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Wie unpolitisch ist Wissenschaft?

(03.08.2021) Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, dass die wissenschaftliche Beratung von Entscheidungsträgern äußerst wichtig ist.
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Oft hört man in der Wissenschaft den Spruch: „Das hat politische Gründe“ oder „Das ist eben Politik!“. Gemeint ist dann meist: X hat die Fördergelder erhalten, obwohl der Antrag von Y wissen­schaftlich fundierter war. Oder Z wird ohne eigenes Zutun ebenfalls noch Co-Autor einer Studie. Oder die einen publizieren ständig in Prestige-Journalen und -Verlagen, während andere oder die gerade nicht so heißen Themen nur „Low Impact“ sind.

Was in der Wissenschaft gern als „Politik“ bezeichnet wird, ist quasi das unwillkommene menschliche Element in dieser schönen Welt aus Evidenzen, neutralen Peer Reviews und objektiven Über­legungen. Oder anders gesagt: Wenn Macht­strukturen, die selbst­verständlich auch in der Wissenschaft wirken, zum Zuge kommen, wird es „politisch“. Es sind genau die gleichen Macht­strukturen, die unsere gesamte Gesellschaft formen. Wer Einfluss hat und die richtigen Leute kennt, kommt eher voran. Wer das „falsche“ Geschlecht oder die „falsche“ Herkunft hat, muss mehr leisten, um als gleichwertig wahr­genommen zu werden.

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Sowas hat im gegen­wärtigen Selbst­verständnis der Wissenschaft eigentlich keinen Platz. Wissenschaft ist auf der Suche danach, was wahr ist. Mit empirischen und normativen Methoden nähern sich die Wissenschaftler immer mehr der Wahrheit an, in einem sich beständig selbst korrigierenden Prozess. Das geschieht im Rahmen einer „guten wissenschaftlichen Praxis“, ein Regelwerk, das beispiels­weise korrekte Zitierungen, Algorithmen zum Prüfen von Signifikanz, kritische Diskussion der eigenen Arbeit sowie Einbettung in den Kanon oder Bereit­stellung aller Informationen zur Nachvoll­ziehbarkeit der eigenen Arbeit vorschreibt. Darauf basierend wird der Wissenschaft die Autorität zugesprochen, nicht nur deren Produkte in die Bevölkerung einzubringen, sondern auch gesell­schaftliche Prozesse durch Beein­flussung der öffentlichen Meinung oder Beratung der Politik zu verändern.

In seltener Intensität und Direktheit können wir diesen Wissens­transfer in der Corona-Pandemie beobachten. Das sich so schnell ausbreitende Virus mit den gesund­heitlichen, sozialen und wirtschaftlich extrem weitrei­chenden Konsequenzen verlangte nach einer sofortigen Reaktion. Von der empirischen Sozial­forschung bis zur Impfstoff­entwicklung haben Dutzende Disziplinen beständig neue Ergebnisse und daraus herleitbare Handlungs­empfehlungen geliefert – ohne dass diese aber durch den Jahre dauernden Prozess der wissen­schaftlichen Konsens­herstellung gegangen sind. Dadurch ergab sich nicht nur eine Unmittelbarkeit der Übertragung von Forschungs­resultaten, sondern auch gewissermaßen ein Einbezug der gesamten Gesellschaft in Vorgänge, die üblicher­weise innerhalb der Wissenschaft ablaufen: kontroverse Diskussionen, allmähliche Präzisierung von großer Spannbreite zu genauem und verlässlichem Wissen oder natürlich auch die Korrektur beziehungsweise Falsifizierung früherer Ergebnisse.

Die daraus entstandenen und entstehenden Reibungen sind eine gute Gelegenheit, über das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft nachzudenken. Insbesondere zu Beginn der Pandemie haben Wissenschaftler in ihrer Beratungs­tätigkeit für die politischen Entscheidungs­gremien etwas gemacht – inwieweit dies auf eigene Initiative und inwieweit auf Nachfrage von Politik oder Öffentlichkeit geschah, ist ein Forschungsfeld in sich –, was ihnen eigentlich fremd ist: Aufgrund schmaler Evidenzen Entschei­dungswege aufzeigen und empfehlen, und sich damit auch gleichzeitig in die öffentliche, mediale Diskussion zu begeben, die unmittelbarer Resonanzraum der Politik ist. Und je schmaler die Evidenz, desto breiter der Ermessens- und Interpre­tationsspielraum – womit die Wissenschaft dann quasi politisch mitagiert: Angesichts einer unbestimmten Zukunft und wenig gesichertem Wissen bekamen Werte und Inter­pretationen mehr Gewicht. Zudem überlagerten Faktoren die Debatte, die mit Evidenz nichts zu tun haben. Welcher Wissenschaftler wird von welchen Medien wie stark präsentiert? Welche Professo­rinnen beraten welche Gremien? Wer hat Reichweite auf Social Media? Wer kann gut auftreten?

Was macht das mit der Wissenschaft, wenn sie plötzlich zur Akteurin der Politik wird? Zwei Zitate zur Illustration: Erstens betritt sie damit für sie offensichtlich weitgehend unbekanntes Terrain. Christian Drosten, von der Berliner Charité und Coronavirus-Experte seit fast zwanzig Jahren, nahm in einem Interview mit dem digitalen Magazin Republik im Juni 2021 Bezug auf das Problem der False Balance – dass Medien darauf getrimmt sind, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, auch wenn die überwiegende Zahl der Experten eine Richtung vertritt [1]. Er folgerte daraus: „Wie die Medien funktionieren, das wusste ich damals [im Frühling 2020] nicht.“ Politische Entschei­dungswege, der Resonanz­raum Medien und Öffentlichkeit sind alles Orte, die die allermeisten Wissen­schaftler nicht kennen.

Zweitens wurde klar, dass Wissenschaftler nicht irgendwie abseits der Gesellschaft stehen, sondern als Bürger mittendrin. Wie die Professorin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektions­forschung in Braunschweig im März 2021 meinte, als es um die ungenügende Pandemie­bekämpfung in Deutschland ging: „Schließlich bin ich Wissenschaftlerin. Aber ich bin auch Bürgerin“ [2]. Die wissen­schaftliche Beratung erfolgt also auch durch Menschen in einer Rolle als politische Subjekte.

Die Schlüsselfrage ist nun: Wie gelingt es einerseits der Wissenschaft, sich Machtstrukturen so weit zu entziehen, dass sie „unpolitisch“ arbeiten kann, also aufgrund von wissen­schaftlichen Kriterien? Und noch schwieriger, wie gelingt es der Wissenschaft, in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren, um sie entlang der wissen­schaftlichen Evidenz zu gestalten?

Wesentlich für das Gelingen dieses Unterfangens ist, dass die Wissenschaft sich bewusst wird, dass und wie politisch sie ist. Nehmen wir ein polarisierendes Thema, die „grüne Gentechnik“, also die Veränderung des Erbgutes von Pflanzen. In der Politik gibt es ein breites Spektrum von Meinungen dazu, von euphorischer Zustimmung über zurück­haltende Vorsicht bis hin zu kategorischer Ablehnung. Die Forschung in der Pflanzen­genetik kommt zur klaren Schluss­folgerung, dass aus wissen­schaftlicher Sicht (Ethik und Religion mögen zu anderen Konklusionen kommen) die Vorteile gezielt genetisch veränderter Pflanzen die Risiken bei Weitem überwiegen. Das ist aber nicht nur eine wissen­schaftliche Aussage. Es ist gleichzeitig ein Positions­bezug in einem politischen Diskurs, mit dem sie in einem reflexiven Bezug steht: In eine Richtung beeinflusst wissen­schaftliche Evidenz die politischen Meinungen. Insbesondere wenn schon großes Vertrauen in und Offenheit gegenüber techno­logischen Neuerungen besteht, wird dies durch wissen­schaftliche Erkenntnisse bestärkt. In unserem Beispiel würde so die breite Verwendung genetisch veränderter Nutzpflanzen gestützt.

Aber es gibt auch die andere Richtung: Der Positions­bezug bedeutet für Wissenschaftler als politisches Subjekt eine Festlegung in einem politischen Meinungs­spektrum. Ihr Denken ist dann nicht mehr nur durch wissen­schaftliche Erkenntnisse geprägt, sondern, insbesondere wenn dies zu wenig reflektiert wird, durch politische Faktoren wie Werte, Abgrenzungen und so weiter. Insgesamt wird dadurch wiederum auch das eigene wissen­schaftliche Agieren beeinflusst.

Quasi im Schnell­durchlauf ließ sich das während der Corona-Pandemie erleben. In den verschiedenen damit befassten Disziplinen der Natur­wissenschaften gab es bald die deutlich mehrheitliche Position, dass, vor einer weitgehenden Durchimpfung der Bevölkerung beziehungs­weise bis zum Greifen von Maßnahmen wie Contact Tracing, die Ausbreitung des Virus mit starken Kontakt­beschränkungen begegnet werden muss. Diese Position teilte sich im politischen Spektrum auf, nach Parteien gesehen deutlich zustimmend bei Grünen und SPD, mehrheitlich bei den Unions­parteien, kritisch gesehen bei FDP und Linkspartei, ablehnend bei der AfD. Die Entsprechung fand sich auch in den deutschen Medien – ZEIT und Spiegel auf der einen Seite, WELT oder BILD auf der anderen, wobei in der Medienwelt zusätzliche, schlussendlich monetär getriebene Mechanismen wie die Suche nach Klicks beziehungsweise Aufmerk­samkeit durch starke und prägnante Aussagen dazu beitrugen. Hinzu kamen all die Mechanismen der Medien­kommunikation und des öffentlichen Diskurses, die wissen­schaftliche Evidenzen und entsprechende Schluss­folgerungen überdeckten. Es entstand eine Situation, in der Wissen­schaftler auf Augenhöhe mit Politikern und Publizisten stritten, wobei sich die Argumente gelegentlich eher durch die politische Positionierung als durch den Beruf unterschieden.

Um in diesem Getümmel fakten­orientiert als Wissenschaft bestehen zu können, Thesen immer wieder neu überprüfend und revidierend, und gleichzeitig die Erkenntnisse der Forschung in praktische Politik umzusetzen, braucht es vor allem eines: die Reflexion darüber, inwieweit das Handeln der Wissenschaftler politisch ist oder zumindest politisch werden kann. Um nochmals Christian Drosten zu erwähnen – eine Stärke seines Podcasts war ja insbesondere, wie er immer wieder transparent gemacht hat, wie der Stand des aktuellen Wissens ist und dass es jenseits davon noch zahlreiche andere für politische Entscheidungen wichtige Kriterien gibt.

Was kann nun eine vorläufige Schluss­folgerung sein? Aus Sicht vieler Wissenschaftler ist „Politik“ (auch wenn dabei eigentlich Macht­strukturen gemeint sind, die nichts mit Politik an sich zu tun haben) negativ besetzt, und behindert die wissen­schaftliche Arbeit. Für die Interaktion von Wissenschaft und Gesellschaft ist sie aber unumgänglich. „Politisch sein“ sollte also – da, wo es angebracht ist! – ein ganz normaler Aspekt wissen­schaftlicher Tätigkeit sein, und nichts, worüber man die Nase rümpft. Wissenschaft kann sich der Prägungen der Macht­strukturen und Wertungen nicht entziehen, insbesondere da sie selbst davon geprägt ist. Gleichwohl muss sie einen Raum bieten, in dem tatsächlich nur wissen­schaftliche Kriterien und Arbeitsweisen wirken. Um diesen Raum schaffen zu können, müssen sich die Wissenschaftler (und da hat die Corona-Pandemie ja reichlich Lernstoff geboten) bewusst werden, wie sehr die Wissenschaft in der Gesellschaft auch eine politische Rolle spielt. Um die Ausgangsfrage, scheinbar paradox, zu beantworten: Um unpolitisch sein zu können, muss die Wissenschaft politischer werden.

Der Autor dankt Jutta Kramm und Nils Markwardt für ihre so kritischen wie hilfreichen Kommentare.

Zum Autor
Emanuel Wyler ist Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin.

Bild: AdobeStock/fran_kie

Referenzen

[1] https://www.republik.ch/2021/06/05/herr-drosten-woher-kam-dieses-virus
[2] Kölner Stadtanzeiger, https://www.presseportal.de/pm/66749/4858567

Dieser Essay erschien zuerst in Laborjournal 7/8-2021.


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Letzte Änderungen: 03.08.2021