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Schädliche Euphorie

(22.10.2021) Aus unserer Reihe „Anekdoten aus dem Forscherleben“: Wie überenthusiastische Chefs ihren Mitarbeitern manchmal Probleme machen.
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Postdoc Schlenderjahn will gerade in die Kaffeeküche einbiegen, als ihm Kollege Knapp aus dem Hochflieg-Labor den Flur entlang entgegengehetzt kommt. Ein paar Meter an ihm vorbei bleibt Knapp stehen und wirft einen Blick in Richtung Aufzug und Treppenhaus. Sofort wirbelt er wieder herum, stürzt in den „Counter-Raum“ gegenüber und reißt dort schnell den Ausdruck an einem Szintillationszähler ab. Dann atmet er einmal tief durch, kommt lächelnd auf Schlenderjahn zu und sagt:

„Komm, lass uns zusammen einen Kaffee trinken.“ 

Schlenderjahn: Äh,… ja gut. Aber was war das denn gerade?

Knapp: Der Chef kommt jeden Moment aus der Mittagspause. Musste schnell noch die Ausdrucke aus dem Counter holen, bevor er sie sieht.

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Eigentlich ein liebenswerter Kerl

Schlenderjahn: Wieso das?

Knapp: Was meinst du, wie oft der schon mit den Zahlen in der Hand zu mir geschossen kam, um aufgeregt und bedeutungsvoll auszustoßen: Hey, man sieht was! Da ist ein Effekt!

Schlenderjahn: Na und? Ist doch besser, als wenn man nichts sieht. Oder?

Knapp: Nicht unbedingt. Am schlimmsten ist doch, wenn du meinst, du hättest tatsächlich was gefunden – bekommst dann aber „den Effekt“ bei den nächsten Wiederholungen nicht mehr zu sehen.

Schlenderjahn: Und so war es oft?

Knapp: Oft? Eigentlich immer! Weißt du, wie soll ich sagen? … Wir haben bei uns mit Hochflieg das gar nicht mal so seltene Problem des überenthusiastischen Chefs. Versteh’ mich nicht falsch, er ist ein absolut liebenswerter Kerl, der einen damit ja auch ungeheuer motivieren kann. Aber wenn er nur den Hauch eines Ergebnisses sieht, geht’s mit ihm durch. Dabei ist er schon so lange weg von der aktiven Forschung, dass er irgendwie gar nicht mehr auf dem Radar hat, wie sehr man solche „Pionierdaten“ absichern muss. Und wie schnell sich dann viele solche „Effekte“ wieder in Luft auflösen.

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Wo bleibt die Distanz?

Schlenderjahn: Und deswegen schaust du, dass du die Ergebnisse immer vor ihm zu sehen kriegst?

Knapp: Genau. Und ich berichte ihm auch nur noch von vermeintlichen „Effekten“, wenn ich sie mindestens dreimal stabil gesehen habe.

Schlenderjahn: So sollte das ja auch sein.

Knapp: Ja klar. Aber wie gesagt, sein Enthusiasmus verleitet einen selbst leicht dazu, Dinge allzu früh zu glauben. Man braucht da als Mitarbeiter ein gehöriges Maß an Distanz. Sonst ist der Fall danach für alle umso tiefer.

Schlenderjahn: Gab es solche „Fälle“?

Knapp: Ja, leider. Du kannst dir sicher vorstellen, dass sich vor allem unerfahrene Mitarbeiter leicht auf diese Weise mitreißen lassen. Die fühlen sich natürlich unglaublich gebauchpinselt, wenn der Chef sie in höchsten Tönen für einen „Effekt“ lobt. Ein Diplomand hatte dann einmal in solch einer Euphorie völlig unter den Tisch fallen lassen, dass ihm dasselbe Experiment zuvor schon zweimal keinen „Effekt“ geliefert hatte. Das kann man ihm aber gar nicht mal vorwerfen. Vielmehr ist es Aufgabe des Chefs, die Ergebnisse richtig einzuordnen – und dem jungen Mitarbeiter einen realistischen und nüchternen Blick auf vorläufige Resultate zu vermitteln. Am Ende schrieben die zwei ein völlig unausgereiftes Paper, das dummerweise auch noch akzeptiert wurde. Sie haben es danach von den Kollegen hinten und vorne um die Ohren gehauen bekommen.

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Auf die richtige Balance kommt's an

Schlenderjahn: Und daraus hat Hochflieg nichts gelernt?

Knapp: Nicht wirklich. Er kann nicht anders, er ist einfach so ein euphorischer Charakter. Wie gesagt, ist das ja auch ungeheuer sympathisch und eigentlich will man das in der Forschung ja auch genau so haben. Allerdings braucht es zu dem Enthusiasmus eine ebenso große Menge Skepsis. Wenn die fehlt, stimmt die Balance nicht mehr. Ich will gar nicht wissen, wie viele schlampige, nicht ganz korrekte oder gar falsche Paper durch diese Form von distanzloser Über-Euphorie zustande gekommen sind.

Ralf Neumann

("Forscher Ernst" wird gezeichnet von Rafael Flores. Hier gibt's alle seine Cartoons.)

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden. Die Namen entsprechen keinen realen Vorbildern.)

 

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Letzte Änderungen: 18.10.2021

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