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Aufgeschlossen - Open Access für Europäische Forschung

Ergebnisse aus öffentlich finanzierter Forschung sind dem Steuerzahler meist nicht gebührenfrei zugänglich. Eine Petition, im Internet veröffentlicht und von der DFG mitfinanziert, ruft die Europäische Kommission jetzt auf, diesen Missstand zu beheben.

(08.02.2007) Jeder, der auf eine eigene Publikationsliste zurückblicken kann, kennt folgendes Szenario: Sagen wir, Sie hätten bis 2005 insgesamt fünfzehn Artikel veröffentlicht. Bis heute ist höchstwahrscheinlich mehr als die Hälfte davon noch nicht gebührenfrei erhältlich. Wer diese Arbeiten dennoch lesen möchte, muss zahlen. 32$ berappt ein privater Nutzer für ein Paper über Springerlink, 30$ darf man Elsevier für einen Artikel überweisen. Ansonsten bleibt nur der Weg zur Bibliothek, die mit etwas Glück die gewünschte Zeitschrift im Abo hat – bezahlt von öffentlichen Geldern. Selbst Sie als Autor können da nichts machen. In der Regel haben Sie mit der Veröffentlichung die Rechte an Ihren eigenen Artikeln an den Verlag abgegeben. Konsequenz: Sie dürfen Ihre Arbeit, etwa auf Ihrer Homepage, nicht öffentlich zugänglich machen.

Für den Steuerzahler bedeutet diese bestechende Publikationslogik vor allem eines: Um die Ergebnisse der Forschung lesen zu dürfen, die er durch sein Geld erst ermöglicht, bittet man ihn noch mal zur Kasse. Dieses Geld geht nicht etwa an den Autor, sondern an die Verlage. Das klingt nicht nur ungerecht, sondern schadet auch der Wissenschaft. Denn Wissenschaft lebt vom Informationsaustausch; je unkomplizierter der Zugang zur Fachliteratur, desto effizienter arbeitet sie. Oder, so brachte es Nobelpreisträger Richard Roberts auf den Punkt: "How can we do cutting edge research if we don't know where the cutting edge is?" Wie soll da erst ein Außenstehender, sei er aus Medien oder Politik, Einblick in die Forschertätigkeit bekommen? Das Lamento von der "Black Box" Wissenschaft geht zumindest teilweise auf den restriktiven Zugang zur Literatur zurück.

Dass im wissenschaftlichen Publikationswesen Änderungsbedarf besteht, hat mittlerweile sogar die Europäische Union gemerkt, jedenfalls schien es noch vor einem Jahr so. Im Januar 2006 kam die von der Europäischen Kommission (EC) in Auftrag gegebene "Study on the Economic and Technical Evolution of the Scientific Publication Markets of Europe" heraus (zur Studie geht's hier lang). Die Studie empfiehlt der Kommission dringend, den kostenlosen Zugang zu Ergebnissen aus öffentlich geförderter Forschung zu ermöglichen, und das möglichst bald nach der Publikation. Viel ist seither nicht geschehen, die Studie liegt in der Schublade und man hat ja schließlich noch andere Sorgen in Brüssel.

Die Sorgen um Open Access machen sich dafür andere. Am 17. Januar startete eine Internetpetition, deren Unterzeichner die EC zur Umsetzung der Studien-Empfehlungen aufrufen (zur Petition geht's hier lang). Finanziert wird die Initiative von DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), SPARC Europe (Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition), dem britischen JISC (Joint Information Systems Committee), der niederländischen SURF-Foundation sowie der dänischen Elektronic Research Library (DeFF). Die Unterzeichner lesen sich wie ein Who's Who der Wissenschaft. Über fünfhundert Organisationen sind vertreten, darunter auch Schwergewichte wie CERN, Wellcome Trust oder Medical Research Council, UK. Auch die deutsche Prominenz ist mit der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Robert Koch-Institut und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) dabei, um nur einige zu nennen. Daneben finden sich Nobelpreisträger wie Richard Roberts oder Harold Varmus auf der Liste.

Von 15. bis 16. Februar veranstaltet die EC die Konferenz "Scientific Publishing in the European Research Area – Access, Dissemination, and Preservation in the Digital Age" in Brüssel. Mit der Petition wollen die Initiatoren besonders im Hinblick auf dieses Ereignis die breite öffentliche Unterstützung für Open Access vermitteln. Die Liste zählt mittlerweile 18.666 Unterschriften.

Die Reaktionen der Verlage auf diesen frischen Wind im Publikationswesen fallen unterschiedlich aus. Gerüchten zu Folge, die kürzlich in Nature veröffentlicht wurden (Vol 445, S. 347), tendieren zumindest die Verlage Elsevier, Wiley und die American Chemical Society zur Gegenoffensive – es scheint zu dem Thema Beratungen mit PR-Profi Eric Dezenhall gegeben zu haben. Dezenhall, von bösen Zungen auch "PR-Pitbull" genannt, ist als Medienadvokat für Promis und Businessgrößen bekannt, und für seine aggressiven Kampagnen berüchtigt. Es gibt aber auch ganz andere Strategien. So hat sich die ASCB (American Society for Cell Biology) in einer Erklärung vom 7. Februar für die Verbreitung von Open Access ausgesprochen. Artikel aus der ASCB-Zeitschrift Molecular Biology of the Cell sind seit 2001 nach einer Zweimonatsfrist frei zugänglich. ASCB verzeichnete seither übrigens keine finanzielle Einbußen.

Weblink zur Petition: www.ec-petition.eu/

Weblink zur Studie: http://ec.europa.eu/research/science-society/pdf/scientific-publication-study_en.pdf

Miriam Ruhenstroth

Bild: iStockphoto/Miguel Angel Salinas Salinas




Letzte Änderungen: 08.02.2007
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