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Impact-Faktoren machen glücklich!

(28.05.2021) Egal, ob mit Impact-Faktoren viel Schindluder läuft – liest man nur den eigenen Namen in einem High-Impact-Journal, steigt schon das Glücksgefühl.
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Angeblich aktiviert der reine Anblick von Schokolade ja das Belohnungszentrum unseres Gehirns. Aber bei Schokolade ist natürlich noch lange nicht Schluss. Zumindest für Forscherhirne schrieb ein Team aus den Neurowissenschaften der Uni Lübeck vor einiger Zeit folgendes über ihre Beobachtungen mit funktionaler Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT):

„Wenn Forscherinnen und Forscher eigene Publikationen in Fachzeitschriften mit hohem Journal Impact Factor (JIF) erwarten, wird ihr Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert.“

Konkret beschrieben sie die zugrundeliegenden Experimente damals so:

„19 Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern wurden in einem MRT-Gerät die vorbereiteten Titelseiten von hochrangigen Wissenschaftszeitschriften mit ihrem Namen gezeigt und dabei die Gehirnaktivitäten gemessen. […] Mit steigendem JIF einer antizipierten Publikation stieg die Aktivität im Nucleus Accumbens, einer zentralen Region im Belohnungszentrum des Gehirns. Es zeigte sich zudem, dass Forschende, die in der Vergangenheit mit höheren JIF publizierten, ein stärkeres Ansprechen des Belohnungssystems aufwiesen. Neben dem JIF einer Publikation modulierte auch die Reihenfolge der Autorschaft die Aktivität im Nucleus Accumbens.

Diese Studie liefert einen ersten empirischen Beleg dafür, wie Forscherinnen und Forscher sich an die Anreizstrukturen des universitären Systems anpassen und den JIF als zentrales Bewertungskriterium ihrer Arbeit verinnerlichen.“

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Dabei wird der Impact-Faktor doch oft frisiert ...

Na ja, so skurril das klingt – wirklich verwunderlich ist es kaum. Wir wagen mal zu behaupten: Hätten die Lübecker beliebige Leute von der Straße genommen und ihnen „vorbereitete“ Artikelseiten aus der ZEIT, der FAZ und dem Spiegel gezeigt, in denen ihre Namen in schmeichelhaftem Zusammenhang erwähnt sind – dann wären deren Hirne vermutlich genauso angesprungen.

Allerdings scheinen die Autoren ihre Studie damals durchaus bewusst mit einem kleinen Augenzwinkern publiziert zu haben. Zumindest ein Indiz dafür bietet folgende Feststellung in den „Materials and Methods“ des Original-Papers (PLOS One 10(11): e0142537):

„One participant was excluded from further analyses due to excessive sleepiness during the whole task. Notably, this was the only neuroscientist with a permanent position.“

Noch größer wird das Augenzwinkern indes, wenn man ein Editorial dazu nimmt, das genau eine Woche später in Research Policy (Vol. 45(1): 1-7) erschien. Darin spricht Ben Martin, Professor für Science and Technology Policy Studies an der University of Sussex in Brighton, dem Journal Impact Factor jegliche Glaubwürdigkeit ab, da ihn die Editoren der Forschungsblätter mittlerweile großflächig mit zweifelhaften Tricks und Kniffen nach oben frisieren:

Over time, editors have devised ingenious ways of enhancing their JIF without apparently breaching any rules. […] In the light of ever more devious ruses of editors, the JIF indicator has now lost most of its credibility.

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Glücksgefühle durch Betrogenwerden?

Und nochmal an anderer Stelle:

We currently have a whole slew of editorial practices to boost JIF by fair means or foul. Consequently, in many cases all that the JIF indicator now measures is how assiduously a journal’s editors are playing the JIF ‘game’ […] and their willingness to steer as close as possible to, and perhaps even to cross, the boundary between appropriate and inappropriate behaviour in pursuit of that goal.

Keine wirklich neue Feststellung, aber das Ausmaß dieses JIF-Dopings scheint inzwischen doch erschreckend.

Doch was hat das jetzt mit der obigen Lübecker Studie zu tun? Nun ja, in Kombination hieße das: Forscherhirne empfinden Glücksgefühle durch etwas, mit dem sie zunehmend verarscht werden.

Aber das geht ihren übrigen Artgenossen ja mit vielen anderen Dingen genauso.

 

Ralf Neumann

(Foto: AdobeStock / mrwinn)

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Letzte Änderungen: 25.05.2021

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