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Testosteron - das verkannte Hormon?

Testosteron steht nicht gerade im Ruf, Eigenschaften zu fördern, die in zivilisierten Gesellschaften geschätzt werden. Eine neue Studie in Nature belegt: die Verabreichung von Testosteron führt zu fairerem Verhalten bei Verhandlungen - bei Frauen.

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(8. Januar 2010) Wissenschaftler der Universitäten Zürich, London und Freiburg i. Br. zeigten in einer Studie mit 121 weiblichen Versuchspersonen, dass sublingual verabreichtes Testosteron zu fairerem Verhalten in einem psychologischen Wirtschaftsspiel führte (Eisenegger et al. (2009), doi:10.1038/nature08711).

 

Beim sogenannten „Ultimatum-Verhandlungsspiel” sollte eine vorgegebene Geldmenge zwischen zwei Mitspielerinnen aufgeteilt werden. Dazu macht A ein Angebot. Nimmt B das Angebot an, wird die Geldmenge entsprechend aufgeteilt. Lehnt B das Angebot ab, gehen beide Spielerinnen leer aus. Nach Gabe von Testosteron bot Mitspielerin A durchschnittlich 3,9 von 10 Schweizer Franken an, nach Gabe von Placebo dagegen nur 3,4.

 

Testosteron steht im Dienst der Statussicherung

 

Testosteron wird für gewöhnlich mit betont männlichem Verhalten wie Imponiergehabe, Gewalttätigkeit und Kampfbereitschaft in Verbindung gebracht. Selbst für das risikofreudige und irrationale Verhalten von Londoner Börsenmaklern mussten hohe Testosteronsspiegel herhalten. Frauen haben normalerweise wesentlich niedrigere Testosteronspiegel als Männer. Auch lassen sich Hormonwirkungen beim einen Geschlecht nicht einfach auf das andere Geschlecht übertragen. Das mag nun an ein Titelblatt der Satirezeitschrift Titanic aus den 1980ern erinnern, das zwei Nachrichten für Raucher verkündete. Die Gute: Kein Lungenkrebs, Kein Raucherbein. Die Schlechte: Bei Fischen. Eisenegger und Kollegen wählten Frauen als Versuchspersonen für ihre Testosteronstudie, da sie das Hormon in einer Einzeldosis verabreichen wollten, um Wechselwirkungen der Testosterongabe mit der Umwelt möglichst einzuschränken. Der Zeitverlauf der Effekte nach einer einzelnen Testosterondosis ist bei Frauen bekannt, bei Männern hingegen nicht.

 

Die Wissenschaftler interpretieren das fairere Verhalten ihrer Probandinnen nach Testosterongabe so, dass diese auf diese Weise Zurückweisung vermeiden und ihren sozialen Status absichern. Während Testosteron bei Nagetieren die Aggressivität steigert, sind hohe Testosteronspiegel beim Menschen und anderen Primaten mit Dominanzstreben und Statusverteidigung verbunden. Dieses kann sich auch subtil äußern und geht nicht notwendigerweise mit Aggressivität einher. „In der sozial komplexen Umwelt des Menschen sichert nicht Aggression, sondern pro-soziales Verhalten den Status”, vermutet Studienmitautor Michael Naef von der Universität London. „Wahrscheinlich ist es nicht das Testosteron selbst, das Fairness fördert oder aggressiv macht, sondern das Zusammenspiel zwischen dem Hormon und der sozial differenzierten Umwelt.” Im ihrem Artikel „Testosterone and Social Behavior” kommen auch der Soziologe Alan Booth und Mitarbeiter zu dem Schluss, Testosteron sei nur eine Komponente, die das Verhalten im Zusammenspiel mit interagierenden physiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusse.

 

Mythos um Testosteron beeinflusst Verhalten

 

In der Nature-Publikation machten Versuchspersonen, die glaubten, Testosteron und nicht Placebo bekommen zu haben, überraschenderweise weniger faire Angebote im Ultimatum-Verhandlungsspiel. Dies stellt eine Form von sich selbst erfüllender Prophezeiung dar, da es die weitverbreitete Auffassung bestätigt, Testosteron erzeuge dissoziales, egoistisches und aggressives Verhalten. Daher sollten, so die Autoren, bei Hormonwirkungsstudien die subjektiven Überzeugungen der Testpersonen berücksichtigt werden.

 

Auch wenn Testosteron das Sozialverhalten des Menschen beeinflusst, kann man Erkenntnisse aus der Welt der Ratten nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Der Ökonom Naef:„Es scheint, dass nicht Testosteron selbst zu Aggressivität verleitet, sondern vielmehr der Mythos rund um das Hormon. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Eigenschaften und Verhaltensweisen auf biologische Ursachen zurückgeführt und teils damit legitimiert werden, muss dies hellhörig machen.”

 

Bettina Dupont

 

Quellen: Universität Zürich, Booth A et al. (2006). Social Forces 85: 167-192



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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