Info

Inkontinenz am Inn: Von Blinden, Standhaften und Süppchenkochern (8)

Was bisher geschah: Eine Phase III Studie wurde der EK nicht zur Stellungnahme vorgelegt und dennoch publiziert. Hrabcik vom Gesundheitsministerium blamiert sich mit einem juristisch unhaltbaren Brief. An der Studie stimmt einiges nicht.

Als Glossmann versucht, sich Klarheit über den Phase II Antrag zu verschaffen, erstatten Strasser und Bartsch Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und legen Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Polizei und AGES ermitteln. Es kommt zu einer Klagewelle. Glossmann wird Befangenheit und Industriespionage unterstellt.

(29.12.2008) Folge 8 (Mai - Juli 2008): Die Politik mischt sich ein

Im Mai 2008 tauchte bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck ein weiterer anonymer Brief der "Freunde und Helfer auf". Ihn begleitet ein weiterer "Gozzi-Brief", datiert vom Juli 2007, an Kevin Arnal, einen AMS Manager. Die "Freunde und Helfer" weisen darauf hin, dass das Advance Band von AMS erst im Herbst 2006 zugelassen worden sei, alle vorherigen Operationen also mit einem nicht zugelassenen Medizinprodukt durchgeführt worden seien.

Des weiteren erstattet Hannes Strasser am 14. Mai 2008 bei der Staatsanwaltschaft eine weitere Strafanzeige gegen Unbekannt und gegen Glossmann. In der ersteren zeigt Strasser an, dass in der Zeitschrift Nature ohne seine Erlaubnis ein privates Bild von ihm verwendet worden sei, in der zweiten wirft er Glossmann wieder einen Interessenkonflikt vor, diesmal bzgl. der Firma Medlance, deren Miteigentümer Glossmann sei. Medlance habe Innovacell den Vertrieb von Urocell angetragen, sei aber abgeblitzt. Damit habe Glossmann ein direktes Interesse an Innovacell, sei also befangen und habe seine Stellung in der EK ausgenutzt, um Informationen über die Therapie zu erhalten usw. usf.

Die Urologie Affäre ist längst politisch geworden. So lässt sich der Landeshauptmann von Tirol auf einer Veranstaltung der ÖVP am 30. April 2008 im Gasthof Kranebitten zu der Bemerkung hinreißen "[...] die Herren von der Ethikkommission, denen ich ihre Ehre nicht nehmen will, können ihm [gemeint Georg Bartsch] in Sachen Moral und Ethik sicher nicht das Wasser reichen." Glossmann kommt das zu Ohren, er protestiert schriftlich und erntet eine lauwarm ausweichende Antwort vom Bürovorstand des Landeshauptmanns. Der Kommentator der einflussreichen Kronen Zeitung, Walther Prüller, schlägt sich für Bartsch, desgleichen die Kommentarin Hanna Molden und der Reporter Mathias Holzmann. Die Kronen Zeitung veröffentlicht auch einen Leserbrief der Prostatakrebs Selbsthilfe Tirol in dem Bartsch im Stil eines Arztromans vergöttert wird. In Innsbruck laufen Gerüchte um, dass der Herausgeber der Kronen Zeitung Hans Dichand, Patient von Bartsch sei. Auch die meisten anderen österreichischen Zeitungen schlagen sich auf die Seite von Bartsch und Strasser.

Am 3. Juni 2008 legte Czernich im Feststellungs-Prozess Strasser gegen MUI ein Schreiben von Helmut Madersbacher, ehemaliger ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses Innsbruck/Universitätskliniken, an Bartsch vor. Das Schreiben datiert vom 18. Juli 2002 und scheint zu bestätigen, dass Bartsch die Phase III Studie bei der EK eingereicht hat. Es handelt sich jedoch um eine Fälschung.

Am 10. Juli 2008 wurde der Prozess Strasser gegen MUI auf den 7. Oktober 2008 verschoben und dann weiter vertagt. Bisher ist nichts entschieden.

Am 25. Juni 2008 kündigte Rektor Clemens Sorg gegenüber Bartsch und Strasser eine Disziplinaranzeige beim Wissenschaftsministerium an. Sorg forderte sie zur Stellungnahme auf - zur Disziplinaranzeige selbst kam es nicht mehr - und schickte den Vorgang zur Staatsanwaltschaft. Dies löste ein Rundschreiben von Strasser aus das folgendermaßen endet:

"Ich werte den verzweifelten Versuch, mich als Aufdecker der skandalösen Vorfälle in Innsbruck mundtot zu machen und mich zum Schweigen zu bringen, als weiteren Ansporn, die Missstände an der Klinik Innsbruck aufzudecken und mitzuhelfen, dass endlich in Innsbruck klar Schiff gemacht wird und diese Geisterfahrer unverzüglich gestoppt werden. Es reicht!"

Georg Bartsch jedoch hatte sich augenscheinlich schon Ende April, nach einem klärenden Gespräch mit den AGES Inspektoren, von Strasser abgesetzt. Bartsch behauptet nun, obwohl er Coautor des Lancet Papers ist, mit der Stammzelltherapie nie etwas zu tun gehabt zu haben (allerdings hatte sein Anwalt Czernich bis dahin sogar schriftlich das Gegenteil behauptet). Insbesondere habe er nie einen Patienten behandelt.

Strasser übernahm die alleinige Verantwortung für die Entwicklung der Therapie und die Durchführung der Lancet-Studie.

Am 1. Juli 2008 erstattete die Polizei den Abschlussbericht über ihre Ermittlungen zu den diversen Anzeigen von Strasser (und teilweise auch Bartsch) bei der Staatsanwaltschaft. Was die Glossmann, Gozzi und Rehder und anderen vorgeworfene Industriespionage zugunsten AMS (Verletzung eines Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisses zugunsten des Auslands) betrifft konnten keine konkreten Erkenntnisse ermittelt werden. Auch nicht hinsichtlich des Scheil angelasteten Vorwurfs der Verleumdung. Es gab auch keine Hinweise darauf, dass Gozzi Krankengeschichten entwendet habe. Gozzi scheint jedoch einige seiner Patientendaten nach München mitgenommen zu haben.

Christian Gozzi arbeitet heute im Klinikum Großhadern bei München. Er teilte Laborjournal mit, dass er noch in der Innsbrucker Urologie zu der Ansicht gekommen sei, dass Strassers Therapie bei weitem nicht so erfolgreich gewesen sei wie von diesem reklamiert. Das sei offensichtlich gewesen, selbst die Krankenschwestern hätten das bei urodynamischen Kontrollen gemerkt.

Wegen seiner Zusammenarbeit mit Peter Rehder bei der Inkontinenz und weil er es abgelehnt habe, gemeinsam mit Herrn Strasser Inkontinenztherapie zu betreiben , sei er in Innsbruck derart gemobbt worden, dass die nötige Ruhe, Patienten erfolgreich zu operieren, nicht mehr gegeben war. Deswegen sei er nach Großhadern gegangen.

Sie, Gozzi und Rehder, hätten die Erkenntnis gewonnen, dass zur Wiedererlangung der Kontinenz das Perineum unterstützt werden müsse. Da die entsprechende Entwicklungsarbeit in Innsbruck nicht möglich war, erfolgte sie in den Labors von AMS in Minneapolis. Mit AMS wurde eine Repositionsschlinge entwickelt, die die restliche Sphinkterfunktion unterstützt und Hypermobilität korrigiert. Diese Inkontinenzbehandlungsmethode basiere auf einem anderen Wirkungsprinzip als Stammzellen: Stammzellen versuchen den "intrinsischen Sphinkter" zu stärken, die Repositionsschlinge reponiere einen luxierten Sphinktermechanismus. Die beiden Behandlungsmethoden stehen daher nach Ansicht Gozzis nicht in Konkurrenz miteinander. Sein, Gozzis, Verhältnis zu AMS sei korrekt gewesen. Die finanzielle Unterstützung durch die Firma habe sich auf Reisekostenübernahme für Vorträge und Kongressteilnahme beschränkt. Ihm und Rehder sei es wichtig gewesen namentlich als Erfinder genannt zu werden.

Zu den mitgenommen Patientendaten sagt Gozzi: Ich habe Aufzeichnungen der Adressen von mir persönlich in Innsbruck behandelten Patienten aus der "Gozzi-Sprechstunde" angelegt, jedoch keinerlei Krankenakten oder Ambulanzakten entwendet. Die Patienten wurden von mir informiert, dass ich zwei Jahre in München sein, aber weiterhin für Beratung in meinem Fachbereich zur Verfügung stehen würde.

Die Südafrikareise erwies sich als legal.

(Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen alle von Strasser und Bartsch Angezeigten Anfang Oktober 2008 eingestellt. Dagegen ergab sich der Verdacht falscher Zeugenaussagen Strassers im Prozess Bollmann gegen TILAK.)

Im Juli 2008 nahm sich Strasser einen neuen Anwalt: Das Vertrauensverhältnis zwischen Czernich und Strasser schien zerrüttet zu sein.



Hubert Rehm



Letzte Änderungen: 29.12.2008
Diese Website benutzt Cookies. Wenn SIe unsere Website benutzen, stimmen SIe damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation