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Der MDPI-Verlag –
Wolf im Schafspelz?

(28.06.2022) Eine Flut an Sonderausgaben, ultraschnelles Peer Review – die unorthodoxen Methoden des Verlagshauses spalten die Wissenschaftsgemeinde.
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Von mehreren Lesern erhielt die Laborjournal-Redaktion in den vergangenen Wochen ähnliche Zuschriften: „Der MDPI-Verlag gehört unbedingt in die öffentliche Diskussion. Bitte bewahren Sie […] insbesondere junge Forscher:innen davor […], in seinen möglicher­weise fragwürdigen Zeitschriften zu publizieren, […] sodass wissen­schaft­liches Denken und Handeln […] wieder eine Zukunft haben.“ Harte Worte. Worauf fußt der geäußerte Verdacht?

Das Multidisciplinary Digital Publishing Institute (MDPI) veröffentlichte vergangenes Jahr 236.000 Artikel in 383 Fachjournalen. Damit ist es laut dem Portal „SCImago Journal & Country Rank“ der viertgrößte Wissenschafts­verlag weltweit. Außerdem ist MDPI seit 2019 der weltgrößte Open-Access-Verlag.

Aufsehenerregend ist sein exponentielles Unternehmens­wachstum. Im Mai 2010 von Shu-Kun Lin und Dietrich Rordorf in Basel gegründet, publizierte das Schweizer Verlagshaus 2013 knapp zehntausend Manuskripte. Seitdem verlegte es jedes Jahr fünfzig Prozent mehr Artikel als im Jahr zuvor. Einzelne MDPI-Journale wie Biomolecules, Cancers, Cells und Micro­organisms wuchsen sogar noch extremer. Von 2018 auf 2019 steigerten sie die Zahl ihrer Artikel beispielsweise um 392, 280, 499 und 486 Prozent. Marktführer Elsevier vervielfältigte sein Verlags­geschäft im vergangenen Jahrzehnt dagegen nur um drei Prozent pro Jahr.

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Schwarze Schafe

Ein derartiges Verlagswachstum macht MDPI in den Augen der Wissenschafts­gemeinde verdächtig. Seine Kritiker argumentieren, dass das nur mit mangelnder Qualität veröffentlichter Manuskripte einhergehen kann. MDPI sei ein chinesischer Raubtier-Verlag mit schweizerischem Postfach.

Eines detaillierten Blicks bedarf unter anderem der Grund für MDPIs explosives Verlags­wachstum – seine Flut an Sonderausgaben. Traditionelle Fachzeit­schriften geben pro Jahr vier bis 24 Ausgaben heraus. Zusätzlich verlegen sie vereinzelt Special Issues (SI), die zeitlich begrenzt Beiträge zu einem bestimmten Forschungs­thema, einer Wissenschafts­persönlichkeit oder einer Konferenz sammeln. Nicht so MDPI, wie Paolo Crosetto, Wirtschafts­wissenschaftler am französischen Nationalen Forschungs­institut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, im April 2021 in seinem Privatblog aufzeigte: Die 74 MDPI-Journale, die ab 2016 einen JIF besaßen, steigerten die Zahl ihrer regulären Artikel bis 2020 um das 2,6-Fache („Is MDPI a predatory publisher?“, 12.4.2021). Ihre SI-Artikel nahmen dagegen um Faktor 7,5 zu und machten mittlerweile zwei Drittel aller Publikationen aus. Gab das Verlagshaus 2013 noch 388 Sonderausgaben – also etwa fünf pro Fachzeitschrift – heraus, waren es 2021 ganze 39.587 Special Issues – also fünfhundert pro Fachzeitschrift.

Nur schnöder Mammon?

Zwangsläufig nährt das den Verdacht auf ein lukratives Geschäftsmodell. Denn je mehr SI-Artikel erscheinen, umso mehr Article Processing Charges (APC) kassiert MDPI. Die entscheidende Frage bei alldem lautet jedoch: Macht es einen Unterschied, ob Verlage ihre Publikationen über reguläre Journal­ausgaben oder über Special Issues generieren? Philipp Aerni, Direktor des Zentrums für Unternehmens­verantwortung und Nachhal­tigkeit (CCRS) an der School of Management Fribourg und Bereichs­editor beim MDPI-Journal Sustainability verneint: „Dank MDPIs Sonder­ausgaben kann ich Aufmerk­samkeit auf unterreprä­sentierte und interdiszi­plinäre Forschungs­themen lenken. Was spricht im digitalen Zeitalter dagegen, Wissen in einer uneinge­schränkten Anzahl von Themen­komplexen zu organisieren, anstatt in verstaubten Journalen mit festgelegter Zahl an Ausgaben?“

Christian Binz, Arbeitsgruppen­leiter am Wasserforschungs­institut EAWAG im Kanton Zürich, widerspricht: „Die Kernlogik unseres Wissenschafts­systems ist es doch, Qualität hochzuhalten. Ein gutes Special Issue, das das Forschungsfeld weiterbringt, braucht mehrere Jahre Denk- und Koordina­tionsarbeit. MDPIs Flut an Spezialausgaben gefährdet das. Alles wird dort publiziert und wenig Qualität garantiert.“

Verkürzte Bearbeitungszeiten

Noch etwas fällt auf: Unterscheiden sich die individuellen Bearbei­tungszeiten einzelner Manuskripte bei anderen Verlagen zum Teil um Wochen, weist MDPI nur eine minimale Hetero­genität auf. Laut Wirtschafts­wissenschaftler Crosetto streuten MDPIs individuelle Peer-Review-Zeiten im Jahr 2016 noch zwischen zehn und 150 Tagen. 2020 brauchte beinahe kein MDPI-Journal für irgendein Manuskript noch länger als 60 Tage. Können MDPIs weltweit 115.000 Editoren von 383 Fachzeitschriften mehrerer Dutzend Fachrichtungen derart gleich­geschaltet sein?

Martin Kröger, MDPIs Section-Editor-in-Chief bei Polymers sowie Editor bei sieben Nicht-MDPI-Journalen, zieht den Vergleich: „Polymers ist anderen Journalen nicht überlegen, weil Manuskripte durchgewunken würden, sondern weil MDPIs Manuskript-Management-System informations­technologisch weit überlegen ist. Assistenz­editoren bereiten Manuskripte vor und nach und beseitigen zuverlässig alle technischen Probleme – auch am Wochenende. Ich selbst agiere immer binnen 24 Stunden – auch in den Ferien.“

In der Wissenschafts­gemeinde schürt das Argwohn und Abneigung. Exemplarisch für unzählige Anekdoten zu MDPI erklärt der schweizerische Umwelt­sozial­wissenschaftler Christian Binz den zugrunde­liegenden Interessens­konflikt: „Meine persönliche Erfahrung mit MDPI ist katastrophal. Ich wurde als Reviewer angefragt. Als ich nach zehn Tagen mein Gutachten einreichte und eine Ablehnung empfahl, war das Manuskript schon akzeptiert. Ein offizielles Entscheidungs­schreiben vom Editor inklusive der Reviews anderer Gutachter habe ich nie erhalten. Den Review-Prozess hat MDPI also durch die Hintertür abgeschafft. Binnen einer Woche ein vernünftiges und bedachtes Review zu verfassen, das Qualität sichert, ist für Forschungs­treibende unmöglich.“

Offene Bücher

Ein weiteres Charakteristikum von Raubtier-Verlagen ist mangelnde Transparenz. Trifft das auf MDPI zu? Seine Internetseiten stellen detaillierte Informationen über alle Verlagsjournale, ihre Redaktions­leitungen, Gebühren, Indexierungen in Literatur­datenbanken, biblio­metrischen Faktoren, Identifikations­merkmale wie ISSNs und DOIs sowie Veröffentlichungs- und Copyright-Praxis zur Verfügung. Seine Jahresberichte geben Auskunft über redaktionelle Eckzahlen und Finanzdaten. Seine Literatur­datenbank Scilit ermöglicht es sogar, die Kennzahlen der Journale von 19.672 Verlagshäusern zu vergleichen.

Einig sind sich Kritiker und Befürworter von MDPI indes in einem Aspekt: Das Verlagshaus muss aufhören, Forschungs­treibende mit Massen-E-Mails zu überschütten. Denn diese aggressive Werbepolitik ist es, die so sehr an Raubtier-Verlage erinnert.

Mit dieser Verlagsmentalität weicht MDPI zugegebe­nermaßen von der Norm klassischer Verlage ab. Doch was bleibt nach trockener Analyse übrig, um das Baseler Verlagshaus als Predatory Publisher zu verteufeln? Eines steht fest: Mit seinen unorthodoxen Methoden erschüttert es die Vorherrschaft etablierter Verlage, die sich als Torwächter wissen­schaftlicher Meinungs­äußerung sehen.

Henrik Müller

Dieser hier stark gekürzte Artikel erschien zuerst in ausführlicher Form in Laborjournal 6/2022.

Bild: Adobe Stock/hisa-nishiya


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Letzte Änderungen: 28.06.2022