Info

Impfstoffe
im Überfluss

(09.06.2022) Nach akutem Mangel scheint es aktuell ein Überangebot an COVID-19-Vakzinen zu geben. Manche Hersteller haben sogar ihre Produktion gestoppt.
editorial_bild

Im Februar letzten Jahres wartete ein Großteil der deutschen Bevölkerung noch sehnsüchtig auf den ersten Termin – den Termin zur Impfung gegen COVID-19. Millionen von Menschen in kürzester Zeit mit Impfstoff zu versorgen, war eine bislang beispiellose Aufgabe, quasi ein Ding der Unmöglichkeit.

Das lag zunächst an der Herstellung der Lipid-Nanopartikel, in deren Inneren die Impf-mRNA verstaut wird (siehe dazu „Durchs Nadelöhr“ auf LJ online). Nur wenige Firmen, wie etwa Polymun aus Österreich, hatten das Know-how für diese noch recht junge Technologie. „Bis vor einem Jahr war das noch eine Idee im Labor und auf einmal wartet die Welt auf Millionen Dosen“, wird Polymun-Chef Dietmar Katinger damals von der APA zitiert. Nur wenige Monate später mangelte es an simplen Labor­utensilien wie Filter, Glasfläschchen, Spritzen, Gummi­stopfen und vor allem an Personal. Die Situation war so dramatisch, dass man bei Lonza in der Schweiz, die Modernas Spikevax für Europa produzierten, sogar auf Käser zurück­greifen wollte und die Schweizer Armee (siehe dazu „Es wird wieder eng“ auf LJ online).

Info

Bänder stehen still

Auch diese Probleme sind inzwischen behoben. Es hat sich inzwischen aber ein neues aufgetan: Denn während manche noch darüber streiten, wie Impfstoffe fair und gleichmäßig auf der Welt verteilt werden können (siehe dazu „Was bringt ein Patentverzicht?“ auf LJ online), bleiben die ersten Impfstoff-Hersteller auf ihren Fläschchen sitzen. Etwa 200 Millionen Dosen lagern momentan in den Regalen des indischen Serum-Instituts, das die Impfstoffe für Astrazeneca und Novavax herstellt, meldet unter anderem Bloomberg. Bereits im Dezember hat das Institut daher die Produktions­maschinen angehalten. „The momentum of the past that brought us so far here is lost,“ beschwert sich Instituts-Chef Adar Poonawalla bei indischen Medien. Verantwortlich sei unter anderem Impf-Müdigkeit, ist seine Vermutung. „I have even offered to give free donations to whoever wanted to take it“. Laut Reuters haben einige Länder, die über die COVAX-Initiative Impfstoffe beziehen, Millionen Dosen des in Indien produzierten Astrazeneca-Vakzins abgelehnt. Hauptgrund: das relativ kurze Haltbarkeits­datum von nur sechs Monaten.

Auch wenn das Astrazeneca-Vakzin von einigen Ländern verschmäht wird, COVAX hat derzeit auch mehr als genug andere Impfstoffe zur Verfügung. Sogar mehr als von den teilnehmenden Ländern aktuell nachgefragt wird. „The COVAX Allocation Round 14 (R14) is the first allocation round with greater supply than demand, with over 400 M doses communicated to the Joint Allocation Taskforce available for allocation“, heißt es in einem Bericht vom Januar 2022.

Info

Geringe Impfbereitschaft

Insgesamt 436 Millionen Dosen stünden zur Verteilung bereit, darunter: 99 Millionen von Johnson&Johnson, 24 Millionen von Moderna, 62 Millionen von Astrazeneca und ganze 250 Millionen Dosen von Novavax. Auch Biontech/Pfizer gibt nochmal 320 Millionen Dosen für COVAX frei. Aktuell hapert es aber vor allem an Verteilung und Verabreichung sowie an der, wie bereits vom indischen Hersteller vermutet, allgemein gesunkenen Impfbereitschaft und damit Nachfrage nach Vakzinen, so COVAX.

Bei Biontech kann man sich momentan wohl noch nicht über einen Mangel an Arbeit und stockende Produktions­bänder beschweren. Erst im Dezember unterzeichnete das Mainzer Unternehmen einen neuen Vertrag mit der EU über 200 Millionen Dosen zusätzlich zu den bereits verabredeten 450 Millionen Comirnaty-Dosen, die in diesem Jahr ausgeliefert werden sollen. Erst im Frühjahr letzten Jahres hatte Biontech eine neue Produktionsstätte, die ehemaligen Behringwerke, in Marburg in Betrieb genommen. Bis zu einer Milliarde Dosen COVID-19-Impfstoff wollte man hier produzieren. Im April 2021 arbeiteten von 400 Mitarbeitern 200 in Tag- und Nacht­schichten, um das Maximum aus der Anlage herauszuholen. Ob das immer noch so ist, hat Biontech uns leider nicht beantworten können. Auf der Firmen-Website erfährt man jedoch, dass in Marburg momentan 600 Mitarbeiter tätig sind.

Info

Parallel pünktlich?

Auch beim Liposomen-Lieferanten Polymun in Klosterneuburg sind die Auftragsbücher  weiterhin prall gefüllt: „Danke der Nachfrage, Polymun ist noch immer sehr gut ausgelastet“, schreibt uns Firmenchef Katinger in einer E-Mail.

Möglicherweise werden in den Marburger Produktions­hallen auch schon Fläschchen mit Biontechs angekündigtem Omikron-optimierten Impfstoff abgefüllt, parallel zu den klinischen Studien und ganz im Sinne von Firmen-Chef Ugur Sahin (siehe „Der Schlüssel heißt Parallelisierung“ auf LJ online).

Moderna scheint jedenfalls schonmal vorgelegt zu haben. In einer Pressemitteilung vom 8. Juni verkünden die US-Amerikaner, dass ihr „Omicron-Containing Bivalent Booster Candidate mRNA-1273.214“, der sowohl die Original-mRNA-Sequenz des Spikevax-Vakzins als auch eine Omikron-spezifische enthält, hervorragende (vorläufige) Ergebnisse in klinischen Studien erreicht hätte: „mRNA-1273.214 met all primary endpoints in the Phase 2/3 trial including neutralizing antibody response against Omicron when compared to a 50 µg booster dose of mRNA-1273 in baseline seronegative participants“. Angepeilt ist die Zulassung für „late summer“. Damit könnte pünktlich zur vorher­gesagten Herbstwelle eine weitere Impfkampagne starten, wenn sich bis dahin nicht eine neue Variante durchgesetzt hat, oder vielleicht doch die Affenpocken?

Kathleen Gransalke

Bild: Pixabay/torstensimon


Weitere Artikel zum Thema COVID-19


- „Man muss die Daten nur zusammenbringen"

Steigende Corona-Zahlen spätestens ab Herbst? Inklusive neuer SARS-CoV-2-Varianten? Der Wiener Immunologe Andreas Bergthaler mahnt zur Vorbereitung.

- Patienten und Forscher im Schattenreich

Long-Covid und Post-COVID lassen die Welt aufhorchen. Postvirale Erschöpfung bis hin zu schweren neurologischen Einschränkungen sind aber schon seit Jahrzehnten beschrieben – und waren auch vor der Pandemie nicht selten. Viele Betroffene sind von einem normalen Leben weit entfernt.

- „Eine Grundbildung rund um Daten und Statistik fehlt“

Die Statistikerin Katharina Schüller ist Mitglied des Teams „Unstatistik“, das jeden Monat jüngst publizierte Daten kritisch hinterfragt. Laborjournal sprach mit ihr über die Interpretation von COVID-19-Daten, mangelhafte statistische Kenntnisse und die aktuelle Wahrnehmung der Disziplin in der Öffentlichkeit.

 



Letzte Änderungen: 09.06.2022