Info

Plötzlich Plagiatorin

(26.11.2021) Aus unserer Reihe 'Anekdoten aus dem Forscherleben': Wie eine Forscherin in den sozialen Medien fälschlicherweise für eine Abschreiberin gehalten wurde.
editorial_bild

Gerade in unseren Zeiten der Sozialen Medien kann man schon mal durch eine skurrile Vermischung von blödem Fehler und schlimmem Missverständnis unverschuldet wegen eines vermeintlichen Plagiats am Pranger stehen. Im realen Beispiel einer Forscherin ging das Ganze ungefähr so:

Journal X akzeptierte das Manuskript von Autorin A zur Veröffentlichung. Als die angepeilte Ausgabe erschien, musste A jedoch erstaunt feststellen, dass ihr Name in der Autorenliste eines völlig anderen Artikels stand. Umgehend kontaktierte sie den Journal-Editor und klärte ihn auf, dass sie nicht die Autorin dieses Artikels sei – und dass sie auch kein irgendwie ähnliches Manuskript eingereicht habe. Der Editor musste einräumen, dass dem Journal hier ein dummer Fehler passiert sei und sie das natürlich in der nächsten Ausgabe korrigieren würden.

Info
Der gute Ruf steht auf dem Spiel

So weit, so schlecht. Denn es kam noch deutlich krasser. Als A den „Autorendreher“ bemerkte, war die Ausgabe schon eine kleine Weile draußen. Und wie das heute so ist, wurde der Artikel mit ihr als falscher Autorin bereits in den gängigen sozialen Medien zitiert und diskutiert. Dies bekam auch der „wahre“ Autor B des Artikels mit – und dachte natürlich, dass A ihm auf irgendeine Weise mit einem Plagiat zuvorgekommen sei.

Auch B kontaktierte daraufhin das Journal. Parallel aber klagte er A in den entsprechenden sozialen Medien schon mal sehr aggressiv des Plagiierens an. Was wiederum A natürlich nicht nur verwirrte, sondern verständlicherweise ziemlich aufbrachte. Schließlich stand plötzlich völlig unverschuldet und ungerechtfertigt ihr guter Ruf auf dem Spiel.

Also rief A wieder beim Journal-Editor an und verlangte aufgrund dieser Entwicklung schnelleres Handeln, als bis zur nächsten Ausgabe zu warten. Dies geschah dann auch: Der Editor informierte B umgehend über den Fehler und dessen daraus resultierenden Irrtum, B wusch A in den sozialen Medien von allen Verdächtigungen frei und entschuldigte sich dafür – und der Editor wiederum veröffentlichte gleich am nächsten Tag eine Erklärung samt Entschuldigung bei beiden, A und B, auf der Journal-Website. Letztere erschien dann auch noch als Erratum in der nächsten Printausgabe.

Info
Vielleicht mal telefonieren?

Eine blöde Geschichte, die sich aus einem seltenen dummen Fehler hochgeschaukelt hat. Allerdings kann man sich schon fragen, ob die Leute im Zeitalter sozialer Medien vielleicht immer mehr verlernen, dass man ja auch mal per Direktkontakt nachfragen kann. Denn hätte B umgehend direkt bei A angerufen, um die Sache zu klären, wäre die Angelegenheit wohl kaum derart hochgekocht.

Ralf Neumann

(Illustr.: ismagilov)

 

Weitere "Anekdoten aus dem Forscherleben":

 

Die Zwei-Jahres-Falle

Wie eine erfolgreiche Jungforscherin keine Förderung bekam, weil ihre Promotion nicht lange genug her war ...

 

Doktor Diarrhö

Mit sogenannter Salami-Taktik so viele Paper wie möglich anzuhäufen, ist eigentlich gar nicht lustig ...

 

Gemeinsam entzweit

Manchmal können Forschungs-Kooperationen ziemlich ungut enden – so wie in diesem Fall ...

 



Letzte Änderungen: 25.11.2021