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Die Berliner Charité im Dritten Reich

Sechzig Jahre nach Beginn des Nürnberger Ärzteprozesses bringt die Charité Berlin ihre nationalsozialistische Vergangenheit auf den Tisch – und lässt auch die Öffentlichkeit daran teilhaben.

(14.12.2006) Welche Rolle spielte die Charité Berlin als Institution im Nationalsozialismus? Dieser Frage ist Sabine Schleiermacher vom Charité-Institut für Geschichte der Medizin im Rahmen des DFG-geförderten Projektes "Wissenschaftlicher Anspruch und Staatliches Interesse. Die Hochschulmedizin an der Charité im Wechsel staatlicher Systeme 1933 und 1945" nachgegangen. "Bisher gab es keine oder nur wenig Aufarbeitung der Charité-Geschichte aus dieser Zeit", so Sabine Schleiermacher, die das vierjährige Projekt gemeinsam mit Udo Schagen leitete. Dass so ein Projekt erst jetzt durchgeführt wird, hat auch historische Gründe. Die Charité liegt im Osten des ehemals geteilten Berlins - in der DDR war ihre Geschichte kein großes Thema.

Die Charité gehörte schon vor dem Dritten Reich zu den bedeutenden Universitäten. Was die Wissenschaft anbelangt, hatte sie für die restliche medizinische Forschung Vorbildfunktion. "Die Charité hat neue Ideen etabliert. Sie war eine der ersten, die einen Lehrstuhl für Rassenhygiene einrichtete, und diesen dann auch mit einem der wichtigsten Vertreter des Faches, Fritz Lenz, besetzte", so Schleiermacher. "Das sind allerdings alles Traditionen, die in der Weimarer Republik längst angefangen hatten. Die Nazis haben sie dann umgesetzt."

Der Paradigmenwechsel in der Medizin, nach dem das "Wohl der Gesellschaft" und das Interesse an einem "leistungsfähigen Volkskörper" über das Wohl des Individuums gestellt wurde, ging Hand in Hand mit sozialdarwinistischen Ansichten, die zu der Zeit in Deutschland Fuß fassten. Als Wegbereiter gilt der Zoologe Ernst Haeckel, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt machte und sie zu einer Vererbungslehre ausbaute, die richtungsweisend für die Idee der Rassenhygiene war. Weite Kreise der Medizin hielten die nationalsozialistischen Vorstellungen von Gesundheit und Wissenschaft für fortschrittlich und nahmen mitunter bereitwillig am System teil. Immerhin 45 bis 60 Prozent aller Ärzte waren Mitglied der NSDAP, ein höherer Anteil als in jeder anderen Berufsgruppe.

Im Dritten Reich arteten diese Vorstellungen zu dem aus, was heute unter den Begriffen Eugenik, Euthanasie, Zwangssterilisation und Menschenversuche bekannt ist. "Die Charité war - wie auch andere medizinische Fakultäten - in das nationalsozialistische Gesundheitssystem eingebunden", so Schleiermacher. Als Vorreiterin in der neuen Leitdisziplin Rassenhygiene lieferte die Charité vor allem die wissenschaftliche Legimitation und Methodik.

Einzelne Mitglieder waren aber auch direkt und maßgeblich an den Verbrechen beteiligt, die im Nürnberger Ärzteprozess verhandelt wurden. Insgesamt standen 23 hochrangige NS-Funktionäre auf der Anklagebank, zwanzig davon waren Ärzte, darunter acht an der Charité tätige. Zu erwähnen ist der Hauptangeklagte Karl Brandt, Chirurg an der Charité und Hitlers "Begleitarzt". Er war als "Euthanasiebeauftragter" für die systematische Ermordung von über 100.000 Menschen mit Behinderungen mitverantwortlich, darunter auch 5.000 Kinder. Er wurde verurteilt und 1948 hingerichtet, ebenso wie Karl Gebhardt, Chirurg an der Charité und Leibarzt Himmlers, der für Menschenversuche in Ravensbrück, Hohenlychen und Auschwitz verantwortlich zeichnete.

Die Forschungsarbeit trägt auch für die Öffentlichkeit Früchte. Am 25. Oktober, genau sechzig Jahre nach Eröffnung des Nürnberger Ärzteprozesses, startete an der Charité Berlin die Ringvorlesung "Die Charité im Nationalsozialismus und der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47". "Das Material, das wir im Zusammenhang mit diesem Projekt bearbeitet haben, versetzt uns erst in die Lage, diese Vorlesungsreihe zu machen", so die Organisatorin Schleiermacher. Die Vorlesungsreihe ist nicht nur ein längst fälliger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Fragen der medizinischen Ethik und die Diskussion um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik sind angesichts jüngster Entwicklungen, zum Beispiel in Gentechnik und Stammzellforschung, aktueller denn je. Ein Blick in die Vergangenheit kann dabei nicht schaden.

Diese Verbindung zwischen Geschichte und aktuellem Zeitgeschehen findet großen Zuspruch, das zeigen die Besucherzahlen der Vorlesung. "Es kommen Studierende, Mitglieder aus den Kliniken und Instituten, aber auch Vertreter der interessierten Öffentlichkeit und Schulklassen. Wir haben bis jetzt immer 150-160 Zuhörer gehabt. Mit so viel haben wir selber nicht gerechnet", so Schleiermacher zur Resonanz auf die Veranstaltung.

Die Vorlesung läuft vierzehntägig bis zum 7. Februar 2007, der nächste Vortrag findet am 10. Januar 2007 statt. Das vollständige Programm gibt es hier hier

Miriam Ruhenstroth



Letzte Änderungen: 15.12.2006
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