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Nummer fünf, und kein Ende (Alzheimer, Teil 3)

Je mehr genetische Ursachen man kennt, desto chaotischer wird das Gesamtbild: Bisher waren es vier "Alzheimer-Gene". Am 14. Januar publizierte ein Forscherteam auf der Nature Genetics-Website Neues über ein Gen namens SORL1: Malefizbub Nummer fünf scheint gefunden.

(16.01.2007) Die "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" (Nervenarzt Alois Alzheimer am 3. November 1906 in Tübingen) hält längst weltweit hunderte von Forscherteams auf Trab. Eines dieser Teams, 41 Personen stark (davon drei Deutsche), beschäftigt sich mit dem Recycling des Amyloid Precursor Proteins (APP). Vorgestern veröffentlichten die Wissenschaftler einen Aufsehen erregenden Fachartikel: "The neuronal sortilin-related receptor SORL1 is genetically associated with Alzheimer disease" (doi:10.1038/ng1943). Falls das stimmt, wäre SORL1 das bereits fünfte Gen(-produkt), das an der fortschreitenden Gedächtnisschwäche mitschuldig ist. Die anderen vier bisher bekannten sind APP (Punktmutation auf Chromosom 21), Presenilin 1 und 2 (auf den Chromosomen 1 beziehungsweise 14 liegend) sowie Apolipoprotein E (ApoE).

Nun also fünf "Alzheimer-Gene"? So einfach ist es nicht. In den letzten Jahren fanden Forscher eine ganze Reihe weiterer Zusammenhänge zwischen Gendefekten oder -besonderheiten und der Nervenkrankheit. Drei weniger bekannte davon wollen wir im Folgenden kurz exemplarisch erwähnen, ehe wir schließlich zum "fünften" (oder achten oder elften...) "Alzheimer-Gen" namens SORL1 kommen.

Kraftwerks-Störungen im genetischen Kontrollraum

Kaputte Mitochondrien-DNA: Bei jedem zweiten von über 70 Jahre alten Alzheimer-Patienten ließen sich in der Mitochondrien-DNA gravierende Veränderungen nachweisen, fanden Wissenschaftler der New Yorker Cornell University bereits 2004 heraus. Besonders ein Abschnitt, der die Aktivität mehrerer mitochondrialer Gene steuert, sei bei diesen Personen mutiert. Bei Gesunden weise er hingegen so gut wie keine Veränderungen auf. Die untersuchten, hochbetagten Alzheimer-Kranken hätten zudem signifikant weniger Mitochondrien als Gesunde, berichteten die Forscher damals. Das läge an den Gendefekten: vor allem Gene, die toxische Stoffwechselprodukte entschärfen sowie die Vermehrung der Mitochondrien steuern, seien betroffen. Die ungenügende Entgiftung von Stoffwechselprodukten und die verlangsamte Mitochondrien-Erneuerung begünstige das Absterben von Neuronen im Gehirn, so die New Yorker Forscher.

Gene, Gene, Gene

Noch mehr Alzheimer-Gene: Neben den prominenten vier "Alzheimer-Genen" APP, Presenilin 1 und 2 sowie ApoE scheinen weitere Gene (oder deren Produkte) die Wahrscheinlichkeit, an der Gedächtnisschwäche zu erkranken, zu erhöhen. So etwa das 41 kDa-Protein AD7c-NTP, das ausschließlich in Hirngewebe sowie der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit von Alzheimerkranken gefunden wird und sich dort anhäuft. Es wird bei 84 Prozent der Alzheimerkranken gefunden. Ebenso scheint das für die Bleomycin-Hydrolase (BH-PEN) kodierende Gen an der Entstehung von Alzheimer beteiligt zu sein.

...und jetzt auch noch SORL1

"Nummer fünf": Fünf Jahre hat es gedauert, bis das erwähnte 41-köpfige Team mit Wissenschaftlern aus Kanada, den USA, Italien, Israel, Japan, Hong-Kong sowie vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Berliner Max-Delbrück-Centrum im Falle von "SORL1" erneut fündig wurden. Unter der Regie von Seniorautor Peter St George-Hyslop von der University of Toronto (übrigens ein begeisterter Oldtimer-Restaurateur!) stellte sich heraus, dass veränderte Formen des SORL1-Gens eine wichtige Rolle bei spät einsetzendem Alzheimer spielen. Diese Erkrankungsform ist mit neunzig Prozent der weltweit 24 Millionen Alzheimer-Fälle die mit Abstand bedeutendste.

St George-Hyslop und seine Kollegen schauten sich das Erbgut von 6000 Menschen europäischer, lateinamerikanischer, afrikanischer und arabischer Herkunft an und entdeckten bei den Alzheimer-Fällen darunter zwei ungewöhnliche Varianten von SORL1. Doch wozu dient SORL1?

Das SORL1-Gen kodiert für ein Protein, das entscheidet, was mit dem Amyloid Precursor Protein (APP) passiert. Wenn SORL1 korrekt arbeitet, wird APP in ganz bestimmte Regionen der Hirnzellen befördert. Tut SORL1 das nicht, liegt also ein Fehlfunktion vor, dann sammelt sich APP in anderen Zellbereichen der Zelle, wo es zu Beta-Amyloid abgebaut wird – den typischen Proteinablagerungen in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten.

Ob mit den Erkenntnissen der 41 Forscher wirklich die Chancen gestiegen sind, das "Alzheimer-Puzzle nun zu lösen" und "ein wirksames Medikament gegen die Demenz-Erkrankung zu finden" (so schrieb die Nachrichtenagentur AFP), sei dahingestellt. Doch ein kleiner Schritt hin zum besseren Verständnis der Krankheit ist es allemal. Und das ist gut so, denn die Zahl der Alzheimer-Fälle wird sich in den kommenden dreißig Jahren auf über achtzig Millionen mehr als verdreifachen. Es fällt schwer, sich die Folgen für die Gesundheitssysteme und die betroffenen Menschen und deren Angehörigen vorzustellen.

Doch vielleicht finden ja Forscher wie St George-Hyslop rechtzeitig ein wirksames Gegenmittel.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 17.01.2007
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