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Hypothesen sind überschätzt

(29.10.2021) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Wie ein Forschungsantrag mit dem Totschlag-Argument abgelehnt wurde, dass keine Hypothese hinter dem Projekt stünde.
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Klar, werden Forscher sauer, wenn ihre Forschungsanträge abgelehnt werden. Manchmal werden sie sogar richtig wütend – und das gar nicht mal zu Unrecht. Wie beispielsweise in dem folgenden Fall, über den der betroffene Forscher bei seinem Kollegen folgendermaßen Dampf abließ:

„Habe ich dir schon erzählt, dass mein letzter Förderantrag abgelehnt wurde?“

„Ehrlich? Nein! Warum das denn?“

„Die Gutachter schrieben, dass dem Projekt eine zugrundeliegende Hypothese fehle und es deshalb ja ‚nur’ rein deskriptiv sei. Das übliche Killerargument von mittelmäßigen Gutachtern, die selbst noch nie versucht haben, etwas wirklich Neues und Aufregendes zu finden. Irgendwie wirkt das auf mich, als stünden die alle unter einer Straßenlaterne herum, ignorieren die umgebende Dunkelheit und verstecken sich hinter ihrem schäbigen Schirm der 'hypothesengeleiteten Wissenschaft'. Wie ich das hasse!“

„Okay, ich verstehe ... Aber worum ging es bei dem Projekt überhaupt?"

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„Vogelgrippe. Weißt du, manche Vögel bekommen die Infektion, andere nie – wie zum Beispiel die meisten Raubvögel. Ich wollte einfach ein paar genetische Screens machen und durch den Vergleich von empfindlichen und resistenten Vogelarten nach Kandidaten-Genen suchen, die zur Gripperesistenz beitragen könnten. 

Okay, okay – ich weiß und gestehe: Es ist im Grunde das, was viele abwertend eine ‚Fishing Expedition’ nennen. Natürlich ist es das! Das muss es sogar sein, denn ich habe schließlich keine Ahnung, welche Gene und Mechanismen an der immunologischen Grippe-Resistenz beteiligt sein könnten.

Andererseits: Wie könnte ich sonst einen Griff darauf bekommen? Hat denn niemand diesen selbstgefälligen und kleingeistigen Gutachtern jemals gesagt, dass die Beobachtung die Mutter der Hypothese ist? Wie soll man denn ohne ‚Fishing Expeditions’ an irgendetwas kommen, über das man Hypothesen aufstellen kann? Zumal wir doch erst durch die Anwendung von Technologien viele bislang unbekannte Phänomene und Mechanismen überhaupt erst beobachtbar machen und damit für weitere Untersuchungen zu isolieren können. ‚Fishing Expeditions’ stellen damit vielmehr sogar die erste Stufe dessen dar, was ein hypothesengetriebener Prozess sein sollte. Aber versuch mal, das diesen sturen Gutachtern oder Zeitschriften-Herausgebern zu sagen...“

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„Zeitschriften-Herausgeber?“

„Ja. Eigentlich sind die sogar schuld an dem ganzen Mist. Die meisten High-Impact-Journals schreiben in ihren ‚Instructions to Authors’ explizit, dass sie ‚rein deskriptive Arbeiten’ nicht berücksichtigen. Mannomann, wenn alle Autoren wirklich ehrlich wären, würde sich unter dieser Prämisse fast kein Artikel für eine Veröffentlichung in deren Journals qualifizieren.“

„Häh? Das verstehe ich nicht.“

„Komm schon! Wie sind wir denn bislang zu unseren Ergebnissen gekommen? Sind wir wirklich nach der sogenannten wissenschaftlichen Methode vorgegangen? Also vorab eine Hypothese aufstellen, dann die entsprechenden Experimente austüfteln und durchführen – und schließlich durch Deduktion die Schlussfolgerungen ziehen? Klingt gut, gebe ich zu. Ist allerdings zu schön, um wahr zu sein. Die Realität sieht anders aus."

"Äh, ... wie denn?" 

"Also mal ehrlich: Die meisten meiner Arbeiten sind vielmehr dadurch entstanden, dass ich zuerst einen Effekt beobachtet habe – und dann rückwärts gearbeitet habe, um herauszufinden, was da los ist. Also nicht, indem ich einen Effekt fand und dann erstmal eine Hypothese mit abgeleiteten Vorhersagen und Tests erstellte, um herauszufinden, was da vor sich geht. Es lief stattdessen fast immer nach diesem Post-hoc-Ansatz – und ich bin sicher, dass das der allgemein übliche Weg ist.

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In den Papern wird die Geschichte dann aber umgemodelt – und nach dem heiligen ‚hypothetisch-deduktiven’ Muster dargestellt. Denn wenn man die Geschichte erstmal hat, ist es leicht, sie herumzudrehen und mit einer Hypothese zu beginnen, die einem in Wirklichkeit erst gegen Ende der Experiment-getriebenen Arbeit dämmerte. 

Und deshalb gilt weiterhin die unausgesprochene Übereinkunft, dass Zeitschriften und Förderorganisationen Hypothesen als Ausgangspunkt von Arbeiten und Projekten verlangen. Weil die meisten Forscher ihr Zeug eben auch so liefern, indem Sie die Dinge einfach auf den Kopf stellen. Liest sich am Ende ja auch viel leichter. Oder sind dir schon mal Veröffentlichungen nach dem Schema begegnet: ‚Mit einem breit angelegten Test stießen wir auf folgendes Phänomen ... Nachdem wir uns mit einer Reihe von Experimenten weiter vorgetastet hatten, bekamen wir langsam eine Ahnung, was es damit auf sich haben könnte ... und meinen jetzt, endlich die folgende Hypothese aufstellen zu können, um den potenziellen Mechanismus samt seiner Bedeutung zu erklären’?“

„Ich glaube nicht.“

„Siehst du. Und weil in den Papern fast nur herumgedrehte Geschichten geliefert werden, verlangt man das auch in Förderanträgen. Und wird der Realität des Forschungsprozesses damit immer weniger gerecht.“

Ralf Neumann

(Illustr.: Technology Networks)

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Letzte Änderungen: 27.10.2021

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