im deutschen, sondern im generellen akademischen Filz.

Zudem: Einen deutschen Filz gab es, wie einem begleitenden Artikel des Zürcher Medizinhistorikers Christoph Mörgeli zu entnehmen ist (Weltwoche 1/10, S 11), in der Schweiz schon immer. Schon immer haben die Deutschen an Schweizer Universitäten dominiert, früher eher zu Recht, heute eher zu Unrecht, und schon immer waren die deutschen Professoren in der Schweiz unbeliebt. 1839 kam es unter anderem deswegen sogar zu einem bewaffneten Aufstand der Zürcher Landbevölkerung. Mit dem Vorderlader gegen den Professor: Da hüpft das Herz des Postdoks!

Was tun?

Die Schweizer sollten den Filz als solchen angehen: Nach leistungsorientierten objektiven Kriterien berufen, die Berufenen alle fünf Jahre überprüfen und gegebenenfalls feuern. In der Schweiz ginge das. Schweizer Professoren sind keine unkündbaren Beamten; meines Wissens werden sie sogar alle fünf Jahre auf den Prüfstand gestellt. Diese Prüfung müssten die Schweizer nur konsequenter durchziehen.

Ich habe die Schweiz übrigens freiwillig verlassen: Mir gab es dort einen Deutschen zuviel.

 

Hubert Rehm

 

 



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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