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Auf und ab in Anhalt

(04.02.2021) 100 Jahre Impfstoff­entwicklung in Dessau. Die IDT Biologika hat eine lange Geschichte mit vielen hellen, aber auch einigen dunklen Kapiteln.
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Das Bakteriologische Institut 1925

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Das Jahr begann für die IDT Biologika mit eher schlechten Nachrichten. Der Impfstoff MVA-SARS-2-S, den die Dessauer Firma gemeinsam mit der LMU München, dem Deutschen Zentrum für Infektions­forschung sowie dem Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und der Uni Marburg entwickelt hatte, stellte sich in ersten klinischen Tests der Phase 1 als weniger wirksam heraus als erhofft. „Die bisher ausgewerteten Daten zeigen, dass Immun­antworten zwar nach­weisbar sind, aber nicht im erwarteten Ausmaß generiert wurden,“ sagte die verant­wortliche Prüfärztin der Studie und Leiterin der Infektio­logie der Uniklinik Hamburg Marylyn Addo dazu in einer Presse­mitteilung. Die eigentlich schon geplante Phase-2-Studie muss nun erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Ein herber Rückschlag für das mittel­ständische Unternehmen, das doch in diesem Jahr eigentlich einiges zu feiern hat. Nämlich sein 100-jähriges Bestehen – durch Kriegszeiten, Sozialismus und Nach­wendezeit.

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Praktische Gründung

Gegründet wurde die IDT Biologika als Bakterio­logisches Institut der Anhaltischen Kreise am 1. Juli 1921 in Dessau. Und das hatte ganz praktische Gründe. Denn zur damaligen Zeit gab es im kleinen Freistaat Anhalt kein Institut, das bakterielle Unter­suchungen an Mensch und vor allem Tier durchführen konnte. Verdächtige Proben mussten nach Halle (Saale), damals der Preußischen Provinz Sachsen zugehörig, geschickt werden, und das dortige bakterio­logische Institut hatte soeben seine Gebühren für veterinär­medizinische Unter­suchungen erhöht. Landestierarzt Friedrich Richter schlug deshalb die Gründung eines eigenen Instituts im Freistaat Anhalt vor.

Die Idee wurde umgesetzt und bald darauf zog ein Tierarzt und zwei Mitarbeiter in ein kleines Labor am ehemaligen Neumarkt ein. Zwei Jahre später übernahm ein anderer Tierarzt: der Bakte­riologe Karl Ludwig Wolters. Er hatte wenige Jahre zuvor an der Tierärzt­lichen Hochschule Berlin promoviert.

Und der neue Chef hatte Glück. Da der Vertrag des Freistaates Anhalt mit dem bakterio­logischen Institut in Halle endgültig auslief, wertete man sein Institut gleichmal zum staatlichen Veterinär­untersu­chungsamt auf. Und es wurde gleich auch noch eine neue Abteilung für human­medizinische Analysen genehmigt, denn auch die Uni Halle hatte inzwischen ihre Gebühren für entsprechende Unter­suchungen erhöht. 1925 musste dann für den wachsenden Betrieb ein Neubau her.

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Für Mensch und Tier

Anfangs beschäftigte sich das noch junge Institut haupt­sächlich mit der Diagnose von Tuberkulose-Erkrankungen. Nebenbei begann man aber auch, Therapien zu entwickeln. Vor allem in Form von Impfstoffen und Seren – und zwar für Mensch und Tier. Den Anfang der kommer­ziellen Produktion machte 1925 ein Impfstoff gegen Schweine­rotlauf. Diese Infektion mit dem gram­positiven, stäbchen­förmigen Bakterium Erysi­pelothrix rhusio­pathiae verläuft für die Tiere unbehandelt oft tödlich, rote Flecken auf der Haut gaben der Krankheit ihren Namen. Isoliert hatte den Erreger übrigens kein Geringerer als Robert Koch im Jahre 1876.

1930 lief die Impfstoff- und Seren­produktion so gut, dass sich die Serum­abteilung selbst­ständig machte und zum „Anhaltischen Serum-Institut Dessau GmbH“, kurz ASID, umfirmierte, das während der Weltwirt­schaftskrise sogar expandierte und akquirierte. Im Portfolio befanden sich neben Impfstoffen nun auch Chemo­therapeutika, Hormon­präparate, Desinfek­tionsmittel, Schädlings­bekämpfungs­mittel und thera­peutische Schlangengift­präparate. Ende der 1930-er Jahre hatte das Unternehmen mehr als 600 Mitarbeiter.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und das neue Unter­nehmensziel lautete: „Die national­sozialistischen Grundsätze in der Wirtschafts­führung praktisch zu verwirklichen“. Das bedeutete auch, dass kriegs­relevante Produkte wie chirur­gisches Nahtmaterial nun im Mittelpunkt standen. Das Unternehmen profitierte auch direkt von diesen düsteren Zeiten – es übernahm Betriebe in den besetzten Gebieten Osteuropas, so in Prag und Warschau. Und in den Produktions­stätten wurden häufig auch Kriegs­gefangene und Zwangs­arbeiter eingesetzt. Wolters selbst war von 1939 bis 1941 Stabs­veterinär der Wehrmacht und erhielt das Kriegs­verdienstkreuz. Während des Nürnberger Ärzte­prozesses kommt später raus, dass die Wirksamkeit von Typhus-Impfstoffen der ASID auch an KZ-Häftlingen in Buchenwald getestet wurde. Mehrere Versuchs­personen starben.

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Flucht in den Westen

Nach Kriegsende verließen einige leitende Mitarbeiter das Dessauer Werk und damit die sich abzeichnende Sowjetische Besat­zungszone. Wolters hatte Dessau schon Monate zuvor den Rücken gekehrt, um in Bayern eine Zweig­stelle zu eröffnen und später in Niedersachsen, die Firma als „ASID-Serumsinstitut GmbH“ neu aufzubauen. Auf einem Grundstück bei Celle sollte die Produktion laufen, doch dazu kam es nicht.

In Dessau konzentrierte man sich zunächst als „Forschungs­institut für Impfstoffe“, ab 1951 als VEB Serum-Werk Dessau auf die Entwicklung und Produktion von Veterinär- und Human­impfstoffen. 1985 arbeiteten 1.500 Menschen für das Unternehmen.

Anfang der 90er-Jahre kam es zu einem weiteren tiefgrei­fenden Einschnitt – die Privatisierung. Jahrzehnte war man als volkseigener Betrieb direkt der DDR-Führung unterstellt. Nun sollte, ja musste man auf eigenen Füßen stehen. Das ging erstmal nicht gut. Wie so oft in dieser Zeit bei Betrieben der nun aufgelösten DDR verloren langjährige Mitarbeiter ihre Arbeits­stelle. Von den ehemals über 1.000 Angestellten waren am Ende nur noch 125 übrig. Dann übernahm der baden-württem­bergische Unternehmer Hartmut Klocke.

Klage oder Kauf

Klocke wollte das Dessauer Unternehmen eigentlich verklagen, denn es verletzte seiner Ansicht nach sein Patent auf einen Fuchs­köder zur Tollwut­bekämpfung. Es ging um mehrere Millionen D-Mark. Letztlich überzeugte ihn die Treuhand­gesellschaft jedoch, nicht zu klagen, sondern das ganze Unternehmen zu kaufen. Und zu investieren: 200 Millionen Euro flossen so von Baden-Württemberg nach Sachsen-Anhalt. „Ohne die Tollwut gäbe es heute keine IDT Biologika,“ sagte Klocke rückblickend bei einer Festveranstaltung im Jahre 2018.

Heute hat das Unternehmen wieder mehr als 1.000 Mitarbeiter und erwirt­schaftete im Jahre 2019 einen Umsatz von 220 Millionen Euro. Unter anderem mit Impfstoffen, viralen Vektoren, Gen- und Immun­therapeutika sowie sterilen Flüssig­keiten. Und vielleicht kommt bald auch noch ein COVID-19-Impfstoff hinzu.

Kathleen Gransalke

Bild: IDT Biologika


Referenzen
Hathi Trust Digital Library, „Trials of war criminals before the Nuremberg Military Tribunals under Control Council law no. 10. Nuernberg, October 1946-April 1949
Blog Heimatforschung im Landkreis Celle, „Serumsforschung bei Unterlüß“
Dissertation Florian Georg Leupold, „Die Geschichte des VEB Serum-Werk Bernburg von 1954 bis 1990 unter besonderer Berücksichtigung biogener Arzneistoffe“
Unternehmensbroschüre Serag-Wiessner, „Von der Saite zum Nahtmaterial“




Letzte Änderungen: 04.02.2021

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