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Es wird wieder eng

(06.05.2021) … in der Impfstoff-Produktion. Diesmal mangelt es nicht an Spezial­chemi­kalien, sondern an Allerwelts-Labor­utensilien und Personal.
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„Engpässe gibt’s eigentlich immer irgendwo“, sagte Stéphane Bancel, der Chef von Impfstoff-Senkrecht­starter Moderna, kürzlich in einer Online-Presse­konferenz mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht. Und in der Tat gingen Moderna und auch Biontech zunächst die Lipide aus, die sie für die Nanopar­tikelhülle ihrer mRNA-Impfstoffe benötigen (Laborjournal berichtete). Dies lag vor allem daran, dass es einfach nicht genügend Firmen gab, die diese Lipide in ausreichender Menge und Qualität herstellen konnten. Dieser Flaschenhals scheint sich nun aber geweitet zu haben. Immer mehr Firmen steigen ein ins Lipid-Geschäft. Doch schon treten neue Probleme auf.

Denn will man die Pandemie beenden, braucht es mehr Impfdosen. Viel mehr – um genau zu sein: 10 Milliarden. Damit könnte bis März 2022, so eine Berechnung der Weltbank, eine weltweite Herden­immunität erreicht werden. Könnte, denn momentan klagen viele Hersteller erneut über fehlende und nicht lieferbare Materialien. Simple Materialien wie Filter, Glasfläschen, Spritzen, Gummi­stopfen oder Zellkulturbeutel.

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Gewöhnliche Mangelware

Zu den Leidtragenden gehört unter anderem Novavax. „Da ist zum einen das Medium, in denen die Zellen wachsen“, erzählt Novavax-Chef Stanley Erck dem Guardian. „Man lässt sie in diesen 2.000-Liter-Beuteln wachsen, die gerade Mangelware sind. Dann muss man die Zellkultur filtern, und auch die Filter sind Mangelware. Es sind diese kleinen Dinge“. Aber Erck ist dennoch zuversichtlich, dass Novavax’ „rekombinanter Nanopartikel-Impfstoff“ NVX-CoV2373, sobald er zugelassen ist, auch in ausrei­chenden Mengen produziert werden kann. 100 Millionen Dosen sind mit der EU bis Ende des Jahres ausgemacht.

Dass diese eher gewöhnlich anmutenden Materialien aktuell nicht lieferbar sind, liegt nicht nur daran, dass die Hersteller von Labor­utensilien mit der Produktion nicht hinterher­kommen. Es gibt auch politische Gründe. Denn US-Präsident Joe Biden hat Anfang des Jahres den Defense-Production-Act-Joker gezogen. Mit diesem Bundesgesetz werden Firmen dazu verpflichtet, dringend benötigte Güter wie medizinische Masken oder Beatmungs­geräte zu produzieren.

Das Gesetz kann aber offensichtlich auch dazu „genutzt“ werden, den Export bestimmter Materialien – wie eben Zellkultur­beutel und Filter, die für die nationale Impfstoff-Produktion z. B. von Pfizer gebraucht werden – einzuschränken. „Der Novavax-Impfstoff braucht diese Materialien aus den USA“, klagte Adar Poonawalla, Chef des indischen Serum-Instituts, das den Impfstoff für Novavax produziert, kürzlich. „Wenn wir darüber reden, wie wir weltweit Kapazität aufbauen wollen, dann wird das Teilen dieser kritischen Rohstoffe der limitierende Faktor sein“. Auch bei Curevac in Tübingen wartet man laut Spiegel derzeit auf Nukleotide und Plastikbehälter aus den USA.

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Fast alles perfekt

Aber auch den Firmen, die in den USA oder Europa produzieren, fehlt etwas. Nämlich gut ausgebildetes Personal. Das bekommt Moderna gerade zu spüren, die ihren mRNA-Impfstoff unter anderem bei Lonza in der Schweiz produzieren lassen. „Um ein Produkt herzustellen, braucht man Reinräume, Rohstoffe, Maschinen – und man braucht Menschen. Bei Lonza gibt es großartige Reinräume, wir haben es geschafft, die richtigen Rohstoffe zu besorgen, das ganze Equipment ist installiert und zertifiziert worden und funktioniert – der Flaschenhals momentan sind die Menschen“, sagt Moderna-Chef Bancel in der Online-Pressekonferenz. Deshalb musste Moderna zuletzt auch einige zugesagte Lieferungen kürzen.

Roger Connor, Präsident von GSK Global Vaccines, springt ihm bei. Es gelte, die höchsten Produktions­standards einzuhalten. Kein Keim darf sich auch nur in der Nähe einer Impfstoff-Produktions­stätte befinden. Und so ein Verständnis für steriles Arbeiten kann man niemandem einfach über Nacht beibringen. „Dafür gibt es keine schnelle Lösung“, sagt er.

Lonza hat nun (nach einem Rüffel aus Amerika, wie es heißt) begonnen aufzustocken, denn nicht weniger als 300 Millionen Impfdosen pro Jahr sollen in Visp (Kanton Wallis) gefertigt werden. Dafür braucht man insgesamt fast 300 Mitarbeiter, mindestens 100 fehlen noch. Wo aber kriegt man so schnell gutes Personal her? Zum einen zieht man firmen­eigene Fachkräfte aus anderen Lonza-Standorten ab. Auch andere Pharma­firmen hat man bereits kontaktiert, die „Wanderarbeiter“ für die Impfstoff-Produktion abstellen könnten. Ebenso schaut man sich außerhalb der Pharma­industrie um. So sollen beispielsweise Käser angefragt worden sein, die sich ja immerhin mit dem Arbeiten unter Hygiene-Bedingungen auskennen sollten.

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Ab in die Produktion!

Die Angelegenheit hat inzwischen solch Tragweite angenommen, dass sich nun auch auf Lonzas Bitten hin sogar die Schweizer Regierung eingeschaltet hat. Mit einem Aufruf, gerichtet an die größten Schweizer Firmen wie etwa Nestlé, sollen Fachkräfte für einen drei­monatigen Einsatz in der Impfstoff-Produktion bei Lonza begeistert werden. Arbeitsantritt: sofort. Bezahlung: sicherlich exzellent.

Auch die Schweizer Armee soll aushelfen, denn dort gäbe es genügend ABC-Spezialisten, also solche, die sich mit atomaren, biologischen und chemischen Gefahren­stoffen auskennen. Eine ergiebige Quelle von gut ausgebildeten und hoch­motivierten, jungen Chemikern, Biochemikern, Biotechnologen und Verfahrens­technikern könnten auch die akade­mischen Einrichtungen wie ETH Zürich und EPFL sein. Die Suche läuft bereits auf Hochtouren.

Wer unter unseren Leser/innen also einen Job in der Schweizer Impfstoff-Industrie sucht, hat derzeit gute Chancen. Aktuell werden beispielsweise mehrere Produktions­spezialisten mit Biotech­nologie/Biochemie-Hintergrund (Bachelor/Master) gesucht. Aufgaben unter anderem: „Produktions­tätigkeiten im Bereich der Säugetier­zellkultur und/oder Aufreinigung dieser Produkte nach cGMP-Richtlinien. Ausführung kritischer Prozess­schritte, Bewertung der Test­ergebnisse, Fehler­behebung in der Produktions­anlage und Lösungs­empfehlungen“.

Laborjournal wünscht: Viel Erfolg bei der Bewerbung!

P. S. Wem die Schweiz zu weit ist: Biontech sucht am Standort Mainz auch noch Personal – unter anderem eine stellvertretende Leitung für die Impfstoff-Herstellung. Sonderurlaub und „Company Bike“ inklusive.

Kathleen Gransalke

Bild: Flickr/Jeremy Brooks (CC BY-NC 2.0)



Letzte Änderungen: 06.05.2021

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