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The Times They Are A-Changin' ... oder doch nicht?

Die Kelten stammen von indogermanischen Ackerbauern ab – das weiß jedes Schulkind. Doch ist das wirklich so gewesen? Zwei Wissenschaftler veröffentlichten dazu kürzlich eine ganz andere Theorie.

(02.04.2007) Nirgendwo werden Theorien so schnell durch ihr Gegenteil ersetzt wie in der menschlichen Populationsgenetik. Vor kurzem war es noch Schulbuchwissen, dass das Ursprungsland der Kelten die Baar sei, also die Hochebene zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, Rottweil und Löffingen. Von diesen Kelten sollten die Iren, Waliser und Hochland-Schotten abstammen, genauso wie die Engländer von angelsächsischen Einwanderern des 5. Jahrhunderts. Die Kelten wiederum sollten, wie alle europäischen Völker mit indogermanischer Sprache, zum größten Teil (über 85 Prozent) von vor 7000 bis 6000 Jahren aus dem Nahen Osten eingewanderten Ackerbauern abstammen (Modell der demic diffusion). Nur die Basken galten als seltsame, schwer einzuordnende europäische Randerscheinung, von denen nur eines sicher schien: Sie hatten mit den indogermanischen Europäern wenig bis nichts gemeinsam, am wenigsten die Sprache.

Überlagerung der protobaskischen Gene durch indogermanische

Nach Untersuchungen des Oxforder Genetikers Stephen Oppenheimer und des Münchner Linguisten Theo Vennemann liegen die Verhältnisse anders. Nach Oppenheimer stellen die Basken den genetischen Grundstock der europäischen Bevölkerung. Zum Höhepunkt der letzten Eiszeit, vor 18000 Jahren, hätten sich die europäischen Jäger und Sammler nach Nordspanien und Südwestfrankreich, also auf die heutigen Siedlungsgebiete der Basken, zurückgezogen. Mit zunehmender Erwärmung hätten sie von diesem Siedlungszentrum aus Europa wieder besiedelt. Bis zur Einwanderung von indogermanisch sprechenden Ackerbauern vor etwa 7000 Jahren sei Europa von protobaskisch (vaskonisch) sprechenden Jäger-Sammlern oder Viehzüchtern bevölkert gewesen. Die von Osten einwandernden indogermanischen Ackerbauern hätten diesen Bevölkerungsstamm nur überlagert: 66 bis 90 Prozent des heutigen europäischen Erbguts stamme von den Protobasken. Genetisch gesehen seien Kelten, Romanen und Germanen nur Variationen eines protobaskischen Themas, Wellen auf einem tiefen See. Die Ackerbauern als kulturell überlegene Schicht hätten den Protobasken jedoch ihre Sprache aufgezwungen: Mit Ausnahme des alten Stamm- beziehungsweise Rückzugsgebiets in Südwestfrankreich beziehungsweise Nordspanien.

Oppenheimers Theorien beruhen auf der Untersuchung von Y-chromosomalen Markern und mitochondrialer DNA (mtDNA) mit der Phylogeographischen Methode. Bei ihr verfolgt man individuelle Gene. Die Theorien passen zu Untersuchungen von Hans-Jürgen Bandelt und Martin Richards (Annual Review of Anthropology 2003, Vol. 32: 135-162), wonach nur ein Viertel oder weniger des europäischen Genpools auf eingewanderte Ackerbauern aus dem Nahen Osten zurückzuführen sei. Die europäischen Jäger und Sammler hätten demnach den Ackerbau übernommen und seien nicht durch Einwanderer ersetzt worden.

Auch der Münchner Linguist Theo Vennemann unterstützt Oppenheimer. Vennemann ist bekannt für kühne Aussagen auf dünner Datenlage. So behauptet er unter anderem, die germanische Runenschrift und viele Wörter und grammatikalische Konstruktionen germanischer Sprachen seien im dritten vorchristlichen Jahrhundert von Händlern aus Karthago übernommen worden. Aber zum Thema: Vennemann will Indizien für die Sprache gefunden haben, die von den europäischen Jägern und Sammlern gesprochen wurde. Er geht davon aus, dass Nachrücker Fluss-, Berg- und Seenamen in der Regel von den Eingeborenen übernehmen. In der Tat sind in USA viele Namen von Seen und Flüssen indianischen Ursprungs, und die Alemannen übernahmen Orts- und Flussnamen von den Kelten. In der Umgebung Freiburgs zum Beispiel Dreisam von Trisamma ("Die Schnellfließende"), Zarten von Tarodunum ("eine mit einem Wall gesicherte Siedlung"). Oft verstünden die Nachrücker die Bedeutung des Namens nicht und hingen noch eine Erklärung an. So haben die Amerikaner nach 1945 den Chiemsee als Lake Chiemsee bezeichnet. Des weiteren geht Vennemann davon aus, dass diejenige Bezeichnung, die die Eigenschaft eines Ortes am direktesten zum Ausdruck bringe, als die älteste anzusehen sei. Die älteste Bezeichnung für einen Fluss ist Fluss oder Wasser, für einen Berg sei die älteste Bezeichnung Berg. Mit diesen beiden Annahmen erklärt Vennemann die Herkunft von über Europa verstreuten Flussnamen. So gebe es eine Isar, eine Yser, eine Isere, ein Isarco, und zahllose Eis- und Eisenbäche. Das seien Reste der protobaskischen Sprache, denn im Baskischen heißt "is" oder "iz" Wasser (Eisenbach wird im Alemannischen "Iisebach" ausgesprochen).

Ein anderes Beispiel. Der südenglischen Stadt Arundel, dem Val d'Aran in den spanischen Pyrenäen und dem Ahrntal in Südtirol liege die baskische Wurzel "aran" zugrunde, und die bedeutet "Tal". Die indogermanische Endung "del", was Tal bedeutet, wurde also von den Einwanderern dem protobaskischen Begriff angehängt: Ein steinzeitlicher Chiemsee-Effekt.

Vennemanns (woher kommt das Venne?) Erklärungen wirken elegant. Eleganz allerdings hat nur geringen Beweiswert; die Mehrheit der Sprachforscher konnte sich für Vennemanns Theorien nicht begeistern.

Demic diffusion im Ackerbau?

Auch gegen Oppenheimers Schlüsse gibt es Einwände. So wollen Mark Stoneking vom MPI für Evolutionäre Anthropologie und Forscher der Bharathiar University in Coimbatore/Indien nachgewiesen haben (Science 2004, 304:1125), dass sich die Landwirtschaft in Südindien durch die Wanderung von Bauern ausgebreitet hat (Modell der demic diffusion). Die dort (heute noch) lebenden Jäger und Sammler hätten zu diesem Prozess wenig oder nichts beigetragen, insbesondere die landwirtschaftlichen Techniken nicht übernommen. Auch diese Arbeiten beruhen auf der Analyse von Y-chromosomaler und mitochondrialer DNA. Oppenheimers und Richards Theorie über den europäischen Übergang zum Ackerbau muss das nicht widerlegen, denn Ackerbau im gemäßigten Klima Europas ist etwas anderes als Ackerbau im subtropischen Indien. Zudem ist unklar, welche Wirtschaft die Protobasken vor 7000 Jahren wirklich betrieben haben, und über welche kulturellen Fertigkeiten sie verfügten. Wer hätte den alten Sachsen noch vor einem Jahrzehnt die Himmelsscheibe von Nebra zugetraut?

Schließlich besteht auch die Möglichkeit, dass Stonekings Arbeit fehlerbehaftet ist. Hans-Jürgen Bandelt und andere Wissenschaftler wie der Innsbrucker Walter Parson und der Este Toomas Kivisild werfen Stoneking vor, dass viele seiner publizierten mtDNA-Sequenzen derart fehlerbehaftet seien, dass sie die daraus gezogenen Schlüsse nicht trügen. Stoneking allerdings widerspricht dem vehement.

Was soll man also glauben? Am besten nichts. Es sei nur daran erinnert, dass die Populationsgenetiker-Ikone Cavalli-Sforza noch vor nicht allzu langer Zeit das demic diffusion-Modell für die Ausbreitung des Ackerbaus in Europa vertrat, kürzlich aber eine radikale Kehrtwendung vollzog. Der Wert der menschlichen Populationsgenetik liegt zur Zeit in der niveauvollen Unterhaltung, die sie dem unbedarften Zuschauer bietet.

Siegfried Bär




Letzte Änderungen: 04.04.2007
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