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Sex beugt Schnupfen vor?

Unser Gehirn mag einfache Wahrheiten - wissenschaftliche Sachverhalte sind aber selten einfach. Und so wundert es nicht, dass der Mensch gerne der Verführungskraft "vereinfacher Wahrheiten" erliegt. Eine solche machte kürzlich mal wieder Schlagzeilen.

(29.11.2008) Im November hießt es: "Sex beugt Schnupfen vor". Als "neu und interessant" wird in Ausgabe 12/08 der von Gruner + Jahr verlegten Zeitschrift healthy living eine Studie gepriesen, die angeblich zeigt, dass zweimal Sex pro Woche die Produktion von Antikörpern gegen Viren und Bakterien steigert - der Beischlaf sei ergo gut als Vorbeugung gegen Schnupfen und Heiserkeit. Tolle Schlagzeile: Sex, Thrill, Sensation - das lesen Millionen!

Aber nicht ein Einziger hat sich die Mühe gemacht, die Studie zu lesen und zu klären, wer da wann was erforscht hat. Keiner? Doch, die Medizinjournalistin Barbara Ritzert hat für eine Podiumsdiskussion auf der "WissensWerte" in Bremen, einer Konferenz für Wissenschaftsjournalisten, die Quelle dieser News herausgefunden. "War nicht schwer", sagte Ritzert.

Der Neuigkeitswert tendiert unstreitbar gegen Null: Die Studie, durchgeführt von Manfred Schedlowski und Kollegen von der Medizinischen Psychologie der Uniklinik Essen war im Jahr 2004 in Neuroimmunomodulation, erschienen (Bd. 11, S. 293-298). Also vor vier Jahren! Es ging um "Effects of masturbation-induced orgasm on lymphocyte circulation and cytokine production in healthy young males".

Resultat: Masturbieren sorgt für einen kurzfristigen Anstieg von Adrenalin (wow, wer hätte das gedacht?) und von Killerzellen im Blut. Woraus die Forscher schlossen: "(...) components of the innate immune system are activated by sexual arousal and orgasm."

Diese Erkenntnis in "Sex beugt Schnupfen vor" umzudeuten, müsste man zumindest kreativ nennen. Journalismus ist zwar ein kreativer Beruf, aber von der Pflicht, aufklärerisch zu beobachten und differenziert zu berichten, sind auch die kreativsten Journalisten nicht befreit.

Und nun - fragt sich der Forscher? Haben die Essener weiter geforscht, sind sie der Sache auf den Grund gegangen? Nein, in PubMed ist jedenfalls nichts zu finden. Also, mal wieder viel Schaumschlägerei und eine Studie, deren Resultate für die Welt auch nicht wirklich wichtig sind.

Karin Hollricher



Letzte Änderungen: 29.11.2008
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