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Aus alter Freundschaft

(23.10.2020) Aus unserer Reihe 'Anekdoten aus dem Forscherleben': Wie ein klinischer Forscher mithilfe eines 'Pharma-Freundes' sein Zitate-Konto hochschraubte.
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Sieben Jahre war es jetzt her, dass sie dem frischgebackenen Klinikchef Rainer Unsinn auf die Schliche gekommen waren. Siebzig Paper von Unsinn und Co. enthielten am Ende Daten, die nie gemacht worden waren – allesamt rein erfunden.

Einen unglaublichen Wirbel hatte es damals gegeben. Das gesamte System wurde hinterfragt. Darunter natürlich auch die so genannten Ehrenautorenschaften. Setzten sich nicht allzu viele allein „kraft ihres Amtes“ auf die Paper? Gerade in der klinischen Medizin? Verlangten da nicht die meisten „Chefs“ von Ihren Untergebenen, sie immer und in jedem Fall mit in die Autorenliste zu nehmen? Auch wenn sie nichts beigetragen hatten? Ja oft sogar nicht mal das Paper gelesen?

Klar ist es so gelaufen, dachte Windigmann. Hatte er ja selbst so erlebt als Assistenz- und Oberarzt. Noch heute schwellen seine Halsschlagadern, wenn er an Gockel, seinen damaligen Chef, denken muss. Stand auf allen seinen Papern, obwohl er sie nicht einmal wirklich verstanden hatte.

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"Was hab' ich damals gesagt?"

Nun, zum Glück war das seit einiger Zeit vorbei. Vor knapp fünf Jahren wurde Windigmann selber Klinikleiter. Und wollte natürlich nie so werden wie Gockel...

Doch es kam anders. Windigmann selbst hatte bald nicht einmal mehr Zeit, sich die Forschungsprojekte an seiner Klink wenigstens anzuhören. Wie sollte er da zu seinen Papern kommen? Dabei brauchte er sie doch. Seinen Ruf verlor man schließlich schnell – galt als unproduktiver, alter Sesselfurzer, der früher mal gut war, aber heute...?

Also verlangte er dann doch, dass seine Mitarbeiter ihn mit auf ihre Paper nahmen. Anfangs noch zögerlich, klar – bis er dann eines Tages schließlich dachte: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Schließlich war ich selbst lange genug Opfer.“ Und auch die Unsinn-Affäre war ja langsam ausgesessen. Und so wurde „Kein Paper ohne Windigmann“ zur Routine in seiner Klinik.

Dennoch, auch damit lief es allenfalls halbrund. Windigmann hatte zwar dafür gesorgt, dass er überall drauf stand – aber auf das, was drin stand, hatte er nur wenig Einfluss. Und das war höchstens mittelmäßig. Vielleicht hatte er doch kein so gutes Händchen bei der Auswahl seiner Mitarbeiter...

Kaum Arbeit, viele Zitate

Die Rettung kam in Form eines unerwarteten Anrufs. Dreher, sein alter Kumpel aus den Tagen bei Gockel, war am Apparat. Windigmann hatte gar nicht gewusst, dass der mittlerweile eine steile Karriere bei Tiefst Pharma hingelegt hatte. Dreher leitete dort inzwischen eine große Abteilung, die gerade drauf und dran war, ein neues Medikament gegen Hepatitis zu entwickeln. Und brauchte jetzt „kompetente Forscher mit gutem Ruf“ für das wissenschaftliche Leitungskomitee der großzügig finanzierten klinischen Abschlussstudie. Na ja, und da hatte er sich eben an Windigmann erinnert...

Der nahm natürlich sofort an. Weil er auch gleich wusste, was das bedeutete: Kaum Arbeit, ein bisschen Infrastruktur bereitstellen – und ein Platz in der Autorenliste des Abschluss-Papers war garantiert. Und sollte das Medikament dann noch einschlagen,...

Es schlug ein. Und das Paper wurde in den folgenden zwei Jahren über fünfhundert Mal zitiert. Sicher, Windigmann war neunzehnter Autor von insgesamt 53, aber das machte ihm nur wenig aus. Was viel wichtiger war: Wenn er jetzt in der Zitations-Datenbank „Windigmann M“ eingab, erschien unter „Times cited“ ein Spitzenwert. Und bei dessen Anblick dachte er jedes Mal, dass er mit Dreher mal wieder ein Bier trinken gehen müsste.

Ralf Neumann

 

(Die einzelnen Geschichten dieser Kolumne sind uns in aller Regel nicht genau so, aber doch sehr ähnlich referiert worden.)

 

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Letzte Änderungen: 21.10.2020

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