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Kollektivvertrag und Wiener Walzer

An Österreichs Universitäten weht ein neuer Wind: Mit Hilfe des geplanten Kollektivvertrags sollen erfolglose Professoren aussortiert werden – als Messlatte dienen Evaluierungen der Forschungsleistung.

(22.08.2007) Zwischen Herbst 2003 und April 2007 wurde zwischen dem Dachverband der österreichischen Universitäten und der Gewerkschaft öffentlicher Dienst ein Kollektivvertrag ausgehandelt. Der am heißesten umstrittene Punkt war das Karriereschema des wissenschaftlichen Personals und hier vermutlich der Paragraph 25 Abs. 6. Er lautet:

"Auf Universitätsprofessoren/Universitätsprofessorinnen ist Paragraph 22 Abs. 2 lit. d mit der Maßgabe anzuwenden, dass eine Kündigung nach zwei aufeinander folgenden negativen Evaluierungen (gemäß UG) der Erfüllung der arbeitsvertraglichen Verpflichtungen nach Paragraph 25 Abs. 2 berechtigt ist."

Auf Deutsch: Österreichische Professoren können entlassen werden, wenn es sich herausstellt, dass sie nichts leisten. Eine wahrhaft revolutionäre Neuerung, wenn...

Wenn der Kollektivvertrag in Kraft tritt. Das ist keineswegs sicher. In der üblichen Verschwörung zur Besitzstandswahrung wird in dem Kollektivvertrag niemand schlechter gestellt, einige aber besser und es gibt daher Mehrkosten. Darüber müssen die Vertragspartner noch mit dem Finanzminister verhandeln. Erst dann kann der Kollektivvertrag in Kraft treten. Das wird frühestens 2009 sein, denn vorläufig ist noch nicht einmal klar, wie hoch die Mehrkosten ausfallen.

Des weiteren (und schlimmer): Es bleibt unklar, wer was wie evaluiert. Das Universitätsgesetz, auf das Paragraph 25 Abs. 6 verweist, spricht zwar in Paragraph 14 von "fachbezogenen internationalen Evaluierungsstandards", aber wie die aussehen lässt es im Dunkeln. Zu den arbeitsvertraglichen Pflichten des Professors nach Paragraph 25 Abs. 2 gehören zum Beispiel auch Organisations- und Verwaltungsaufgaben. Welche Rolle spielen die bei der Evaluierung? Des weiteren verpflichtet Paragraph 25 Abs. 2 den Professor nur, sein Fach in Forschung und Lehre zu "vertreten". Was heißt das? Vertritt ein Professor sein Fach auch dann, wenn er Jahr für Jahr nur Paper mit vernachlässigbarem Neuigkeitswert veröffentlicht?

Grundsätzlich kranken Reformen – nicht nur in Österreich – daran, dass die Reformierenden auf die Festlegung der entscheidenden Details verzichten. Zudem ist ihnen der Gedanke fremd, den Erfolg ihrer Reformen zu überprüfen, das heißt Parameter zu messen, die zum Beispiel die Forschungsleistung erfassen. Vielleicht weil dies die Reform als wirkungslos oder sogar kontraproduktiv entlarven könnte, was wiederum das Ansehen der Reformer beschädigt. Zugegeben, es ist schwer, die Forschungsleistung eines Landes quantitativ zu messen. Die berechnet sich bekanntlich als Quotient von Output und Input. Doch nur der Input, die Forschungsförderung in Euro oder Dollar oder Pfund, ist einigermaßen genau zu bestimmen. Zwei Millionen Euro sind mehr wert als eine Million Euro. Aber sind zehntausend wissenschaftliche Veröffentlichungen mehr wert als fünftausend? Manchmal bewegt eine wissenschaftliche Idee mehr als tausend durchschnittliche Arbeiten.

Bevor man sich also daran macht, neue Regeln einzuführen um die Forschungsleistung zu erhöhen, das nämlich ist der lobenswerte Ehrgeiz der Österreicher, sollte man sich überlegen, was man unter Forschungsleistung verstehen und wie man sie erfassen will. Auch wäre es segensreich, die wechselvolle Geschichte der Universitätsreformen zu studieren. Es ist nämlich fast alles an Reformen schon einmal da gewesen und die seelische Architektur heutiger Professoren unterscheidet sich kaum von der der Professoren des 18. Jahrhunderts. Es lässt sich daher abschätzen, welche Maßnahmen welche Wirkung haben. Man würde zum Beispiel feststellen, dass wer forschen soll nicht mit Verwaltung beschäftigt werden sollte, und es von ungeheurer Wirkung ist, das Einkommen linear mit der Leistung zu koppeln.

Der österreichische Kollektivvertrag, in dem übrigens auch Abschaffung der Habilitation und die Einführung eines Assistenzprofessors festgelegt wurden, ist also ein Schrotschuss in den Busch – allerdings in die Richtung, aus der es raschelt. Der Erfolg wird davon abhängen, ob die Flinte mit Blei oder nur mit Pulver geladen war, das heißt ob die Kreise, die eine echte Reform wollen, genügend Standfestigkeit und Ausdauer besitzen. Vielleicht wird alles nur ein Wiener Walzer: Es sieht schön aus, aber letztlich hat man sich nur im Kreis gedreht.

Hubert Rehm

Photo: Lara Winckler



Letzte Änderungen: 22.08.2007
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