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Der Marketingpapst aus Bochum

Deutschlands nervigster Mediziner hat schon wieder ein Buch geschrieben. Der Laborjournal-Reporter hat reingeblättert.

(13.03.2007) Kennen Sie Grönemeyer? Nein, nicht den nuschelnden Betroffenheitssänger aus Bochum, der seit Wochen mit einer allumfassenden Dauerwerbekampagne für seine neueste, unheimlich sozialkritische Kollektion weinerlicher Popsongs nervt.

Nein, es geht um den Bruder. Der heißt mit Vornamen Dietrich, ist Arzt und verdient genauso wie der Herbert viele Millionen. Allerdings nicht mit dem Verkauf von CDs, Klingeltönen und "silbernen Zippo-Feuerzeugen mit Grönemeyer-Gravur", sondern mit Biomagnetismus und ayurvedisch unterstützter Mikrotherapie. Dietrich Grönemeyer, Herberts Bruder. Muss man den kennen?

Muss man ihn kennen?

Kommt darauf an. Wenn Sie Konsument von TV-Gesundheitsmagazinen sind, die Namen haben wie "TV Vital – Fit for Life" oder "AOK-TV", dann begegnen Sie dem "Querdenker aus dem Ruhrpott" (wie die Zeitschrift Natur&Kosmos lobhudelt) alle paar Tage an der Mattscheibe. Grönemeyer verbreitet sich dort zum Beispiel darüber, wie man "den Menschen wieder zu seiner eigenen Mitte führen" und damit "Körper und Seele Kraft und Zuversicht geben" könne. Zwischendurch wird mehr oder weniger dezent auf Grönemeyers privates "Institut für Mikrotherapie" in Bochum hingewiesen, das laut Spiegel nur gutbetuchte Privatpatienten in seinen Mauern duldet.

Auch über alle möglichen Apotheken- und Boulevardblättchen lässt der von den Medien zum "Rückenpapst Deutschlands" ernannte Mediziner regelmäßig seine frohen Botschaften verkünden, die etwa lauten: "Christliche Werte wie Mitgefühl und Barmherzigkeit spielen für mich als Arzt eine große Rolle." Am Ende solcher Artikel, in denen der Gutmensch aus Bochum sich über das böse Gesundheitssystem und die zahllosen, gewissenlosen Kollegen beklagt, findet der Leser dann einen ganz besonderen Service: Telefonnummer und Adresse der Grönemeyer Medical GmbH & Co. KG, alternativ die seines Bochumer Privatinstituts für Mikrotherapie.

Begabter Selbstvermarkter

Dass kürzlich ganz andere Dinge ans Tageslicht kamen, wirft ein schräges Licht auf den begnadeten Selbstvermarkter aus dem Ruhrgebiet: Schon vor Jahren soll Grönemeyer eine Marketing-Agentur beauftragt haben, ihn durch regelmäßige TV- und Zeitschriftenauftritte systematisch ins Rampenlicht zu stellen und seinen Ruhm zu mehren. Das jedenfalls stand vor kurzem im Spiegel (Heft 43/2006: "Die dubiosen Methoden des Starmediziners") und in der WAZ (Ausgabe vom 21.12.2006: "Medicus und Medienstar"). Der entzauberte Superstar dementierte erbost, die Sache geht nun vor Gericht.

Hätte er's wirklich nötig? Fakt ist, dass seriöse Mediziner nie auf die Idee kämen, Dauerauftritte auf den "Gesundheitsseiten" einschlägiger Herzschmerz-im-Adelshaus-Gazetten anzustreben oder ungefragt ihre weltseherischen Weisheiten via TV dem Volk nahezubringen. Nach allem, was man hört, rangiert Grönemeyer bei seinen Fachkollegen eher unter "Durchschnitt". Dass der operierende Radiologe "einer der renommiertesten Ärzte Deutschlands" sei, wie sein Verlag (Bertelsmann) in Klappentexten jubelt, ist eine geschickt lancierte Legende, die lediglich TV-Talkmaster (und die vielen Käufer seiner Bücher) nachplappern – Belege dafür existieren bislang nicht.

Des Meisters Werke

Ach ja, seine Bücher. Eines davon ("Mensch bleiben", erschienen 2005) wollten wir mal im Laborjournal-Buchteil vorstellen. Wir haben es dann doch bleiben lassen – Grönemeyers "leidenschaftliches Plädoyer" für eine "liebevolle Medizin" klang in unseren Ohren wie die wachsweiche Selbstbeweihräucherung einer Person, die sich für wichtig hält, und wir wollten mit einer Rezension nicht auch noch Grönemeyers Verkaufszahlen ankurbeln. Zudem sind in "Mensch bleiben" hanebüchene Unsinnswendungen wie "inhaltliche Betreuung" oder "Selbstverlust des menschlichen Daseins" zu finden – die zahllosen weiteren Ungereimt- und Plattheiten von Grönemeyers Bestseller zu nennen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen.

Auch der neueste Aufguss aus dem Grönemeyerschen Schreiblabor, ein enorm pädagogisches Kinderbuch namens "Der kleine Medicus" mit lukrativem Drumherum-Angebot (Hardcover, Taschen- und Hörbuch, CD-ROM zum Buch, Spiel, etc.), ist oberflächlich und von nervigem Gutmenschgeschreibsel durchsetzt. Wie zu erwarten, wurde es von Grönemeyers gut geölter PR-Maschinerie trotzdem in die Bestsellerlisten gedrückt.

Und Grönemeyers Grundidee ist ja auch wirklich sooo originell: Eine Gruppe Menschen lässt sich samt einem U-Boot verkleinern und in einen Menschen injizieren, um so eine komplizierte Operation vornehmen zu können. Die Besatzung erlebt eine phantastische Reise durch das Innere des menschlichen Körpers. Bei der Fahrt durch die Blutbahnen kommt es zu einigen gefährlichen Situationen.

Alles nur geklaut

Klingt gut, oder? – Wie, die obigen Zeilen kommen Ihnen bekannt vor?? Na klar, diese sogenannte "Idee" ist ein uralter Filzhut, und die eben zitierte Passage nicht nur die Beschreibung dessen, was im "kleinen Medicus" passiert, sondern zuallererst die Handlung des amerikanischen Science-Fiction-Films "Die phantastische Reise" aus dem Jahr 1966. Alle paar Jahre wird diese Klamotte im Fernsehen wiederholt, und aus diesem Grund war Grönemeyers geniale Idee für seine "Wir-schrumpfen-uns-und-erkunden-den-Körper-von-innen"-Geschichte keine wirklich beeindruckende Leistung.

Auch später wurde die Idee, Menschen zu verkleinern und durch menschliche Körper zu schicken, mehrfach in Filmen umgesetzt, etwa in "Die Reise ins Ich" von 1987 oder in "Auf der Jagd nach dem Nierenstein" von 1997, und der Münchener Molekularbiologe Patrick Bäuerle verfasste zusammen mit dem Zeichner Norbert Landa bereits ein Jahrzehnt vor Grönemeyer mehrere Kinderbücher, in denen Halbwüchsige zusammen mit einem Professor im U-Boot durch menschliche Körper düsen ("Microexplorers Series"; siehe Laborjournal 11/2004, Seite 85).

Doch in neuerer Zeit hat nur einer mit dieser abgedroschenen (oder soll man besser sagen: geklauten) Idee wirklich viel Geld verdient: Gutmensch Grönemeyer.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 14.03.2007
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