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„Gesundes muss leicht
zugänglich sein“

(28.03.2022) Schon der Wasserspender in der Schule kann helfen, Übergewicht zu verhindern, sagt die Bochumer Ernährungs­forscherin Mathilde Kersting.
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Schon im Kindesalter sollte gesunde Ernährung im Mittelpunkt stehen. Dafür setzt sich Mathilde Kersting ein, tätig an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum. Sie leitet dort das Forschungs­department Kinder­ernährung (FKE). Kersting ist einer der meistzitierten Köpfe unseres Rankings zur Ernährungs­forschung. Sie wirkt an epidemiologischen Arbeiten mit, sucht aber auch nach Wegen, Konzepte direkt bei ihren jungen Probanden umzusetzen.

Eines Ihrer Paper aus dem Jahr 2009 hat mich besonders neugierig gemacht: Ihr Team hatte Trinkwasser­spender an Schulen aufgestellt. Was steckt dahinter? (Pediatrics, 123(4):e661-7).
Mathilde Kersting: Die Idee war die Adipositas-Prävention. Süße Getränke erhöhen das Risiko für Adipositas, das war damals schon ganz deutlich nachgewiesen. Zu der Zeit gab es eine Studie aus England, um den Wasserkonsum bei Kindern zu erhöhen (BMJ, 328(7450):1237). Dort aber hat man vor allem mit Verboten gearbeitet, um den Verzehr süßer Getränke zu vermeiden. Wir haben hingegen nur positive Botschaften vermittelt. Also dass es gut ist, Wasser zu trinken. Die süßen Getränke waren dabei eigentlich gar kein Thema. Wir konnten dann tatsächlich zeigen, dass mehr Wassertrinken funktioniert, ohne dass man die süßen Getränke verteufelt.

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Spielt dabei auch eine Rolle, dass der Wasserspender leichter erreichbar ist, wenn man gerade Durst hat – und der Weg zum Rucksack mit der Cola vielleicht umständlicher wäre?
Kersting: Ja, das Gesunde muss in erreichbarer Nähe sein. Der Wasserspender darf nicht im Keller stehen, sondern zentral. Trinkwasser muss die einfachste Alternative sein.

Nun gibt es aber normalerweise auch in jedem Klassenraum einen Wasserhahn. Und sofern die Rohre nicht veraltet sind, hat dieses Trinkwasser ja eine hohe Qualität. Warum braucht es dennoch einen Wasserspender? Ist es eher ein psychologischer Effekt, dass ein Wasserspender signalisiert: „Dieses Wasser ist zum Trinken gedacht“?
Kersting: Das mag sein. Einige Lehrer sagten uns tatsächlich: „Wir brauchen den Wasserspender nicht! Die Kinder können jederzeit an den Wasserhahn.“ Aber sie taten es nicht, die Becher standen immer auf der Fensterbank. Wir haben das auch bei einer unserer letzten Interven­tionen ohne Wasserspender gesehen, wo die Küche Trinkwasser in Karaffen bereitgestellt hat. Die Kinder sind dort aber nicht hingegangen. Es war zu umständlich. Wir haben dann das Interven­tionskonzept geändert und das Wasser direkt an die Kinder verteilt (Nutrients, 12(5): 1297). Das Wasser muss leicht zugänglich und selbstver­ständlich sein.

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Woran auch immer es liegt, mit dem Wasserspender gibt es offenbar weniger Übergewicht.
Kersting: Ja, der Anteil übergewichtiger Kinder blieb im einjährigen Interven­tionszeitraum stabil, während er laut damaliger Public-Health-Voraussagen angestiegen wäre. Die Maßnahme war nicht einschneidend genug, um bereits übergewichtige Kinder schlank zu machen, aber sie konnte Kinder davor schützen, übergewichtig zu werden. Anscheinend profitieren davon gerade Kinder, die an der Schwelle stehen zwischen Normalgewicht und Übergewicht.

Hatten Sie eine Vergleichsgruppe?
Kersting: Wir hatten natürlich Kontrollschulen. In Dortmund gab es die Interven­tionsschulen, und dort waren 1.500 Kinder einbezogen. Weil wir keine großen Effekte erwartet hatten, mussten wir eine große Stichprobe nehmen. Und in der Nachbarschaft, in Essen, waren die Kontrollschulen. Die hatten keine Wasserspender und auch keinen motivierenden Unterricht. Dort ist der Anteil übergewichtiger Kinder angestiegen, so wie es für die damalige Zeit zu erwarten war. In Dortmund gab es dagegen keinen Anstieg. Und dieser Unterschied war nachher signifikant.

Also eine recht simple Maßnahme, die aber trotzdem Wirkung zeigt. Gibt es Schulen, an denen diese Wasserspender sich etabliert haben?
Kersting: Wenige. Ich weiß zum Beispiel von Osnabrück, dass dort noch Initiativen laufen. Im süddeutschen Raum gibt es gemein­nützige Organisationen, die auch schon Wasserspender für Schulen gespendet haben. Auch in Berlin hat es mal solch ein Projekt gegeben. Aber das wurde leider nirgendwo großflächig umgesetzt.

Verfolgen Sie das Projekt noch weiter? Oder können Schulen sich von Ihnen Rat holen?
Kersting: Die Studie damals hieß „Trinkfit“, und dazu gab es auch didaktische Materialien, weil es ja darum ging, eine Motivation zum Wassertrinken zu schaffen. Und diese Materialien haben wir jetzt hier in Bochum dank einer Finanzierung durch das Bundesgesund­heitsministerium online zusammen­gestellt. Unter flissu-fke.de können Kitas und Schulen auf diese Materialien zugreifen und auch Anleitungen zu den Wasserspendern herunterladen. Die Idee haben wir also nie aufgegeben und wollen das Bewusstsein dafür wachhalten.

In Ihren Publikationen geht es oft um Kalorien­aufnahme und Energieumsatz, regelmäßig fällt Adipositas als Stichwort, und immer geht es dabei um Kinder und Jugendliche. Ist es wirklich so, dass die Jugend „immer dicker“ wird?
Kersting: Da war mal etwas dran. Während wir unsere Trinkstudie gemacht haben, konnte man in Deutschland einen jährlichen Anstieg sehen beim Anteil übergewichtiger Kinder. Inzwischen stellen wir fest, dass es hierzulande ein Plateau gibt. Der Anteil steigt zwar nicht weiter an, aber er liegt auf einem sehr hohen Niveau. Das beginnt mit dem Eintritt ins Schulalter. Vorher ist dieser Anteil noch gering, was gut ist. Der Schuleintritt ist also offenbar ein kritischer Zeitraum, bei dem sich anscheinend der Lebensstil ändert und das Risiko für Übergewicht erhöht.

Liegt das an der Ernährung oder am Bewegungsmangel?
Kersting: Beides spielt eine Rolle. Wenn Sie bei hoher Nahrungs­aufnahme nur eine geringe Energieabgabe haben, dann drehen Sie beide Schrauben in eine ungünstige Richtung. Wir sehen, dass Kinder viel kalorien­reiche Nahrung verzehren. Das ideale Lebensmittel ist eigentlich Gemüse, weil es sehr nährstoffreich und zugleich kalorienarm ist. Laut der Daten zum bundesweiten Kinder- und Jugendgesund­heitssurvey hat sich aber noch immer keine Verbesserung im Gemüseverzehr bei Kindern gezeigt – obwohl diverse Kampagnen zur Kinder­ernährung laufen. Auch hier sehe ich die Heraus­forderung darin, das Gemüse attraktiv zu machen für Kinder. Gemüse sollte als ganz selbst­verständlich angesehen werden und leicht verfügbar sein.

Dass es einen Zusammenhang zwischen Ernährungs­gewohnheiten, Bewegungs­mangel und Volks­krankheiten gibt, gilt als unstrittig. Und dass man hier schon in der Kindheit Weichen legt, leuchtet ebenfalls ein. Aber können Sie diese Kausalität wirklich allein aus epidemio­logischen Daten ableiten? Die Kritik lautet ja oft, dass man hier lediglich Korrelationen sieht.
Kersting: Das ist so. Sobald ich in die praktische Ernährung gehe, kann ich ja kaum Intervention machen. Da bleibt mir nur der Blick in die Daten, um dann Assoziationen zu entdecken. Anschließend kann man über Plausibilität nachdenken. Es ist ganz schwierig, Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krankheiten zu untersuchen, weil man die Ernährung kaum genau erfassen kann. Das wird noch komplizierter, wenn man soziodemo­grafische Daten berücksichtigt. Da war unsere Trinkstudie eine Ausnahme: Hier konnten wir an einer Schraube drehen und wirklich eine kontrollierte Interven­tionsstudie durchführen.

Gibt es noch ein besonderes Herzensthema aus der Ernährungs­forschung, an dem Sie derzeit arbeiten?
Kersting: Ja, und da fangen wir ganz früh in der Ernährung an: Das Stillen. Seitdem ich in die Ernährungs­wissenschaften eingestiegen bin, hat mich das Thema interessiert. Vor zwanzig Jahren, in meiner Zeit am ehemaligen Forschungs­institut für Kinder­ernährung in Dortmund, haben wir die erste bundesweite Studie gemacht, kurz: Suse. Untersucht haben wir das Stillverhalten bei Müttern. Das war 1997/98. Zwei Jahrzehnte später, zwischen 2017 und 2019, kam dann Suse II. Also mit neuen Müttern, aber derselben Methodik. Da komme ich wieder auf die Epidemiologie: In beiden Studien hatten wir natürlich ein selektiertes Kollektiv, weil eher die interessierten Mütter mitmachen. Aber wir haben ja in beiden Studien ungefähr denselben Bias. Zu diesen Projekten haben wir auch eine Website: stillstudien.de.

Es ging also nicht um die gesundheitlichen Effekte des Stillens, sondern speziell um das Stillverhalten der Mütter.
Kersting: Genau. Zu den Effekten können wir uns auf die Argumente aus der Literatur berufen, und die besagen, dass sich das Stillen lohnt. Was wir gesehen haben, ist, dass es zwanzig Jahre später auch eine höhere Stillquote gab und das Stillmanagement in den Krankenhäusern verbessert wurde. Es gab einen Anstieg der Still­frequenzen. Und was mich besonders fasziniert hat: Im zweiten Lebenshalbjahr wird heute deutlich mehr gestillt als noch vor zwanzig Jahren. Mütter, die einmal gut angefangen haben, stillen auch weiter und füttern später dazu. Das entspricht den aktuellen Empfehlungen. Anscheinend funktioniert das, weil Mutter und Kind zufrieden sind. Leider ist weiterhin der soziale Status der Mutter ein entscheidender Einfluss­faktor auf die Stilldauer. Da würden wir gern Wege finden, auch diese Mütter besser zum Stillen zu motivieren. Denn die Muttermilch ist ja genau auf den Menschen zugeschnitten. Und, da sind wir wieder beim Thema: Die Muttermilch ist leicht verfügbar!

Das Gespräch führte Mario Rembold

Bild: Pixabay/Pezibear


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Letzte Änderungen: 28.03.2022