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2021: Corona und was sonst noch war (Teil 2)

(04.01.2022) Ein weiteres Jahr mit Schließungen, geplatzten Frisörterminen, aber auch hervorragender Forschung ist vorbei. Wir blicken noch einmal zurück.
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Im Mai wechseln sich die Hochs und Tiefs ab. So konnten die Kliniken nach dem Abflauen der dritten Infektions­welle endlich wieder etwas durchatmen. Parallel bricht die Impfkampagne einen Rekord nach dem anderen. Mehr als eine Million Stiche, 1.353.453 um genau zu sein, konnten an einem Mittwoch im Mai gesetzt werden. Außerdem gibt die EMA grünes Licht für die Impfung von Kindern ab 12 mit dem Biontech-Vakzin. Auf der anderen Seite tauchen die ersten gefälschten Impfpässe auf, aber auch die, die sich impfen lassen wollen, aber noch nicht dran sind, werden immer dreister. „Es ist schon interessant, was sich die Leute alles einfallen lassen. Es kann passieren, dass falsche Altersangaben gemacht werden, plötzlich haben alle einen ganz besonders relevanten Beruf in der kritischen Infrastruktur oder pflegen einen Nachbarn“, erzählt beispielsweise der Impf­koordinator des Landkreises Neuwied. Am Horizont taucht weiteres Unheil auf. Fälle einer neuen Virus-Variante werden immer häufiger in Großbritannien nachgewiesen. Im Mai stuft das Land B.1.617.2 als „Variant of Concern“ ein. Zu Recht, Delta wird in den kommenden Monaten das Infektions­geschehen weltweit bestimmen.

Auch bei Laborjournal Online bestimmt Corona das Publikations­geschehen. Der Wissenschaftsnarr etwa beschäftigt sich elefantös mit den Modellierungen des Pandemie-Verlaufs. Sportmediziner Wilhelm Bloch erklärt, wie sich COVID-19 und Long COVID generell sowie speziell bei Sportlern manifestieren. Und auch über Impfstoffe haben wir geschrieben. Zum einen berichteten Würzburger Mikrobiologen von ihrem Schluck-Vakzin auf Bakterienbasis. Und wir schauten uns an, warum es bei der COVID-19-Impfstoff­produktion wieder eng wurde. Hint: Es lag weder an Patenten noch an Spezial­chemikalien. Außerdem fragten wir bei der Uni Tübingen nach, wie sie mit Tierversuchs­gegnern umgehen, die gerade Strafanzeige gegen einen Tübinger Neurobiologen gestellt hatten. Und schließlich stellten wir noch fest: „Impact-Faktoren machen glücklich!“

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Im Juni tritt die Pandemie etwas weiter in den Hintergrund. Andere Dinge bestimmen wieder den Tagesablauf und die Schlagzeilen. Andere Dinge wie Urlaubs­planung, Restaurant­besuche und Fußball. Die UEFA EURO 2020 wird ab dem 11. Juni nachgeholt. Zum Teil in vollen Stadien. Politiker äußern sich schockiert, die Delta-Variante freut sich jedoch und breitet sich immer weiter in Europa aus. Schon im Juni warnen Karl Lauterbach und Christian Drosten vor einer möglichen Anste­ckungswelle im Herbst. „Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen“, sagt Drosten etwa auf dem Online-Kongress für Infektions­krankheiten und Tropenmedizin. Die WHO schlägt unterdessen eine Neubenennung der Virus-Varianten nach dem griechischen Alphabet vor. Zur Auswahl hätten auch griechische Götter oder „pseudo-klassische Wortschöpfungen“ gestanden. Die britische Variante B.1.1.7 wird zu Alpha, die erstmals in Südafrika entdeckte Mutante B.1.351 wird in Beta umbenannt, die brasilianische Variante P.1 in Gamma. Die neueste Variante B.1.617.2 heißt nun offiziell Delta. Weltweit sind 3 Milliarden Impfungen verabreicht worden, in Deutschland 39 Millionen Menschen erstgeimpft. Ein Impfstoff-Hersteller muss allerdings einen herben Rückschlag hinnehmen. Curevacs Vakzin-Kandidat hat nach klinischer Prüfung nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent.

In seinem Artikel „Auf Eis gelegt“ fragt Mario Rembold auf Laborjournal Online, ob durch den Fokus auf SARS-CoV-2 andere wissen­schaftliche Projekte und Themen benachteiligt werden. Unsere TA backt hingegen lieber Kuchen. Um Küchenthemen geht’s auch in zwei weiteren Beiträgen. Hans-Ulrich Humpf von der Uni Münster erklärt uns in „Gifte auf dem Esstisch“, dass selbst in Bier und Kaffee Schimmel­pilze ihre Spuren hinterlassen. Außerdem beschreiben wir, wie eine Schweizer Gruppe von der École Polytechnique Fédérale de Lausanne Sous-Vide-Stäbe für das sanfte Garen von Fleisch zu günstigen Heizquellen für Labor-Wasserbäder umfunktioniert hat. Henrik Müller schließlich begutachtet die künstlich-intelligente Begutachtung von Manuskripten mit maschineller Sprach­verarbeitung und neuronalen Netzwerken.

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Große Freude für alle Leinwand-Enthusiasten. Ab 1. Juli dürfen Kinos wieder öffnen. Und auch die Freunde des Wettkampf-Sports können am Fernsehgerät oder im Internet die nachgeholten Olympischen Spiele in Tokio verfolgen. Zuschauer waren in den Stadien diesmal nämlich nicht zugelassen. Auch in Deutschland hat sich inzwischen die Delta-Variante vollends durchgesetzt. Die Inzidenz-Zahlen bleiben dennoch zunächst niedrig. Das führt zu einem weiteren Pandemie-Phänomen, statt der Impfdrängler gibt es inzwischen immer mehr Impfschwänzer, die ihre zweite Dosis im Impfzentrum liegen­lassen. Derweil kommen aus Israel Meldungen von nachlassendem Impfschutz, eine dritte Impfung, die sogenannte Booster-Impfung, kommt ins Gespräch. Gesprochen wird auch über die zahlreichen, schnell veröffentlichten Studien, oft als Preprint, zu COVID-19. Sind die Paper eher Schnellschüsse, wird gefragt, oder kann man sich auf sie verlassen? „Als Faustregel gilt, dass von 10.000 Studien etwa vier zurückgezogen werden. Wir haben bisher 146 zurück­gezogene Covid-19-Studien aufgelistet, was hochgerechnet auf einem ähnlichen Niveau liegt“, beruhigt Retraction-Watch-Blogger Ivan Oransky. Statt Sommerwetter mit Sonne und kurzen Hosen versanken Teile Deutschlands im Juli in Hochwasser. Tagelange Regenfälle und Unwetter hatten Bäche zu reißenden Strömen anwachsen lassen.

Bei Laborjournal Online überwog im Juli dennoch das Sommer­feeling. Traditionell mit unseren Forscher-Essays. Unter dem Motto „Nachdenken in der Krise“ ließen dieses Mal unter anderem Anja Bosserhoff und Annette Barkhaus vom Wissenschaftsrat, Wissenschafts­publizist Florian Aigner, VBIO-Präsident Karl-Josef Dietz und Wissenschafts­historiker Ernst Peter Fischer ihren Gedanken freien Lauf. Sommerlich ging es auch bei unserem Artikel über wertvolle oder schmerzlindernde Substanzen aus der Sonnenblume zu. Eine entspannte, sommerliche Atmosphäre führt auch oft zu guten Ideen, die wir in zwei weiteren Artikeln thematisierten: Henrik Müller schrieb über einen „Blockchain-Markt für gute Ideen“ und unser Chefredakteur über „Das Dilemma mit dem Testen neuer Ideen“. Das Nachdenken über gute (oder schlechte) Ideen macht oft hungrig. Gut, dass Bremer Forscher daher in den Weltmeeren nach nährstoff­reichen Fisch-Alternativen suchen. Appetit auf Quallen und Seegurken?

Israel legt im August los mit Drittimpfungen und bekommt so die sich bereits aufbäumende Infektions­welle wieder in den Griff. In Deutschland ist man noch immer dabei, die Erst- und Zweitimpfungen zu setzen. Hat aber bereits erkannt, dass man dabei noch eine Schippe drauflegen muss. „Es reicht noch nicht, um sicher durch Herbst und Winter zu kommen“, ist sich Gesundheitsminister Spahn bewusst. Die Impfquote soll weiter gesteigert werden. Wie bleibt unklar. Parallel müssen in vielen Impfzentren und Arztpraxen ungenutzte Impfstoff-Dosen vernichtet werden, weil das Interesse der Bevölkerung spürbar nachgelassen hat. „Unfassbar, unvorstellbar und unverantwortlich“, empört sich ein Hausarzt zu Recht bei der ARD. Bereits zu diesem Zeitpunkt zieht das Gesundheits­ministerium 2G (Zutritt nur für Geimpfte und Genesene) bei Veranstaltungen und in Restaurants in Betracht. Gleichzeitig streicht man jedoch die Sieben-Tage-Inzidenz von 50 als Schwelle für Maßnahmen aus dem Infektions­schutzgesetz. Und überhaupt will man lieber auf andere Parameter als den Inzidenzwert schauen, z. B. auf die Kranken­hauseinweisungen. „Wir laufen auf eine Durchseuchung bei unter Zwölfjährigen hinaus, weil in vielen Ländern die Politik die Inzidenz aufgeben wird beziehungsweise schon aufgegeben hat, ohne adäquat Alternativen für die unter Zwölfjährigen zur Verfügung zu stellen“, orakelt der Virologe Martin Stürmer. Passen­derweise gehen in den ersten Bundesländern im August die Sommerferien zu Ende.

Bei Laborjournal Online ließen wir es im August eher ruhig angehen. Wie verträgt sich die oft geforderte „Slow Science“ mit kurzen Vertrags­laufzeiten, sinnierten wir etwa. Um Wissenschaft und besonders deren Förderung ging es im Gespräch mit Maria Leptin, die ihren neuen Job als ERC-Präsidentin „irre spannend“ findet. Und natürlich ließ uns auch Corona nicht los. Wir wollten wissen, ob Spürhunde das SARS-CoV-2-Virus erschnüffeln und damit Veran­staltungen sicherer machen können. Und vielleicht ließen sich einige Impfschwänzer mit Nadelphobie von einer sanfteren Impfmethode überzeugen? Daran arbeitet zumindest das Wiener Start-up Cutanos, die uns mehr über ihr Langerhans Cell Targeted Delivery System verrieten.

Kathleen Gransalke

Alle Zitate stammen aus dem Meldungen-Archiv der Tagesschau.

Bild: AdobeStock/orawan & Laborjournal



Letzte Änderungen: 03.01.2022