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Schweigepflicht für Wissenschaftsreporter?

Stammzellforscher Hans Schöler ist sauer. Ein Bericht in der FAZ über bisher nicht publizierte Daten führte dazu, dass andere Forscher sich von ihm diskreditiert fühlen. Jetzt fordert er einen Maulkorb für Journalisten.

(18.07.2008) Wer dem Vortrag von Hans Schöler, Stammzellforscher am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster, auf dem 20. Internationalen Genetikkongress in Berlin folgte, war fasziniert. Schöler berichtete, wie er adulte neuronale Stammzellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) reprogrammiert hat. Diese Arbeit hatte er jüngst mit seinem Aachener Kollegen Martin Zenke in Nature online publiziert. Anschließend berichtete Schöler über seine Versuche, iPS aus Keimbahnstammzellen (Spermatogonien) erwachsener Mäuse zu gewinnen. Offensichtlich waren seine Experimente erfolgreich: er erhielt reprogrammierte iPS – er nannte sie germline pluripotent stem cells, kurz gPS. Das Besondere daran: die Zellen wurden pluripotent ohne den Zusatz von stammzellspezifischen Genen wie oct4 und Klf und ohne virale Hilfe, es waren lediglich besondere Kulturbedingungen für die Reprogrammierung nötig. Plötzlich aber beendete Schöler seinen Vortrag mit dem Hinweis, alle weiteren Daten seien noch nicht publiziert und da Journalisten im Publikum säßen, würde er hiermit enden.

Staunen machte sich im Saal breit, denn bisher hatte kaum jemand mitbekommen, dass sich Schöler mit dem FAZ-Journalisten Joachim Müller-Jung über eine "Seite Eins"-Geschichte streitet, die von eben diesen pluripotenten Stammzellen handelt, die Schöler aus Spermatogonien gewonnen hatte.

Wie es dazu kam, erklärte Schöler auf der anschließenden Pressekonferenz den Journalisten. Müller-Jung hatte einen Vortrag Schölers auf dem 2nd International Congress on Stem Cells and Tissue Formation in Dresden gehört und sich anschließend, so Schöler, zu einem informellen Tischgespräch gesellt, dass Schöler mit Kollegen führte.

Darüber schrieb Müller-Jung einen Artikel, in dem er die noch nicht publizierten Daten über die induzierten Stammzellen der Keimbahn (gPS) groß aufmachte, gar als Durchbruch beschrieb. Nichts davon sei wahr, so Schöler. Zunächst sei es kein Durchbruch, da schon andere Gruppen von solchen Versuchen berichtet hätten. Weiterhin hätte Müller-Jung teilweise falsche Fakten dargestellt. Und die Behauptung, er – Schöler – hätte die Arbeit von Kollegen in Frage gestellt, sei völlig aus der Luft gegriffen.

Bei besagten Kollegen handelt es sich um die Arbeitsgruppe von Gerd Hasenfuss an der Universität Göttingen. Hasenfuss hatte pluripotente Stammzellen aus Maus-Spermatogonien gewonnen und 2006 in Nature publiziert. Als Beweis für die Pluripotenz der Zellen führte Hasenfuss an, dass diese Zellen nach der Transplantation in Maus-Blastozysten sich zu Zellen verschiedener Gewebe differenziert hätten. Überdies würden sie Teratome verursachen – dieser Test ist bislang einer der Standardnachweise für Pluripotenz. In der FAZ war nun zu lesen, Schöler habe Zweifel an den Hasenfuss'schen Daten. Das habe der Forscher Müller-Jung während des Tischgespräches nach dem Vortrag gesagt.

Natürlich reagierte Hasenfuss auf die Lektüre des FAZ-Artikels schwer verärgert, was wiederum Schöler nervte und ihn dazu veranlasste, an die Öffentlichkeit zu gehen. In Sachen Hasenfuss erklärte er, er habe dessen Daten nie bezweifelt, weder in seinem Vortrag noch in dem anschließenden Gespräch. Im übrigen sei das Tischgespräch informeller Art gewesen, sein Inhalt hätte nicht in die Öffentlichkeit gelangen dürfen.

Müller-Jung wehrt sich vehement gegen den Vorwurf des Vertrauensmissbrauchs und erklärte Spiegel online, er habe über die Pressestelle des MPIs in Münster ganz offiziell ein Interview vereinbart.

Wer von den beiden, Schöler und Müller-Jung, unter welchen Umständen was gesagt hat, können wir hier nicht klären. Allerdings wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass schon 2006 Takashi Shinohara, der ebenfalls Maus-Spermatogonien reprogrammiert hatte, offiziell die Hasenfuss'sche Publikation in Frage stellte. Die Daten seien zu gut um wahr zu sein, sagte Shinohara damals in Nature.

Was dieser Disput jedoch deutlich macht, ist das Dilemma, in dem sich Wissenschaftler im Umgang miteinander und im Umgang mit Journalisten befinden. Weltweit beklagen Forscher, dass neue Daten nicht mehr auf Kongressen diskutiert werden, weil sie erstens im Falle von medizinischen oder pharmazeutischen Anwendungen die Anmeldung von Patenten nicht gefährden wollen. Zweitens haben sie Sorge, dass ein Kollege die Ergebnisse seinerseits nutzt und im Extremfall sogar eine eigene Publikation schneller lanciert.

In den letzten Jahren kam nun – drittens – die Sorge hinzu, dass hellhörige Medienvertreter Ergebnisse vor der Publikation in die Presse bringen und auf Exklusivität bedachte Top-Journals wie Nature und Science das Paper deswegen ablehnen, egal wie gut die Ergebnisse sind.

Wie sehen Journalisten das? Die sind natürlich begeistert, wenn sie exklusiv eine gute Story haben, die sogar ein Seite Eins-Aufmacher ist. Dann ist es egal, ob die Geschichte von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, einem Wirtschaftsskandal oder einem politischen Thema handelt.

Auf der anderen Seite nehmen Wissenschaftler die Dienste von Journalisten gerne auch sehr gezielt in Anspruch, ja sie benutzen die Pressevertreter gelegentlich regelrecht zur Verbreitung ihrer Arbeiten. Erst kürzlich publizierten Forscher von der Universität in Leiden über die universitätseigene Pressestelle, dass sie das Genom einer Frau sequenziert hätten. Der Medienrummmel war riesig, die PR-Abteilung der Uni wird sich gefreut haben. Die telegenen Auftritte der Humangenomforscher von Craig Venter und Francis Collins mit Präsident Clinton hat jeder noch vor Augen – und die wurden vor den offiziellen Publikationen inszeniert.

Wie sehen die Wissenschaftler das? Schöler tat während einer Pressekonferenz auf dem Genetikkongress in Berlin öffentlich kund, er werde im Umgang mit Journalisten künftig vorsichtiger sein. Er wolle von Journalisten Verschwiegenheit verlangen, wenn sie einen Kongress besuchen, der explizit zum Austausch unter Wissenschaftlern gedacht ist und auf dem noch nicht publizierte Daten vorstellt werden. "Pressevertreter sollen ein Vertraulichkeitsabkommen unterzeichnen, wie das etwa auf den Keystone-Symposien schon praktiziert wird", so Schöler.

Müssen anwesende Wissenschaftler dann auch ein solches Abkommen unterzeichnen? Sie sind ja schließlich auch Öffentlichkeit, können über noch nicht publizierte eigene Daten und die ihrer Kollegen diskutieren. Oder gehören Wissenschaftler nicht zur Öffentlichkeit?

Oder sollten die Top-Forscher den Top-Journals mal die rote Karte zeigen und ihre Arbeiten in Zeitschriften veröffentlichen, die nicht so strikt auf Exklusivität beharren? Ist es nicht albern, dass Wissenschaftler auf Kongressen bei einem Vortrag ernsthaft und ohne rot zu werden erklären, sie könnten erst in einer halben Stunde diese oder jene Daten zeigen, weil erst dann das Embargo der Zeitschrift X oder Y abläuft? Das ist kein Witz, so etwas passiert tatsächlich. Gerade die Top-Forscher wären sicherlich in der Lage, sich gegen eine derartige Gängelung mancher Wissenschaftszeitung zur Wehr zu setzen.

Eine Verschwiegenheitsklausel, wie sie Schöler vorschwebt, käme jedenfalls einem Verbot von unabhängiger Berichterstattung gleich, denn ohne Unterschrift dürfte ein Medienvertreter kaum zugelassen werden. Deshalb muss im Gespräch zwischen Forscher und Pressevertreter ganz klar gemacht werden, wann und was "off the record" gesprochen wird. Denn ein Maulkorb wird die viel beklagte Entwicklung von mangelnder Kommunikation zwischen Elfenbeinturm und Öffentlichkeit noch verschärfen und das Vertrauen, das in den letzten Jahren zwischen Forschern und (Wissenschafts-)Journalisten gewachsen ist, nicht wirklich stärken. Und das wäre doch schade.

Karin Hollricher



Letzte Änderungen: 18.07.2008
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