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Jetzt erst recht

Forscher kreieren pluripotente Stammzellen komplett ohne Embryozellen. Dennoch brauchen wir umso mehr Forschung an embryonalen Stammzellen, verkündet die DFG.

(22.11.2007) Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Japanischen und amerikanischen Forschern gelingt es ausdifferenzierte Zellen derart zu reprogrammieren, dass sie nahezu alle Merkmale embryonaler Stammzellen aufweisen -- und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert daraufhin, jetzt erst recht die deutsche Gesetzeslage zur Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen zu lockern.

Das Team um Shinya Yamanaka in Kyoto schleuste zur erfolgreichen Reprogrammierung lediglich die vier Gene Oct4, Sox2, Klf4 und c-Myc in Hautzellen von einer 36 Jahre alten Frau ein; James Thomson und seine Kollegen von der University of Wisconsin nahmen ebenfalls Oct4 und Sox2 und ersetzten die anderen beiden durch die Gene Nanog und Lin28 um Bindegewebszellen aus der Lunge abgetriebener Föten sowie Zellen aus der Vorhaut eines neugeborenen Jungen in Stammzellen zurückzuverwandeln. In beiden Studien trugen die derart induzierten pluripotenten Zellen nach der Umprogrammierung ähnliche Oberflächenmarker wie embryonalen Stammzellen, und auch deren Eigenschaften beim Wachstum in Zellkultur waren nahezu identisch.

Bewiesen ist damit noch nichts, wahrscheinlicher geworden aber vieles. Könnte man tatsächlich Zellen, die niemals einem Embryo angehörten, durch simple genetische Tricks in einen pluripotenten Status zurückversetzen, würde ein Großteil der ethisch umstrittenen Forschung an "echten" embryonalen Stammzellen prinzipiell obsolet. Ian Wilmut, vor zehn Jahren wissenschaftlicher "Ziehvater" des Klonschafs Dolly, kündigte daher auch umgehend an, seine Klonexperimente mit humanen embryonalen Stammzellen einzustellen und fortan nach der "Yamanaka-Methode" von ausdifferenzierten Körperzellen auszugehen.

Hans Schöler, Stammzellforscher am Münsteraner Max Planck-Institut für Biomedizin, sieht das anders. In einem Kommentar zum Yamanaka-Paper in Cell schreibt er: "Es wäre ein großer Fehler anzunehmen, dass man nun keine humanen embryonalen Stammzellen mehr brauche." Viele Hürden seien noch zu überspringen, bis man Pluripotenz wirklich verstünde und tatsächlich induzierte pluripotente Stammzellen produzieren könne, die auch für Therapien geeignet wären. Zum Beispiel müsse man Wege finden, somatische Zellen auch ohne Einschleusen von Retroviren und die Aktivierung von Onkogenen wie c-Myc zu reprogrammieren. "So gesehen", schließt Schöler daher, "ist die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen jetzt wichtiger denn je."

Die DFG sieht es genauso. In deren Stellungnahme heißt es: "Diese neuen, durch 'Reprogrammierung' gewonnenen Stammzellen müssen nun charakterisiert und erprobt werden. Dazu werden von den bereits etablierten humanen embryonalen Stammzelllinien die besten, neuen Zelllinien als ein 'Goldstandard' benötigt." Logisch daher die Forderung der DFG zum Schluss: "Nach dem derzeit in Deutschland geltenden Stammzellgesetz dürfen diese neuen humanen embryonalen Stammzelllinien jedoch nicht nach Deutschland eingeführt werden. Die jetzt erzielten bahnbrechenden Erkenntnisse belegen nochmals die Notwendigkeit, die deutsche Stichtagsregelung zum Import von humanen embryonalen Stammzelllinien zu ändern."

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 22.11.2007
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