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Stille in der Wald-Apotheke

(20.09.2021) Seit Jahrhunderten nutzen indigene Völker Heilpflanzen aus der Natur. Mit dem Aussterben ihrer Sprachen droht dieser Wissensschatz verlorenzugehen.
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Sie ist immergrün, schlank im Wuchs und hat lila Zapfen. Die Purpurtanne (Abies amabilis) wächst und gedeiht an der Westküste Nordamerikas, wo die Einheimischen sie vor allem als Konstruk­tionsholz im Bau oder als Zierbaum in Parkanlagen nutzen. Die Ureinwohner dieser Region jedoch wissen: die Purpurtanne ist viel mehr als ein billiger Baustoff oder Deko – sie ist Teil der Wald-Apotheke.

Die Nuxalk, ein Stamm in der kanadischen Provinz British Columbia in Westen des Landes, verabreichen beispielsweise einen Purpurtannen-Borken-Aufguss bei Tuberkulose und Magenproblemen. Halsschmerzen und Augen­entzündungen behandeln sie mit einem Balsam aus Purpurtannen-Baumharz und Schneeziegen-Talg. Leidet man hingegen an allgemeinen Schmerzen oder Herzproblemen wird ein Sud aus den Wurzeln der Gelben Teichrose (Nuphar lutea) bereitet. Verbrennungen und Abszesse an der Brust behandeln sie mit zerriebenen und erhitzten Blättern der Schafgarbe (Achillea millefolium). Die Wald-Apotheke der Nuxalk hat für fast jedes Wehwehchen ein pflanzliches Mittelchen parat. Wissenschaftler haben in einigen dieser Medizinal­pflanzen auch tatsächlich interessante Wirkstoffe gefunden. Die Gelbe Teichrose beispielsweise enthält Nupharidine, die antiinflam­matorisch wirken und gewissen pathogenen Bakterien, Pilzen, Parasiten, dem Masernvirus und sogar Krebs Einhalt gebieten sollen.

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Ein anderer Blick

Noch sind viele dieser medizinalen Naturstoffe kaum bekannt und erforscht. Hätte man nur die Nuxalk und andere indigene Stämme mal eher gefragt. Seit Jahrhunderten sammeln sie einen reichen medizinischen Wissensschatz an und geben ihn an die nächsten Gene­rationen weiter. Was aber, wenn niemand mehr diese Sprachen spricht? Geht dann auch das medizinische Wissen über q’-lp (Purpurtanne), t’at’kanalp (Gelbe Teichrose) und its’yaaxwlp (Schafgarbe) verloren? Diese Frage stellten sich zwei Ökologen der Uni Zürich. Normalerweise interessieren sich Rodrigo Cámara-Leret und Jordi Bascompte eher für die Wechsel­wirkungen von Pflanzen und Tieren und deren Auswirkung auf die Biodiversität.

Hier wollten sie jedoch mal einen ganz anderen Blick auf die Biodiversität werfen. „Der Einfluss des Sprachen­sterbens auf das ökologische Wissen wird oft vernachlässigt“, sagt Cámara-Leret dem Guardian. „Zu oft konzentrieren wir uns auf den Verlust der Biodiversität, aber da draußen gibt es noch einen ganz anderen Verlust, nämlich den der kulturellen Diversität“.

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Einmaliges Wissen

Deshalb schauten sich die beiden Wissenschaftler zunächst an, wie verbreitet das medizinische Wissen über einzelne Arzneipflanzen ist. Gibt es nur eine Sprachgruppe, die die Purpurtanne und ihre medizinische Wirkung kennt, oder mehrere. Im ersteren Fall ginge das gesamte Wissen über die Pflanze mit dem Aussterben der Sprache verloren. Bei der Purpurtanne besteht die Gefahr aktuell nicht, denn auch andere First Nations kennen und verwenden sie. Bascompte und Cámara-Leret schauten sich jedoch tausende andere Arzneipflanzen an: um genau zu sein, 3.597 Arten und 236 indigene Sprachen in Nordamerika, im Nordwest-Amazonas-Gebiet und Neuguinea. „Wir fanden heraus, dass über 75 Prozent der Verwendungs­zwecke von Arzneipflanzen jeweils nur in einem indigenen Volk – und daher nur in einer Sprache – bekannt sind“, erklärt Cámara-Leret in einer Presse­mitteilung der Uni Zürich. Schlimmer noch: viele dieser Sprachen, besonders in den beiden amerikanischen Regionen, sind aktuell vom Aussterben bedroht.

Wie sieht es mit den Pflanzen selbst aus? Ist das medizinische Wissen also nicht nur vom Aussterben der Sprachen, sondern auch vom Aussterben der Pflanzen bedroht? Hierzu glichen Bascompte und Cámara-Leret ihre Heilpflan­zenliste mit der Roten Liste der Weltnatur­schutzunion (IUCN) ab. Ihr Urteil: der Sprachenverlust ist die größere Gefahr. Denn nur ein Bruchteil der untersuchten Arznei­pflanzen ist aktuell als „gefährdet“ kategorisiert. Allerdings ist die Zahl mit Vorsicht zu genießen, denn längst sind nicht alle Pflanzen katalogisiert und bewertet, der Anteil bedrohter Arten könnte also noch steigen. Dennoch sind die beiden Ökologen überzeugt: „Der Verlust einer Sprache wird eine weitaus kritischere Auswirkung auf das Aussterben traditionellen Wissens über Medizinal­pflanzen haben als der Verlust der Pflanzen selbst“.

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Alles dokumentieren

Wichtig ist es also, das Wissen zu dokumentieren und archivieren – und das schnell und gründlich. Wo aber anfangen? Gibt es eine Sprachen- oder Pflanzenfamilie, in der das Wissen geballt vorkommt? Dazu erstellten die beiden Forscher phylogenetische Bäume, konnten aber keine besonderen Hotspots erkennen. Es muss alles gesichert werden, sowohl Sprachen als auch Pflanzen.

Viel Zeit bleibt nicht. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts sollen bis zu 30 % der indigenen Sprachen ausgestorben sein. Verstummen diese reichen Wissensquellen, müssen wir auch bei der Entdeckung potentiell heilkräftiger Naturstoffe wieder bei Null anfangen. Und manche blieben uns vielleicht gänzlich verborgen.

Kathleen Gransalke

Cámara-Leret R. & Bascompte J. (2021): Language extinction triggers the loss of unique medicinal knowledge. PNAS, 118(24):e2103683118

Bild: UZH / Rodrigo Cámara-Leret


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Letzte Änderungen: 17.09.2021

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