Advertisement
Info

Das qualvolle Sterben einer deutschen Institution

Die Habilitation erleidet derzeit einen schleichenden Bedeutungsverlust. Ausdruck dafür sind – nur auf den ersten Blick paradoxerweise – sowohl Anstieg als auch Absinken der Habilitationen.

(18.09.2007) Weit mehr als die Verlautbarungen der Hochschulpolitiker zeigen die Zahlen des statistischen Bundesamts, was und ob sich etwas bewegt an den deutschen Hochschulen. Neulich wurden die Zahlen zur Habilitation veröffentlicht (siehe hier). Gab es im Jahre 2000 in Mathematik und Naturwissenschaften noch 587 Habilitationen, so sank diese Zahl bis 2006 auf 377, also um ein gutes Drittel. Dagegen stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Habilitationen in der Humanmedizin an: von 700 auf 894.

Paradoxerweise deutet beides auf einen schleichenden Bedeutungsverlust der Habilitation hin, denn die Habilitation hat in den Naturwissenschaften und in der Medizin eine unterschiedliche Bedeutung: In den Naturwissenschaften galt sie früher als formale Voraussetzung für ein Lehramt, war also entscheidend für die Karriere. Eine Abnahme der Zahl der Habilitationen deutet daher auf einen Bedeutungsverlust hin. In der Medizin dagegen galt die Habilitation mehr als Ehrentitel ähnlich wie der Titel Dr. med. Wie bei allen Titeln bewirkt der Bedeutungsverlust eine inflationäre Vergabe – was nichts wert ist, wird gerne verschenkt – und damit eine Zunahme der Habilitationen.

Die Zähne, die an der Habilitation nagen, sind die Juniorprofessur und das Emmy-Noether-Stipendium. Sowohl für eine Juniorprofessur als auch für ein Emmy-Noether-Stipendium wird keine Habilitation gefordert: Sie sind alternative, wenn auch nicht unbedingt leichtere, Wege zur Professur. Die Zahl der Juniorprofessuren (alle Fächer) stieg im Zeitraum 2002 bis 2005 von 102 auf 617. Eine Umfrage des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung unter den Bewerbern für ein Emmy-Noether-Stipendium (695 wurden befragt, 462 antworteten) zeigt, dass Dreiviertel der Nachwuchsforscher die Habilitation ablehnten. Wie passt die hohe Ablehnungsquote mit dem moderaten Absinken der Habilitationsquote zusammen?

Die Diskrepanz zwischen diesen Zahlen kann man als Misstrauensvotum des Nachwuchses sehen. Offensichtlich misstrauen die Juniorprofessoren und Stipendiaten den Versicherungen der Universitätshierarchen, bei der Kooptation in die erlauchten Kreise der Lehrstuhlinhaber käme es allein auf die Leistung an. Offensichtlich glaubt ein großer Teil des Nachwuchses, auf eine formale Unterwerfungsgeste – und nichts anderes ist die Habilitation – nicht verzichten zu können.

Hubert Rehm



Letzte Änderungen: 18.09.2007
Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie unsere Website benutzen, stimmen Sie damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation