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"Die Wissenschaft hat festgestellt..."

Langsam werden die Weichen gestellt zur Einrichtung einer Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Brauchen wir sie?

(25.09.2006) Die Vorbilder sind klar. In Frankreich, England oder den USA machen nationale Akademien vermeintlich wichtige Lobbyarbeit für die Wissenschaften, sagen die Befürworter. Hierzulande sei das nicht der Fall. Deutschlands Wissenschaft werde im Ausland nicht mit einer Stimme vertreten, klagen sie. Und das sei nicht gut -- vor allem, da durch das erklärte Ziel der EU eine sogenannte European Research Area zu schaffen und zu stärken, ein mächtiges und allseits akzeptiertes nationales Gremium umso wichtiger werde.

Günther Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften , schrieb hierzu etwa kürzlich im Berliner Tagesspiegel: "Bislang treten unterschiedliche Vertreter der Wissenschaftseinrichtungen in den vielfältigen internationalen Gremien primär als Vertreter der Interessen der eigenen Organisation auf. Dies war bislang keineswegs erfolglos, aber die Frage, ob dieses nicht zu verbessern wäre, ist eine relevante Frage, wenn es um gemeinsame Interessen der deutschen Wissenschaft geht. Die Allianz der großen Forschungsorganisationen hat dieses nur begrenzt leisten können."

Seit einiger Zeit mag auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan diese Idee. Erst Mitte September machte sie Werbung für die Einrichtung einer Nationalakademie und sprach dabei von "national wie international mit einer Stimme sprechen" sowie "den Dialog zwischen Politik und Wissenschaft vorantreiben" oder "Versäulung und Abschottung zwischen verschiedenen Disziplinen weiter abbauen". Zeitgleich gründete sich eine Arbeitsgruppe in der Bund-Länder-Kommission (BLK), die sich von nun an mit dem Gründungskonzept befassen soll, welches seinerseits von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, den Akademien Leopoldina sowie dem Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. -- acatech -- erarbeitet wurde.

Schaut man sich allein diesen Ablauf an, sehen viele Kritiker die Nationalakademie wohl nicht ganz zu Unrecht vor allem als Lieblingskind vieler Akademie- und Gremien-Profis. Und diese setzen sich ja bekanntermaßen vorwiegend aus nicht mehr ganz so aktiven Forschern zusammen. Die wirklich aktiven Forschern dagegen stünden einer derartigen Nationalakademie eher skeptisch gegenüber, kann man überall hören.

Zudem bezweifeln viele, dass die Bundesländer sowie die großen Forschungsorganisationen wie DFG, MPG etc. ihren Anspruch auf Mitsprache tatsächlich zurückstellen würden. Am Ende hätte man dann womöglich das Gegenteil erreicht -- nämlich dass der beklagten deutschen Vielstimmigkeit nur ein weiterer Rufer namens Nationalakademie hinzugefügt wurde.

Bleibt noch die Sache mit der Politikberatung. Auch dafür gibt es bereits bewährte fachübergreifende Gremien wie etwa den Wissenschaftsrat oder die DFG. FAZ-Redakteur Jürgen Kaube schrieb dazu vor kurzem etwas süffisant: "Wäre es nicht eine schöne Vorstellung, wenn ein mit der Autorität nationaler Repräsentation ausgestatteter Akademiepräsident den Politikern das letztgültige Endgutachten in kontroversen Dingen übergeben könnte? Wo einfach drinsteht, was Sache ist und was dem Fortschritt dient." Um danach "über diese Vision szientifischer Autoritätsausübung" nur zu lächeln. "Sie wäre die liberale Variante eines Wahrheitsministeriums, wenig mehr also als eine kostspielige Parodie."

Worauf Günther Stock umgehend, aber etwas dünn antwortete: "Hier hat die Wissenschaft in ihrer gesamten Breite die Verantwortung, das vollständige und diskutierbare Wissen zu solchen Themen zielführend zu sammeln und der öffentlichen Debatte zur Verfügung zu stellen. Das soll nicht, wie es von Kritikern formuliert wurde, im Sinne eines "Zentralkomitees für richtig oder falsch" oder eines Wahrheitsministeriums geschehen, sondern in einem organisierten Prozess. Dies wäre ein wirklicher Beitrag nicht zu einseitiger Politikerberatung, sondern zu einer demokratischen Politikberatung, welche die Öffentlichkeit in schwierigen Fragen politikfähig macht."

Keine Antwort gab er indes auf Kaubes Schlusssatz, man hätte dann "eben noch eine weitere Akademie, die nicht forscht". Vielleicht sollte man folgende Bedingung stellen: Macht die Nationalakademie -- aber macht sie so, dass dadurch fünf andere Gremien obsolet werden, und schafft diese dann auch wirklich ab. Auf diese Weise hätte die Nationalakademie wenigstens eine garantiert gute Konsequenz.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 25.09.2006
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