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Belladonna und der Rattendarm

Der Konstanzer Chemiker Klaus Keck ist einer der wenigen Forscher, die tapfer und unverdrossen gegen den überbordenden esoterischen Humbug angehen. Wahrlich eine Aufgabe, der selbst Sisyphus überdrüssig würde. Im folgenden Beitrag zeigt Keck die Scheinheiligkeiten und Inkonsequenzen der Leipziger Belladonna-Affäre auf.

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Belldonna richtig dosiert

(7. Dezember 2009) Belladonna, ein Extrakt aus der Tollkirsche (Wirkstoff Atropin), ist das bekannteste homöopathische Arzneimittel. Um die in der Homöopathie üblichen individuellen Arzneimittelprüfungen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, haben  eine Reihe von Homöopathieforschern Arzneimittelprüfungen von Belladonna mit mehr als insgesamt 400 Probanden durchgeführt (1993 bis 2003), mit dem für Homöopathen niederschmetternden Ergebnis: Belladona erfüllt nicht die Kriterien, die an ein homöopathisches Arzneimittel gestellt werden müssen [1].

 

Mitte November 2003 überraschte die Universität Leipzig die Öffentlichkeit mit einer sensationellen Mitteilung: Die Arbeitsgruppe der geschäftsführenden Direktorin des Institutes für Pharmazie der Universität Leipzig, Karen Nieber, sei mit dem Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis ausgezeichnet worden, weil es ihr gelungen sei, mit einem in-vitro-Testsystem den objektiven Nachweis zu erbringen, dass Belladonna in homöopathischen Verdünnungen die Kontraktion von Rattenmuskeln hemmen könne [2]. In einer Reihe von Wissenschaftsmagazinen im öffentlich rechtlichem Fernsehen wurde über die Versuche berichtet.

 

Nach Veröffentlichung der Arbeit haben wir - Gerhard Bruhn, Darmstadt, Erhard Wielandt, Stuttgart und ich - auf unseren Webseiten [3] dargelegt, warum wir die Arbeit für eine Falschmitteilung halten und den Autoren wissenschaftliches Fehlverhalten vorwerfen. Unser Einspruch führte schließlich zur Einberufung der Kommission der Universität Leipzig zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Diese kam Ende 2005 zu dem Ergebnis, dass den Autoren tatsächlich wissenschaftliches Fehlverhalten vorzuwerfen sei. Die Arbeit werde zurückgezogen, der Preis zurückgegeben, Karen Nieber müsse mit Konsequenzen rechnen, erklärte die Universität Leipzig in zwei Pressemitteilungen im Dezember 2005 [4] [5]. Es ist bemerkenswert, dass die Universität in keiner der beiden Pressemitteilungen ihre ursprüngliche Mitteilung, Belladonna könne in homöopathischen Verdünnungen die Kontraktion von Rattenmuskeln hemmen, korrigiert hat.

 

Dennoch wollten die Homöopathen das Ungemach offensichtlich nicht hinnehmen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sollte der Veterinärmediziner Holger Martens von der Freien Universität Berlin die Versuche wiederholen. Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung finanzierte die Untersuchungen. Das hat im ersten Anlauf wohl nicht geklappt. Martens schrieb uns im Sommer 2005, er habe nicht die Erlaubnis seines Auftraggebers, uns die Ergebnisse mitzuteilen. Ein Jahr später wurde der Wiederholungsversuch wiederholt. Auch diese Ergebnisse wurden geheim gehalten. Erst jetzt, drei Jahre nach der Durchführung der Versuche, haben wir Kenntnis von den Ergebnissen erhalten, nach der Publikation im Journal of Alternative and Complementary Medicine [6]. 

 

Die Autoren haben die Versuche der Leipziger Arbeitsgruppe so genau wie möglich nachgearbeitet und die Experimente als Blindversuche durchgeführt. Dabei wurde die Wirkung von Atropin in homöopathischen Potenzen D6, D32 und D100 untersucht. Als Kontrollen verwendeten die Autoren Wasserproben, die in der gleichen Weise potenziert wurden. Mit diesen sechs Proben wurden 154 Messungen durchführt und statistisch ausgewertet.

 

Das Ergebnis fiel so aus, wie es jeder Naturwissenschaftler erwartet hätte. Keine der Proben konnte die Muskelkontraktionen hemmen. Damit wurde unsere Kritik an den Leipziger Versuchen voll bestätigt.

 

Was war nun der Grund für die seltsamen Ergebnisse der Nieber'schen Versuche? Wir hatten darauf hingewiesen, dass die Höhe der Spontankontraktionen bei den Nieber'schen Versuchen bis zu 30 % der Höhe des Kontraktionspeaks  betrugen. Der Experimentator konnte sich also den "geeignetsten" Bezugswert aussuchen und so bewusst oder unbewusst , das Ergebnis verfälschen. Durch die Verblindung der Versuche in der neuen Arbeit konnte diese Fehlerquelle beseitigt werden.

 

Ein paar Merkwürdigkeiten der Veröffentlichung sollen nicht unerwähnt bleiben. Die Autoren teilen zwar mit, dass die Studie als Wiederholung einer vorangegangen Studie geplant war, aber sie haben es sorgfältig vermieden zu erwähnen, dass die Leipziger Gruppe in ihrer sensationellen Veröffentlichung einen positiven Effekt der homöopathischen Verdünnungen beschrieben hatte. Die Dissertation von Kirsten Radau in Leipzig wurde auch nicht erwähnt. Radau hatte die Nieber'schen Ergebnisse bestätigt. Von unserer Kritk, die der Anlass für die Wiederholung der Versuche war, erfährt der Leser ebenfalls nichts.

 

Holger Martens, nach seinen Publikationen esoterischer Aktivitäten unverdächtig, schreibt in der Einleitung. " The theory that extreme dilution makes drugs more powerful is inconsistent with the laws of chemistry and physics". Das ist richtig, aber trotzdem irritierend – hat er vermutet, dass er Ergebnisse erhalten könnte, die diesen Gesetzen widersprechen? Auch die Bemerkung, man habe Atropin statt Belladonna verwendet, um im Falle positiver Ergebnisse, die Diskussion mit Pharmakologen zu erleichtern, ist befremdlich.

 

Auf die bereits erwähnten Arzneimittelprüfungen, die für Belladonna negativ ausfielen, sind die Autoren nicht eingegangen.

 

Die Veröffentlichung schließt mit dem verheißungsvollem Satz: " As in our experiments we worked with in vitro ileum segments, the question of whether large doses of homeopathic belladonna dilutions paralyze and small doses stimulate the ileum in vivo is not answered, however."

 

Homöopathen werden diesen Hinweis sicher dankbar aufgreifen.

 

 

Klaus Keck

 

Literatur:

 

[1]  http://www.xy44.de/belladonna/pruefung.html

[2]  http://www.zv.uni-leipzig.de/service/presse/pressemeldungen.html?ifab_modus=detail&ifab_id=1404

[3]  http://www.xy44.de/belladonna

[4]  http://www.zv.uni-leipzig.de/service/presse/pressemeldungen.html?ifab_modus=detail&ifab_id=2204

[5]  http://www.zv.uni-leipzig.de/service/presse/pressemeldungen.html?ifab_modus=detail&ifab_uid=2b8dec786a20091128202944&ifab_id=2238

[6]  C. Siegling-Vlitakis, H. Martens und R. Lüdtke: In Vitro Examination of Potentized Atropine Sulfate Dilutions on the Contractility of the Isolated Rat Ileum, THE JOURNAL OF ALTERNATIVE AND COMPLEMENTARY MEDICINE Volume 15, Number 10, 2009, pp. 1121–1126.

 

Siehe auch Prof. Bruhns Webseite:

http://www.mathematik.tu-darmstadt.de/~bruhn/MartensKommentar.html

 

 

 

 

 

 



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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