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Dümmer als wir dachten

(27.07.2021) Fehler zu machen, ist keine Schande – das gilt auch in der Pandemie. Um besser zu werden, müssen wir dringend dazulernen.
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Angenommen, man würde die gesamte Bevölkerung nach Intelligenz reihen. Wo würden wir uns selbst einordnen? Irgendwo in der klügeren Hälfte? Unter den besten zehn Prozent? Wie sieht es mit anderen Fähigkeiten aus – mit unserem Sinn für Humor, oder mit unserer Fähigkeit, Fake News von Fakten zu unterscheiden?

Bei solchen Fragen sind die allermeisten Menschen davon überzeugt, selbst im Spitzenfeld zu liegen. Man kennt das auch von Umfragen unter Autofahrern: Der überwiegende Großteil glaubt, zu den allerbesten Autofahrern zu gehören. Doch wenn neunzig Prozent davon überzeugt sind, zu den besten zehn Prozent zu zählen, dann kann irgendetwas nicht ganz stimmen. Um das zu erkennen, muss man nicht einmal zu den neunzig Prozent gehören, die zu den besten zehn Prozent im Prozent­rechnen zählen.

Offensichtlich kommt es manchmal vor, dass unsere Selbstein­schätzung mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmt. Dieses Phänomen untersuchten die Psychologen Justin Kruger und David Dunning in einem aufsehen­erregenden Experiment: Sie ließen eine Reihe von Versuchs­personen Tests ausfüllen, etwa Logik- oder Grammatik­tests. Danach mussten die Versuchs­personen einschätzen, wie gut sie wohl im Vergleich zu den anderen Versuchs­personen abgeschnitten hatten. Erstaun­licherweise lagen die meisten deutlich daneben: Selbst jene Versuchs­personen, die bei den Tests nur ein ziemlich schlechtes Ergebnis erzielt hatten, hielten sich für eher gut. Die erfolgreicheren Versuchs­personen hielten sich ebenfalls für überdurch­schnittlich, waren aber in Wahrheit sogar noch deutlich besser als sie dachten.

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Danach zeigte man den Versuchs­personen die Tests der anderen und fragte sie dann noch einmal nach einer Selbstein­schätzung. Nun zeigten sich interessante Unterschiede: Wer beim Test gut abgeschnitten hatte, hatte durch einen Blick auf die Tests der anderen erkannt, dass diese Leute deutlich schlechter waren. Die besonders guten Testpersonen korrigierten daher ihre Selbstein­schätzung nach oben – und damit lagen sie richtig. Wer allerdings beim Test schon schlecht gewesen war, lernte durch das Analysieren der Leistung anderer nichts Neues dazu. Diese untalen­tierteren Versuchs­personen hielten sich danach immer noch für eher gut.

Diese Tatsache wurde als „Dunning-Kruger-Effekt“ berühmt. Die Fähigkeiten, die man braucht, um seine eigene Leistung einzuschätzen, sind genau die Fähigkeiten, die man auch braucht, um diese Leistung zu erbringen. Wer etwas nicht gut kann, ist auch nicht gut darin, zu beurteilen, ob er es kann. Daher ist klar: Gerade den ahnungs­losesten Leuten fällt es am schwersten, die eigene Ahnungs­losigkeit zu erkennen.

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Ahnungslos durch die Pandemie

Auf dieses Problem stoßen wir häufig – und während der Corona-Pandemie noch häufiger als sonst. Die ganze Welt scheint plötzlich voll zu sein von Leuten, die felsenfest davon überzeugt sind, die Wahrheit zu kennen – über Coronaviren, über die Dynamik der Pandemie, über die nötigen Gegen­maßnahmen. Die meisten davon verfügen zwar kaum über echtes wissen­schaftliches Wissen, aber genau deshalb ist ihr Selbst­vertrauen so hoch: Weil ihnen sogar das nötige Wissen fehlt, um zu erkennen, dass ihnen das nötige Wissen fehlt.

Und so reichern sich Fake News und Verschwörungs­theorien an, auf Querdenker-Demos, in Internetforen, in Handy-Nachrichten, die an die ganze Familie verschickt werden. Eine merkwürdige Impfgegner-Subkultur hat sich entwickelt. Impfungen seien schädlich, heißt es dort. „Viel zu gefährlich, viel zu wenig getestet!“, sagen die moderateren Querdenker. „Mit Mikrochips, um uns zu töten oder fernzusteuern!“, sagen die radikaleren.

Dann gibt es die strahlenden Retter, die genau wissen, wie man COVID-19 besiegen kann. Etwa mit Chlorbleiche! Selbst der ehemalige US-Präsident spekulierte vor laufender Kamera, ob nicht eine Injektion mit Desinfek­tionsmitteln das Virus zerstören könnte. Ärzte schlagen bei diesem Gedanken die Hände über dem Kopf zusammen. Aber wer von Medizin so wenig versteht, dass er nicht versteht, wie wenig er versteht, kann Chlorbleiche schon mal für ein hoch­wirksames Medikament halten.

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Sind wir eine Dunning-Kruger-Gesellschaft?

Niemand soll glauben, dass diese Dunning-Kruger-Falle nur andere Leute betrifft. Jeder von uns überschätzt sich manchmal selbst und ist von eindeutig falschen Dingen überzeugt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht unser allergrößtes Problem. Vielleicht ist die viel ernstere Gefahr, dass der Dunning-Kruger-Effekt auch auf einer höheren Ebene sichtbar wird: Nicht nur einzelne Menschen, sondern auch wir gemeinsam, als Gesellschaft, können in die Dunning-Kruger-Falle tappen. Wir haben uns bisher immer für eine intellektuell hochentwickelte, rationale, wissen­schaftsbasierte Gesellschaft gehalten. Vielleicht haben wir uns da einfach schrecklich überschätzt.

Wir waren davon überzeugt: Bei uns verlässt man sich auf die Wissenschaft, nicht auf das Bauchgefühl! Zumindest war das unser Bauchgefühl – und darauf haben wir uns verlassen. Wir waren ganz sicher, eine aufgeklärte, rationale Wissens­gesellschaft zu sein, in der die Politik nach rationalen Argumenten handelt und die Bevölkerung grundsätzlich koopera­tionsbereit ist. Aber vielleicht waren wir bloß nicht rational genug, um zu erkennen, wie irrational unsere Gesellschaft in Wahrheit ist?

Angenommen, man würde sämtliche Länder nach ihrer Pandemie­bewältigung reihen. Wo würden wir uns selbst einordnen? Der Vergleich zeigt: Andere waren deutlich besser. Dummerweise passt das nicht zu unserer Selbst­einschätzung. Wir sind daran gewöhnt, die Besten zu sein. Wir wachsen mit der Überzeugung westlicher Überlegenheit auf: Europa und die USA! Wir sind doch immer weltweit führend! In der Nobelpreis­statistik! Im Herrentennis! Im Pro-Kopf-Verbrauch von Leberkäse! Wir sehen erstaunlich niedrige Infektions­zahlen ferner Länder, und reflexartig durchzuckt uns der Gedanke: Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Vermutlich wurde dort nicht ordentlich getestet! Wenn nicht einmal wir die Sache in den Griff bekommen, dann kann das doch dort logischerweise erst recht nicht gelingen!

Das ist vorurteils­beladener Unfug. Selbst­verständlich gibt es einzelne Länder, aus denen wir keine zuverlässigen COVID-19-Zahlen kennen. Aber einfach zu sagen, „Wer bessere Zahlen hat als ich, der muss geschummelt haben“, ist unfair und irrational.

Ziemlich gut durch die Pandemie gekommen ist China, das Ursprungsland des neuen Coronavirus. Allerdings ist das ein Land mit ziemlich autoritärer Regierung, in dem Maßnahmen ergriffen wurden, die wir in Europa aus guten Gründen nicht ergreifen wollten. Sehen wir uns also andere Beispiele an: Vietnam etwa – ein direkter Nachbar von China, ein großes Land, mit über 100 Millionen Einwohnern, aber kein besonders reiches Land. Während der gesamten Corona-Pandemie verzeichnete man in Vietnam insgesamt weniger Tote als in den USA am Höhepunkt der Krise innerhalb einer einzigen Stunde. Und das hat gute Gründe: In Vietnam war man vorbereitet, man hat rasch reagiert, das Land entwickelte bereits Anfang 2020 eigene Tests, man organisierte ein effizientes Contact Tracing, und es gab strenge Quarantäne­bestimmungen. Ein Popsong wurde geschrieben, der Werbung für das Hände­waschen machen sollte – er wurde zum nationalen Hit.

Nun ist aber Vietnam auch keine Demokratie. Das mag sein – aber welche dieser Maßnahmen hätte man in einer Demokratie nicht genauso ergreifen können? Das Argument hört man oft: „Diktaturen haben es ja leichter! Bei uns geht das nicht!“ Das ist ein merkwürdiger Gedanke – ist das nicht eine Beleidigung der Demokratie? Eine Demokratie kann grundsätzlich alles, was das Volk will. Wenn wir in einer Demokratie unklug entscheiden, dann ist das nicht die Schuld des demokratischen Systems, sondern die Schuld von uns allen.

Abgesehen davon gibt es natürlich auch demokratische Staaten, die sehr gut durch die Pandemie gekommen sind – Australien und Neuseeland etwa. Dort gab es strenge Lockdowns und Quarantäne­vorschriften. Und dadurch konnte man die Einschränkungen bereits wieder aufheben, als Europa noch mitten in der größten Corona-Welle war. Wir saßen alleine zu Hause, in Neuseeland tanzten die Massen fröhlich beim Rockkonzert.

„Aber das sind doch Inseln!“, heißt es dann. Auch das ist ein seltsames Argument, denn es lässt sich kaum argumentieren, dass in Staaten wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz die Einschleppung von Viren aus dem Ausland der große Treiber der Pandemie gewesen wäre. Dass sich das Virus ausbreitet, ergibt sich durch die Reproduk­tionszahl im Inland – und die hängt von unserem kollektiven Verhalten ab.

Natürlich kann man einen Staat nach dem anderen als nicht vergleichbar wegargu­mentieren. Aber wenn auf der Weltrangliste am Ende nur noch drei Staaten übrig sind, ist ein Platz unter den Top drei am Ende kein echter Grund für Jubel. Wir haben viel diskutiert, ob der deutsche oder der schwedische Weg der bessere war. Vielleicht hätten wir den Blick auch ein bisschen weiter in die Ferne richten müssen – nach Asien, Afrika und Ozeanien.

Schwächen erkennen und dazulernen

Besser werden kann man nur, wenn man zunächst mal einsieht, dass Verbes­serungsbedarf besteht. Aber wie erreicht man das? Auch das wurde von Dunning und Kruger untersucht – und die Antwort ist ganz einfach: durch Lernen. Dunning und Kruger gaben ihren Versuchs­personen Nachhilfe­stunden in Logik. Dadurch wurden ihre Ergebnisse beim Lösen von Logik­aufgaben immer besser. Sie lernten dabei aber auch, dass sie anfangs eigentlich ziemlich schlecht gewesen waren. Die Leistungs­kurve ging nach oben, die Einschätzung der eigenen Leistung aber nach unten.

Auch dieses Phänomen kennt wohl jeder: Man kauft sich eine Gitarre, der man dann noch am selben Tag mit zittrig-verkrampften Fingern die ersten zwei bis drei Akkorde entlockt. Man ist begeistert vom eigenen Gitarrentalent und ist überzeugt: Der Aufstieg zum international gefeierten Gitarrenstar ist nur eine Frage der Zeit! Doch dann übt man weiter, nimmt vielleicht ein paar Gitarren­stunden und befasst sich näher damit, was die echten Profis aus diesem Instrument herausholen. Und irgendwann erkennt man, mit der internatio­nalen Karriere wird es wohl doch eher nichts. Die Leistung wird besser, aber das Vertrauen in die eigene Leistung sinkt.

Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist nötig. Nur wenn man anerkennt, dass man nicht perfekt ist, kann man besser werden. Und besser werden müssen wir – denn die nächste Pandemie ist nur eine Frage der Zeit. Die Corona-Pandemie wird gerne mit der Spanischen Grippe vor etwas mehr als hundert Jahren verglichen. Das bedeutet aber nicht, dass es nach der Überwindung der Corona-Krise bis zur nächsten globalen Pandemie wieder hundert Jahre dauern wird. Und natürlich ist es auch möglich, dass die nächste Pandemie sogar noch deutlich schlimmer wird.

Was passiert, wenn ein zukünftiges Virus hundertmal ansteckender ist? Oder zehnmal tödlicher? Oder beides? Bei COVID-19 ging man noch zur Arbeit, wenn man sie nicht von zu Hause aus erledigen konnte. Aber was ist, wenn fünf Prozent der Arbeiter sterben? Oder zwanzig? Gibt es dann noch Leute, die bereit sind, Supermarkt­regale zu befüllen, Müll abzutrans­portieren oder in unseren Kraftwerken dafür zu sorgen, dass der Strom nicht ausfällt? Oder bunkern sich dann alle daheim ein und lösen damit eine Krise aus, gegen die unsere Corona-Krise harmlos wirkt?

Das müssen wir verhindern. Wie gelingt uns das? Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es nicht. Wir müssen uns an anderen ein Beispiel nehmen und gemeinsam versuchen, dazuzulernen. Aber es gibt ein paar Grundsätze, die uns dabei helfen könnten.

Drei Regeln für wissenschaftliches Denken

Erstens: Alle Menschen sind gleich viel wert, aber nicht alle Meinungen sind gleich viel wert. Es gibt Fakten, und ihr Gegenteil ist einfach Unsinn. Das klingt banal – wird aber oft übersehen. In Fernseh­shows lädt man einerseits die Virologin ein, die interessante Fakten über COVID-19 erzählt. Und auf der anderen Seite sitzt ein seltsamer Querdenker und behauptet völligen Unsinn. Und auf dem Bildschirm sehen beide irgendwie gleich groß aus. Die Zuseher zu Hause denken: Ach! Hier herrscht offensichtlich keine Einigkeit! Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte!

Nein, die Wahrheit liegt nicht immer in der Mitte. Wenn jemand behauptet, dass es Viren gar nicht gibt, dass Corona nur eine riesengroße Verschwörung ist, oder dass COVID-19 von 5G-Handymasten ausgelöst wird, dann hat er nicht recht. Er hat auch kein bisschen recht, sondern er hat überhaupt nicht recht. Da darf es auch keinen Kompromiss geben, zwischen Wahrheit und Unsinn. Ein Kompromiss zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und schrecklichem Unsinn ist immer noch schrecklicher Unsinn.

Das heißt andererseits aber natürlich nicht, dass wir die Aussagen von Fachexperten als heilige Wahrheit verehren müssen. Ganz im Gegenteil: Zur Wissenschaft gehört es dazu, dass Experten­meinungen immer wieder hinterfragt, zerpflückt und auseinander­genommen werden.

Zweitens: Die Wissenschaft weiß auch nicht alles, aber sie weiß zumindest, was sie alles nicht weiß. Es gibt Fragen, auf die man eine klare Antwort kennt: Wird COVID-19 von Coronaviren verursacht? Die Antwort ist ja, darüber muss man nicht mehr diskutieren. Ist eine bestimmte neuentdeckte Mutante ansteckender als eine andere? Anfangs ist das noch nicht klar. Man hat vielleicht Hinweise, erste Zahlen aus kleinen Studien, aber ein eindeutiges Bild ergibt sich erst im Lauf der Zeit.

Wenn solche vorläufigen Ergebnisse später widerlegt werden, ist das ganz normal. Das sollte niemanden überraschen – und ganz sicher sollte man es nicht mit erbost erhobenem Zeigefinger als Beweis sehen, dass die Wissenschaft insgesamt unglaubwürdig ist. Wenn wir über Wissenschaft reden, dann müssen wir dazusagen, ob es sich um eine gesicherte Erkenntnis handelt, um etwas Vorläufiges oder um eine bloße Vermutung. Wissen­schaftliche Vermutungen ändern sich jeden Tag. Der Kern der gesicherten Wissenschaft ändert sich praktisch nie.

Drittens: Auch kluge Leute reden Unsinn. Experten zuzuhören ist wichtig. Aber eine Experten­meinung ist keine Wahrheits­garantie. Es gibt viele Beispiele für kluge, gebildete Leute, die in ihren Einschätzungen schrecklich danebenlagen. Wissenschaft wird nicht durch Autorität verlässlich, sondern durch Evidenz – durch ein sauber geknüpftes Netz aus zahlreichen Fakten, Argumenten und Beweisen. Eine Theorie, auf die wir uns verlassen können, besteht nie bloß aus einem einzelnen Argumen­tationsstrang, sondern aus vielen – aus logischen Verbindungen, die einander gegenseitig festhalten, verknüpfen und stärken. Erst wenn ein solches Netz entstanden ist, haben wir es mit einem verlässlichen Ergebnis zu tun, das garantiert auch in Zukunft tragfähig sein wird.

Wissenschaft ist ein Gesellschaftsspiel

Das Problem daran ist: Kein Mensch kann ein solches Netz alleine knüpfen. Wissenschaft ist immer Gemein­schaftsarbeit. Es ist ähnlich wie beim Bau eines Ameisenhaufens. Scheinbar wirr und planlos laufen die Ameisen herum, jede leistet einen kleinen Beitrag, doch am Ende entsteht daraus etwas Großes, von dem alle profitieren. Keine Ameise hat einen Plan des gesamten Baus im Kopf. Aber das Ameisenvolk als Ganzes hat ihn geschaffen. Es gibt auch keinen Menschen, der die gesamte Wissenschaft verstanden hat. Aber wir als Menschheit, gemeinsam, haben sie verstanden.

Alle großen Leistungen entstehen nur durch Gemeinschaft und Zusammen­arbeit. Kaum jemand von uns würde völlig alleine lange überleben. Eine kleine Gruppe von Menschen kann vielleicht eine Höhle besiedeln und sich einigermaßen ernähren – aber wenn wir Städte haben wollen, mit fließendem Wasser, Elektrizität und Kultur, mit Weißwein, Fernsehprogramm und Ziegenkäse, dann brauchen wir auch den Rest der Menschheit. Wir sind eine globale Spezies. Wir sind genau deshalb so erfolgreich, weil wir besser als jede andere Tierart gelernt haben, bei komplexen Aufgaben zu kooperieren. Dazu gehört jede Art von Wissenschaft – und auch die Pandemie­bekämpfung.

Jeder Gedanke entsteht irgendwo in einem menschlichen Kopf. Aber er entsteht dort nur deshalb, weil dieser Kopf vorher schon viele Gedanken anderer Menschen kennengelernt hat. Ähnlich wie sich Viren durch die ganze Menschheit ausbreiten können, passiert das auch mit Ideen – sowohl mit guten als auch mit schlechten. Niemand von uns kann dieses globale Gedanken­gewitter kontrollieren, das uns als Menschheit ausmacht. Niemand von uns kann verhindern, dass ab und zu ziemlich dumme Gedanken in unser Hirn gewirbelt werden. Wenn wir die Menschheit ein kleines bisschen besser machen wollen, müssen wir einfach nur versuchen, kluge Gedanken weiterzu­verbreiten und dumme Gedanken erlöschen zu lassen. Dann werden wir klüger. Als Mensch und als Gesellschaft. Und beides werden wir brauchen.

Zum Autor

Florian Aigner ist Physiker, Wissenschaftspublizist und Redakteur an der Technischen Universität Wien.

Bild: AdobeStock / fran_kie

Dieser Essay erschien zuerst in Laborjournal 7-8/2021.


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Letzte Änderungen: 27.07.2021

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