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Auf dem Therapie-Trip

(09.09.2021) Mescalin, Psilocybin und LSD sind wieder angesagt – vor allem bei Biotech-Investoren. Die Berliner ATAI Life Sciences freut’s.
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Normalerweise läuft es ja so: Wissen­schaftler haben eine gute Idee, die sich kommerzialisieren lässt. Sie gründen eine Firma. Dann beginnt meist die lange und strapaziöse Suche nach Geldgebern. Haben sie Glück, wird ihr Start-up von der EXIST-Gründungs­förderung unterstützt oder dem High-Tech Gründerfonds. Haben sie noch mehr Glück gesellt sich sogar der ein oder andere Investor hinzu. Dafür braucht man aber schon eine verdammt gute Idee und verdammt gutes Überzeugungs­vermögen. Meist müssen sehr viele Klinken geputzt werden.

Was aber, wenn die Investoren Schlange stehen und freude­strahlend mit ihren Scheinchen wedeln? Das scheint momentan bei einer speziellen Nische der Pharmabranche der Fall zu sein. Einer Nische mit potentiellen Produkten, für die es aktuell noch nicht mal einen offiziellen, sprich legalen Markt gibt: Psychedelika und zwar zur Behandlung psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen oder Suchtstörungen.

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Viele Probleme

Das Problem aber ist, dass viele dieser psychoaktiven Substanzen wie Ketamin, Psilocybin, Mescalin oder MDMA (Ecstasy) unter das jeweilige Betäubungs­mittelgesetz eines Landes fallen und somit meist nicht verkehrsfähig sind, also nicht gehandelt werden dürfen. Hinzu kommt, dass viele natürliche Psychedelika als solche nicht patentierbar sind und die Ressource (Pflanze oder Tier) nicht selten unter Naturschutz steht. Keine sonderlich gute Grundlage also für ein erfolgreiches Pharma-Unternehmen, dennoch werden, wie FierceBiotech berichtet, in den USA momentan sogar extra Risikokapital-Firmen gegründet, um Start-ups in dieser aufstrebenden Sparte zu unterstützen.

Auch deutsche Firmen mischen mit. Zumindest auf dem Papier. Denn ATAI Life Sciences hat sein Hauptquartier zwar in Berlin, aber auch noch Büros in New York und London, sowie eine niede­rländische Rechtsform. Und noch etwas ist besonders: obwohl sie sich auf ihrer Webseite als „biopharma­ceutical company“ bezeichnen, verstehen sie sich doch eher als „company builder“, als Aufbauer anderer Firmen und zwar weltweit. Und diese Aufbauhilfe kann aus dem Vollen schöpfen. Denn hinter der erst 2018 gegründeten ATAI Life Sciences stehen Millionen, unter anderem von einem Börsengang diesen Sommer und auch aus der Tasche von Firmengründer und Milliardär Christian Angermayer. „Nach meinem ersten Trip war mir klar, dass diese Substanzen wieder medizinisch verfügbar sein sollten – so wie es bei einigen von ihnen schon mal im 20. Jahrhundert der Fall war,“ sagte er einst in einem Interview über die Firmen­gründung. Mit ATAIs Hilfe sollen nun „alte Erzählungen und anekdotische Evidenz durch rigorose klinische Studien“ ersetzt werden. Und das realisiert ATAI auf dreierlei Weise.

Früher legal, heute verboten

Zum Beispiel als Joint Venture, wie mit der US-amerikanischen Firma Demerx. Demerx hat sich auf Ibogain spezialisiert, ein Indolalkaloid aus der in Zentralafrika beheimateten Pflanze Tabernanthe iboga. Ab einer bestimmten Wirkstoff-Menge kommt es zu Visionen, die mehrere Stunden andauern können. Interes­santerweise konnte man die Substanz in Frankreich von 1939 bis 1966 ganz legal erwerben, sie wurde unter dem Namen Lambarène als Stimulans und Antidepressivum verkauft. Heute ist der Besitz, Verkauf und die Kultivierung der Pflanze in etlichen Ländern verboten, darunter Belgien, Finnland, Frankreich und den USA. In Deutschland gibt es bisher keine Einschränkungen. Pharma­kologisch scheint Ibogain den Serotonin­transporter (SERT) zu inhibieren, auch gibt es eine Studie, die zeigt, dass die Substanz den GDNF-Rezeptor im Gehirn phosphoryliert. Letzteres könnte Ibogains sucht­mindernde Wirkung erklären. Demerx jedenfalls entwickelt Ibogain zur Behandlung der Opiatsucht. Eine klinische Phase-1-Studie ist in Planung, ATAI schießt 22 Millionen zu.

Eine weitere Strategie von ATAI ist: Mehrheits­anteile von Firmen aufkaufen. So geschehen bei Recognify Life Sciences, einer US-amerikanischen Firma, die unter anderem von Nobelpreis­träger Thomas Südhof mitgegründet wurde. „RL-007 ist einzigartig, weil es Mechanismen der neuronalen Signalgebung, des Lernen und Erinnerns verstärkt, ohne jedoch die Neben­wirkungen auszulösen, die andere, ähnlich wirkende Substanzen verursachen“, sagte dieser kürzlich in einer Pressemitteilung. RL-007 oder früher FSV7-007 moduliert sowohl die cholinergen als auch die GABA-Typ-B- und die NMDA-Rezeptor­systeme und galt eigentlich als Hoffnungs­träger für Alzheimer-Patienten. Nun sollen Schizophrenie-Patienten von dem „small molecule“ profitieren. Im April begann eine klinische Phase-2a-Studie zur Behandlung von CIAS: Cognitive Impairment Associated with Schizophrenia.

Firmenlaunch am laufenden Band

Oder, als dritte Variante, launcht ATAI Firmen einfach selbst. Etwa Viridia Life Sciences im Juli vergangenen Jahres. Viridia ist auf dem Dimethyl­tryptamin (DMT)-Trip, ein recht verbreitetes Alkaloid, das unter anderem in Psychotria viridis vorkommt, einem in Südamerika heimischen Rötegewächs. Als Sud mit der Liane Baniste­riopsis caapi zubereitet, gehört es seit Jahrtau­senden zu den traditionellen, bewusstseins­verändernden Zeremonien südamerikanischer Volksgruppen. Auch die Agakröte scheidet den 5-HT2A-Rezeptor-Agonisten aus. In Deutschland ist DMT aktuell ein nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel. Was Viridia allerdings nicht daran hindert, die Substanz als psyche­delisches Therapeutikum „for everyone“ zu entwickeln.

Kures, eine weitere ATAI-Tochterfirma, möchte Sucht­erkrankungen und Depressionen heilen – und zwar mit Kratom, das in Südostasien als Schmerzmittel oder Stimulans verwendet wird. Kratom sind die Blätter des Kratombaums (Mitragyna speciosa), in denen die Alkaloide Mitragynin und 7-Hydroxy­mitragynin enthalten sind. Mitragynin wirkt an den Opioid-Rezeptoren mu, delta und kappa und fällt derzeit nicht unter das deutsche Betäubungs­mittelgesetz.

Azteken-Antidepressivum

Die neueste ATAI-„Ausgründung“ von Mitte August heißt Revixia Life Sciences, deren Inspiration aus Mexiko kommt. Dort verarbeiten die Mazateken seit Jahr­hunderten Blätter des Azteken- oder Wahrsager-Salbeis (Salvia divinorum) zu einem Rausch- und Arzneimittel, das gegen allerlei Beschwerden wie Kopfschmerzen und Durchfall eingesetzt wird. Das Salbei-Hallucinogen Salvinorin A ist ein Agonist des Kappa-Opioid-Rezeptors. Dement­sprechend hoffen Revixia und ATAI hier die Grundlage für ein potentes Schmerzmittel gefunden zu haben. Auch gegen Depressionen oder Suchtstörungen soll der Salbei-Wirkstoff helfen. Erste klinische Studien sind bereits für das kommende Jahr geplant. Ob sie auch in Deutschland stattfinden? Die komplette Pflanze ist hierzulande jedenfalls verboten – weder Besitz, Handel, Transport noch Kultivierung sind erlaubt. Besitz, Handel und Transport des isolierten Wirkstoffs Salvinorin A jedoch ist problemlos, also straffrei möglich. Im Gegensatz dazu sind im Nachbarland Österreich sowohl Pflanze als auch Wirkstoff nicht reguliert.

Genau diese recht unterschiedlichen Regularien könnten die Zulassung psyche­delischer Therapien letztlich schwierig machen. Die Finanzierung der Entwicklungs­arbeit hingegen scheint ein Kinderspiel – zumindest solange die Investoren gewogen sind.

Kathleen Gransalke

Bild: Pixabay/Joenmias


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Letzte Änderungen: 09.09.2021