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Die Unfähigkeit, sich zu freuen

(10.08.2021) Nicht nur während der Corona-Pandemie zeigt sich: Wir freuen uns nicht über neues Wissen, sondern fürchten lieber dessen Risiken.
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„Die Unfähigkeit zu trauern“ – so lautet der Titel eines 1967 erschienenen Bestsellers, der viele Neuauf­lagen erlebt hat und immer noch im Druck ist. Das Psycho­analytiker-Paar Alexander und Margarete Mitscherlich wollte in diesem Buch die „Grundlagen kollektiven Verhaltens“ erkunden. Speziell ging es ihnen um die Bewältigung der national­sozialistischen Vergangenheit, allgemein um den Umgang von Einzelnen oder einer Gemeinschaft mit der Schuld oder Mitschuld an Verbrechen gegen die Mensch­lichkeit. Die Mitscherlichs sahen in der bundes­republika­nischen Gesellschaft der 1960er- Jahre mehr Verdrängungs- und Verleug­nungsstrategien am Werk und nur wenig Bereitschaft, Trauer zu empfinden – inklusive der Fähigkeit, Schmerz über die beispiellosen Verbrechen der Hitlerjahre zu verspüren, die um 1965 zum Beispiel im Frankfurter Auschwitz-Prozess vor Gericht verhandelt wurden.

Der 1908 geborene Alexander Mitscherlich hatte 1947 an den Nürnberger Ärzte­prozessen teilgenommen und darüber in einem Buch mit dem Titel „Medizin ohne Menschlichkeit“ berichtet, ohne auf irgendeine Resonanz zu treffen – was ihn bitter enttäuschte. Diese Erfahrung verarbeitete er mit seiner Frau in Essays über „Die Unfähigkeit zu trauern“, wobei der damals zwanzig­jährige Autor dieses Beitrags das Buch der Mitscherlichs zwar in der Hand gehalten, aber weder gekauft noch gelesen hat. Ihn faszinierte der Titel, dessen Formulierung ihn unmittelbar an etwas anderes denken ließ: nämlich an die Unfähigkeit seiner Mitmenschen sich zu freuen – zum Beispiel über das Wissen, das ihnen zur Verfügung stand. Und dieses Unvermögen macht ihn bis heute traurig, anders als die Freudlosen selbst.

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Ich hatte 1967 mit dem Studium der Physik begonnen und dabei unmittelbar spüren können, was ich bereits 1962 noch als Schüler mit angehaltenem Atem bei Albert Einstein gelesen hatte, als der große Mann in seinem Buch „Mein Weltbild. Wie ich die Welt sehe“ erklärte: „Das Schönste, das Menschen erleben können, ist das Geheim­nisvolle“. Und Schönes mache Freude – eigentlich klar!

Tatsächlich: In mir machte sich unter anderem beim Studium von Einsteins geheim­nisvollen Theorien über einen mysteriösen Kosmos ein unheimliches Grundgefühl der Freude breit, das sich im Laufe des Studiums – trotz aller Prüfungs­termine – immer weiter steigerte. Ich ersetzte für mich das philoso­phische Diktum „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ durch das wissen­schaftliche Bekenntnis „Ich weiß, dass die Welt geheimnisvoll und damit schön ist“. Was sich auch mit anderen Worten sagen lässt, nämlich: „Ich weiß, dass ich wissen will und Wissen lebenslang Freude macht“. Was denn sonst?

Allerdings vermisste ich diese Haltung in meiner Umgebung, in der man sogar anfing, die sokratische Skepsis um ihr Gegenteil zu erweitern, als die Frage gestellt wurde, ob die Menschen nicht inzwischen zu viel wüssten – etwa über Atome und Gene. Als ob diese Grund­elemente sowohl des Denkens wie auch der materiellen beziehungs­weise der lebenden Welt jemals ihre Geheimnisse preisgeben würden. Mit jedem Fortschritt der Wissenschaft nahm doch das Mysteriöse der Dinge zu. Es wurde immer besser möglich, das von Einstein beschworene Grundgefühl zu spüren, das mit dem Erleben des Schönen in Natur und Wissenschaft einhergeht.

Wer sich etwa in die Physik vertieft, kann zwar lernen: „Wissen ist Macht“ – doch er kann ebenfalls entzückt ausrufen: „Wissen macht Freude.“ Und das treibt die Menschen an.

Und plötzlich kam mir der Mitscherlich-Titel nicht mehr stimmig vor. Was die Deutschen auszeichnete, war nicht ihre „Unfähigkeit zu trauern“, sondern ihre „Unfähigkeit sich zu freuen“. Und daran halten sie bis in die Gegenwart verbissen fest, wenn sie sich etwa nicht über die rasche Verfügbarkeit von Impfstoffen freuen, sondern lieber deren Risiken fürchten. Leider hat bislang niemand ein Buch mit diesem Titel geschrieben, das weder von Jecken handelt noch am Ballermann spielt und auch kein Prosit der Gemüt­lichkeit verkündet. Freude durch Wissen zu verbreiten, wäre wichtig. Keine Angst vor dem Wissen erzeugen, wie es Ethikräte unternehmen, ohne selbst zu wissen, welches es zu erwerben gilt.

Natürlich galt es, die gesell­schafts­politische Mahnung der Mitscherlichs zu beherzigen und sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, weshalb ich auch 1965 zum Auschwitz-Prozess gefahren war, um darüber unter der Überschrift „Hitler ist kein Alibi“ für eine Schul­zeitung zu berichten. Aber ich wollte nicht nur trauern über die Politikgeschichte, sondern mich auch – und letztlich vor allem – freuen über die Wissen­schafts­geschichte und meine aus ihrer Kenntnis erwachsende Möglichkeit, von den Geheim­nissen der Physik zu erfahren. Ich wollte über die in ihren Büchern versammelten Einsichten staunen, die sie auf der einen Seite immer weiter vertieften, während sie zugleich auf der anderen Seite den Ingenieuren weitere Möglich­keiten lieferten, durch technische Umsetzungen die Existenz­bedingungen auf der Erde zu erleichtern wie auch der Medizin bessere Werkzeuge in die Hände zu geben, um mit ihrer Hilfe den Krankheiten der Patienten Paroli zu bieten.

Im Laufe des Studiums habe ich mich deshalb immer mehr über das eigene Leben und das der anderen freuen können, da die Wissenschaft über technische Entwicklungen oder chemische Anwendungen den Einzelnen vieles ermöglichte. Damals kam die Anti­babypille auf, man konnte günstig in die Ferien fliegen, am Himmel ließen sich nachts Satelliten verfolgen, im Fernsehen konnte man mit Direkt­übertragungen bei der Mondlandung dabei sein, es gab bald erste Taschenrechner und immer bessere und billigere Transistor­radios zu kaufen, die Transplantation eines Herzens gelang, die Bahn bot einen Trans-Europa-Express an und so weiter und so fort. In meinen Studenten­tagen entwarfen kühne Futurologen „Die Zukunft des Menschen“ und „Wege in das Jahr 2000“, an deren Ende den Lebenden so etwas wie paradiesische Zustände versprochen wurden, und wenn das damals auch niemand wörtlich gemeint hat, so schien man doch allen Grund zu haben, optimistisch zu sein und sich auf die allein auf Fortschritte bedachte Entwicklung von Wissenschaft und Technik zu freuen. In der Biologie trumpfte die Molekular­genetik auf, die Informatik wurde begründet, die bald Mikro­prozessoren lieferte, Laserlicht kam im Operationssaal und im CD-Player zum Einsatz, der Laptop wurde konzipiert und PCs tauchten in den Läden auf.

Man soll sich ruhig daran erinnern, was noch alles auf den Weg gebracht worden ist: Das Zeitalter der Kunststoffe begann, die heute auf immer umwelt­verträglichere Weise produziert werden, Viren wurden als Erreger von Tumoren erkannt und für den Prostata­krebs wurde eine Hormon­behandlung entwickelt, die Holographie kam auf, Supraleiter wurden verstanden und nutzbar gemacht, die Radio­astronomie kam in Gang, mit der das Universum reichhaltiger und größer wurde – und das ist nur eine kleine Auswahl aus einer über­bordenden Menge von wissen­schaftlichen Fortschritten, über die ich mich sehr gefreut und gestaunt habe und von denen ich mein Leben lang nicht lassen wollte und immer noch begeistert erzählen möchte.

Aber die Menschen um mich herum haben anders reagiert – vor allem, als in den 1970er-Jahren die Gentechnik vorgestellt wurde und sich der Gedanke an den Umweltschutz meldete, der das Einhalten von „Limits to Growth“, also von „Grenzen beim Wachstum“ anmahnte. So lautete jedenfalls der Titel eines damals erschienenen Buches, dessen Titel in Deutschland falsch übersetzt wurde, um als „Grenzen des Wachstums“ mehr Angst zu schüren. Insgesamt wandelten die Menschen damals ihre alte Angst vor den Natur­erscheinungen – wie Wirbelstürmen, Überschwem­mungen, Missernten oder Plagen – in eine neue Angst vor den Natur­wissenschaften um. Sie wollten nichts mehr von Fortschritten hören, die immer mit einer Zunahme an Einfluss auf die Natur verbunden sind, und verwiesen von nun an vor allem auf die Risiken, die mit den wissen­schaftlichen Entwicklungen in die Welt kommen. Sie waren und sind tatsächlich unfähig, sich über das erworbene Wissen zu freuen.

Wer das bezweifelt, der darf an den viel zitierten Sigmund Freud erinnert werden, der sowohl die Einsicht des Kopernikus über eine im Kosmos bewegte Erde als auch das Verständnis von Charles Darwin über die evolutionäre Geschichte des Menschen als Kränkung bezeichnet hat und dabei bis heute auf den Jubel des Feuilletons trifft. Zwar ist es Unsinn, was Freud da behauptet – Kopernikus hat die Menschen tatsächlich auf eine himmlische Umlaufbahn und damit näher zu den Göttern gebracht, und Darwin zufolge kann der Mensch seine Spitzen­stellung in der Natur behalten, nur dass er sie nicht mehr einem Gott, sondern seinem eigenen Tun verdankt –, aber um sich nicht über die wissen­schaftlichen Einsichten über Ort und Rolle des Menschen in der Welt freuen zu müssen, lässt man sie als Kränkungen erscheinen. Und daneben hört und liest man immer wieder das Verdikt des großen Soziologen Max Weber, der den Unsinn von einer wissen­schaftlichen Entzauberung der Welt in dieselbe gesetzt hat – wobei die bejubelte Frechheit der in Webers Fahrwasser segelnden Intellek­tuellen insbesondere darin besteht, die angebliche Entzauberung der Welt als Programm der Aufklärung zu diffamieren.

Es ist ein Trauerspiel, wie wenig Freude die kritische Intellek­tuellenschar am eigenen Wissen empfindet und wie wenig sie von dem Glücksgefühl versteht, die Naturforscher dank ihrer Einsichten erleben. Einstein hat gerne von der inneren Erregung erzählt, die sich seiner bemächtigte, als Experimente seine Theorien über den Kosmos bestätigten. Aus der jüngsten Geschichte der Molekular­biologie sind Verhaltens­weisen von Akteuren bekannt, die man als „heilige Ekstase“ bezeichnen kann, wobei dieser Ausdruck von Johannes Kepler stammt, der in den damit gemeinten Jubel ausbrach, als er seine Planeten­gesetze formulieren konnte. All diese Erkenntnisse verzaubern die Welt, die Wissen­schaften vertiefen mit ihren Einsichten das Geheim­nisvolle der Existenz und könnten die Menschen mit Freude erfüllen, wenn sie nicht eine hartnäckige Freud­losigkeit an den Tag legen würden – die allerdings sinnvoll wäre, bezöge sich die erste Silbe von Freud­losigkeit auf den Psycho­analytiker selbst.

Es ist erstaunlich: Doktor Freud erzählt davon, dass die Zunahme des Wissens Menschen kränkt – und man wundert sich, dass er sich als Seelenarzt über seine Diagnose freuen kann. Wenn man Menschen helfen will – und was sollte ein Arzt sonst wollen? –, muss man ihnen erklären, dass Wissen Freude macht.

Einsicht, so sagt man, ist der erste Schritt zur Besserung. In dem Falle geht es um die Einsicht, dass die Öffent­lichkeit der „Unfähigkeit zu trauern“ mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt als der eigenen „Unfähigkeit sich zu freuen“ – was zu ändern ist. Wo der Deutsche hingrübelt, wächst bekanntlich kein Gras mehr, und das Pflänzlein der Wissenschaft stirbt ab. Das wäre tatsächlich ein Grund zur Trauer. Sie lässt sich mit der Freude am Geheim­nisvollen vermeiden. Die Verzau­berung der Welt gelingt durch die Versuche ihrer Erklärung. Das ist das Schönste, das Menschen passieren kann – und dieses Erleben lässt ihnen keine Zeit für etwas anderes.

Zum Autor
Ernst Peter Fischer ist Wissenschafts­historiker und Wissenschafts­publizist. Nach dem Studium der Mathematik, Physik und Biologie promovierte er bei Max Delbrück am California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena – und habilitierte sich schließlich in Wissenschafts­geschichte an der Universität Konstanz. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze – darunter beispielsweise „Die andere Bildung“ oder „Das große Buch der Evolution“.

Bild: AdobeStock/fran_kie

Dieser Essay erschien zuerst in Laborjournal 7/8-2021.


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Letzte Änderungen: 10.08.2021