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Von Königen und Herzögen

Biologen-Dachverband gegründet

Was die Spatzen lange den Dächern gepfiffen haben, ist nun offiziell: Der Verbund biowissenschaftlicher und biomedizinischer Gesellschaften (VBBM) wurde gegründet. Er soll das Sprachrohr der Lebenswissenschaften werden.

Zwei Jahre wurde diskutiert, am 17. März 2004 wurde er gegründet: der "Verbund biowissenschaftlicher und biomedizinischer Gesellschaften" - kurz VBBM (im Netz unter www.bio-bund.de). "Das war ein wichtiger Tag für die Biologie in Deutschland", freut sich Rudi Balling, erster Präsident des VBBM. Der Direktor der Gesellschaft für biotechnologische Forschung (GbF) in Braunschweig hatte damals die Initiative ergriffen und die Gründung eines Biologen-Dachverbandes angeregt.

"Was wir Biologen brauchen ist eine fachübergreifende Meinungsbildung. Wir müssen eine Agenda für die Biowissenschaften und die Biomedizin entwickeln, die über den Themen der einzelnen Disziplinen steht. Mit dem VBBM ist das jetzt möglich", sagt Balling.

Mitglied im VBBM können nicht einzelne Personen, sondern nur ganze Fachgesellschaften werden. Bisher sind 13 Gesellschaften eingetreten. Damit repräsentiert der VBBM bereits jetzt über 15.000 Biologen und Biomediziner. Man erwartet, dass sich noch innerhalb dieses Jahres weitere Fachgesellschaften dem VBBM anschließen werden. Beispielsweise die Deutsche Zoologische Gesellschaft, deren Mitglieder auf der nächsten Versammlung über den Beitritt entscheiden werden.

Warum die VBBM-Macher nicht alle Vorstände der insgesamt über 70 deutschen Bio-Fachgesellschaften überzeugen konnten, dem Dachverband beizutreten, hat viele Gründe. Etliche Gesellschaften sind bereits Mitglied im "Verband deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften" (vdbiol) und sehen daher keinen Grund, einer weiteren fachübergreifenden Organisation beizutreten. Andere Gesellschaften haben schlicht kein Interesse, etwa die Deutsche Gesellschaft für Parasitologie. "Die DGP tritt dem VBBM nicht bei, darüber wurde nicht einmal diskutiert", sagt Brigitte Frank von der Universität Hohenheim. Zwar hält es die Schriftführerin und Schatzmeisterin der Gesellschaft persönlich für sinnvoll, Mitglied im VBBM zu sein. Doch damit konnte sie sich im Vorstand nicht durchsetzen.

Kampf gegen Egoismen und Standesinteressen

Wieder andere Gesellschaften pflegen Egoismus und Standesinteressen. Sie befürchten augenscheinlich, dass eine Dachgesellschaft die individuellen Interessen nicht wird widerspiegeln können, und die Positionen des VBBM demnach immer den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Mitglieder dokumentieren werden. So sieht das auch Karl-Heinz Sontag, Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der biomedizinischen Forschung. "Ich halte es für sehr wichtig, dass die einzelnen Fachgesellschaften ihre Souveränität behalten und individuell formulierte Stellungnahmen zu bestimmten Themen formulieren können," sagt er. Natürlich müssen die Mitglieder Kompetenzen - und auch Finanzen - an den VBBM abtreten. Und genau das sind die Haken. "Egoismen bringen die Biologie in Deutschland aber nicht weiter", kommentiert Hans-Jörg Jacobsen, Präsident des Verbandes deutscher Biologen (vdbiol), solche Ansichten, wie sie Sontag äußert. "Chemiker und Physiker machen es uns vor: die Biologie muss in wichtigen Punkten mit einer Stimme sprechen können. Und diese Stimme ist natürlich gewichtiger, wenn sie von einem Verband mit 40.000 Mitgliedern kommt, als von einer Fachgesellschaft mit 1000 Mitgliedern."

Zwei-Säulen-Modell mit dem vdbiol

Natürlich hat es im Vorfeld der VBBM-Gründung eine Diskussion darüber gegeben, ob sich nicht der vdbiol, in dem über 5.500 Personen, mehr als 60 Biotechfirmen und 16 Fachgesellschaften Mitglied sind, zu einer Dachgesellschaft der Biologen ausbauen ließe. "Im vdbiol sahen sich manche Fachgesellschaften leider nicht ausreichend vertreten", berichtet Jacobsen. "Manche befürchteten, von den Einzelmitgliedern überstimmt zu werden." So entwickelten Jabobsen und Balling mit den Geschäftsführern von GBM und VAAM, Jörg Maxton-Küchenmeister und Katrin Muth, die Idee von einem neuen Dachverband, der in enger Verzahnung mit dem vdbiol arbeitet. Jacobsen dokumentiert diese Zusammenarbeit in einer offiziellen Stellungnahme so: "Wir gehen ... davon aus, dass sich die Arbeit von vdbiol und "Bio-Bund" ergänzen sollte. Keinesfalls darf man in die Verhaltensmuster der Vergangenheit zurückfallen. Während der "Bio-Bund" ein Zusammenschluss von reinen Gesellschaften werden soll, also speziell die Forschungspolitik im Auge hat, kann die Rolle des vdbiol sich beispielsweise mehr auf seine Kernkompetenzen in der Schnittstelle zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt, Öffentlichkeitsarbeit und Fortbildung konzentrieren." Dazu haben VBBM und vdbiol eigens das "Zwei-Säulen-Modell" entworfen, das die Zusammenarbeit in gemeinsame Arbeitsgruppen vorsieht. Dennoch sehen Jacobsen und Balling das jetzige Paralleldasein von VBBM und vdbiol als transienten Zustand. Beide streben eine Einzellösung an. "Was zusammengehört, wird auch zusammenwachsen", kommentiert Jacobsen die Zukunft der Biologenverbände. "Mir ist der Organisationszustand eigentlich egal, Hauptsache wir bringen etwas voran."

Nahe an der Bundespolitik

Der junge VBBM soll seinen Sitz in Berlin bekommen, "am liebsten am Gendarmenmarkt, ganz nah an der Politik", meint Balling. Damit der Verband funktioniert, muss er Geld haben und Personal einstellen, wenigstens einen Geschäftsführer sowie eine Sekretärin. Die Beiträge, die die Mitglieder bisher aufbringen, reichen dazu nicht aus. Balling hofft deshalb auf mehr Geld aus den Gesellschaften, der Politik und von Sponsoren. Was werden nach den Worten aber nun die ersten Taten des VBBM sein? "Wir wollen eine Stellungnahme zum Tierschutzgesetz erarbeiten", sagt Balling, "und auf jeden Fall verhindern, dass eine Verbandsklage zugelassen wird. Das brennt allen Biowissenschaftlern wirklich unter den Nägeln. Außerdem stehen die Novellierung des Gentechnikgesetzes und der Tarifvertrag für Wissenschaftler auf der Liste der Themen, derer sich der Verband umgehend annehmen will. Klingt ein wenig nach der Strategie: Je dynamischer der "König" voranreitet, desto schneller werden die vielen "Herzöge" ihm folgen müssen. (von Karin Hollricher)



Letzte Änderungen: 06.05.2004
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