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Im Nebel ungesicherten Wissens

(21.07.2020) Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik sind gerade im Ausnahme­zustand. Welchen Platz wird die Wissen­schaft in der Post-Corona-Gesellschaft haben?
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Mitte Mai 2020. Seit Wochen hält uns ein Virus in und außer Atem. SARS-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Atem­wegser­krankung COVID-19 führen uns auf drastische Weise vor Augen, wie verletzlich unser aller Zusammen­leben sein kann, wie unsicher wir uns auf einmal fühlen – und wie viele Entschei­dungen von jedem Einzelnen, vor allem aber von den politisch Verant­wortlichen in großer Unge­wissheit zu treffen sind. Zugleich verspüren immer mehr Menschen eine starke Sehnsucht nach Flucht- und Auswegen aus der offenbar weiter anhaltenden, durch immense Bedrohungs­szenarien und Kontakt­sperren geprägten Krise.

Eine Einladung – ein Thema...

Als mich Anfang Februar 2020 die Einladung erreichte, einen Beitrag für die diesjährige Essay-Sonder­ausgabe des Laborjournals zu verfassen, erschien mir das Thema „Wissenschafts­freiheit und Demokratie in populistisch geprägten Zeiten“ besonders naheliegend zu sein. Anlässe gab es schließlich genug:

– das allgemein – auch in Deutschland – sinkende Vertrauen in die Unab­hängigkeit der Wissenschaft;
– die seit geraumer Zeit stark zunehmenden Angriffe auf jede Art von wissen­schaftlicher Expertise (man denke nur an das Verdikt „We’ve had enough of experts!“ des britischen Politikers Michael Gove), insbesondere aus rechts­nationalistischen Kreisen;
– und die Aushöhlung wissen­schaftlicher Autonomie, elementarer Bürger­rechte sowie der institu­tionellen Gewalten­teilung durch dereinst demokratisch gewählte Regierungen, die – auch in EU-Europa – zu autoritären Regimen mutiert sind.

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Schon seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass es in der Öffent­lichkeit rumort, wenn es darum geht, die vielfältigen Schnittstellen zwischen Wissen­schaft, Wirtschaft und Politik zu beleuchten. Dabei zeigt sich, dass es weniger das Misstrauen in die Fach­kompetenz der Wissenschaft ist, sondern Zweifel daran, dass die Forschungs­ziele sich hinreichend am Gemeinwohl orientieren. Abgesehen von – zum Glück seltener gewordenen! – Daten­manipulationen, vorschnellen Veröffent­lichungen und Plagiats­fällen, sind es auch weniger die Befürchtungen, dass etwa die Regeln und Standards guter wissen­schaftlicher Praxis missachtet würden. Die Skepsis in weiten Teilen der Öffent­lichkeit gegenüber der für Forsche­rinnen und Forscher handlungs­leitenden, methodisch fundierten und ergebnis­offenen Suche nach neuen Erkenntnissen liegt vielmehr darin begründet, dass sie „stark abhängig von ihren Geldgebern sind“ (siehe Wissenschafts­barometer 2017) – oder aufgrund der über die letzten zwei Jahrzehnte um das Dreifache angestiegenen Anteile von Drittmitteln am Gesamt­budget für universitäre Forschung zumindest so unfrei erscheinen.

Nur allzu häufig klaffen im Verhältnis von Wissen­schaft und Öffent­lichkeit Selbst- und Fremd­wahrnehmung auseinander. Die enorme Ausweitung der Aktivitäten, der beispiel­lose Auf- und Ausbau der Presse­stellen, Marketing­abteilungen und Event-Agenturen in nahezu allen deutschen Hochschulen und Wissen­schaftsorgani­sationen hat keineswegs dazu geführt, dass über eine enorme Steigerung des Outputs an Broschüren, Newslettern und Social-Media-Aktivitäten hinaus tatsächlich eine größere Vertrauens­bildung stattgefunden hätte. Die meisten der auf diesen Kanälen verbreiteten Informa­tionen werden in der Öffent­lichkeit ohnehin vorwiegend als „Werbung in eigener Sache“ wahrgenommen und mehr oder weniger rasch beiseite gelegt.

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Authentischer und wirkungsvoller erscheinen da schon Formate, in denen die Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler mit ihrer Fach­kompetenz selbst zu Wort kommen. Für sie gibt es jedoch wenig Anreize, sich in puncto Wissen­schafts­vermittlung zu engagieren. Zwar wurde bereits vor mehr als zwanzig Jahren im PUSH-Memorandum der führenden Wissen­schaftsorgani­sationen gefordert, dass Wissenschafts­kommunikation als ein „zusätzliches Merkmal wissen­schaftlicher Reputation“ etabliert werden sollte. Bis heute gibt es – abgesehen von vereinzelten Preisen und Auszeich­nungen – jedoch keine Anzeichen, dass sich dies nachhaltig geändert hätte.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler ihre Fähigkeiten, natur- und technik­wissenschaftliche Forschungs­ergebnisse für Laien verständlich kommunizieren zu können, bei weitem überschätzen. Während laut einer Allensbach-Umfrage neunzig Prozent von ihnen voll von ihrem eigenen Talent in puncto Wissen­schafts­vermittlung überzeugt sind, trauen ebenfalls befragte Journalistinnen und Journalisten gerade mal zwölf Prozent von ihnen tatsächlich die Fähigkeit zur allgemein­verständlichen Vermittlung ihrer Erkenntnisse zu. Mit Blick auf die weitere Entwicklung der Wissen­schafts­kommunikation durch direkte Interaktion zwischen Forschung und interessierter Öffent­lichkeit ist immerhin fest­zustellen, dass die entsprechenden Fort­bildungs­angebote sowohl der Hochschulen und Wissen­schaftsorgani­sationen wie auch der privaten Stiftungen seit einigen Jahren stark nachgefragt werden und häufig sehr schnell ausgebucht sind.

Wenn es um Wissen­schafts­vermittlung und die Förderung von Scientific Literacy geht, kommt unweigerlich die Rolle des Wissen­schaftsjourna­lismus ins Spiel. Hierzu ist freilich festzustellen, dass sich eigen­ständige Wissenschafts-Ressorts – vor allem in den Redaktionen der Regional­zeitungen, mittlerweile aber auch in den „Qualitäts­medien“ – allent­halben auf dem Rückzug befinden und bisweilen sogar mit der jeweiligen Lokal­redaktion zusammen­gelegt wurden. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk nimmt die Aufgabe einer anspruchs­vollen Wissen­schaftsbericht­erstattung nur unzureichend wahr. Im Budget der öffentlich-rechtlichen Anstalten beträgt der Etat für Wissen­schaft und Forschung gerade mal 0,07 Prozent.

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All dies hat dazu geführt, dass bereits vor einigen Jahren die Debatte über eine gemein­nützigkeits­rechtliche Anerkennung der Förderung des Wissen­schaftsjourna­lismus eröffnet wurde, an der ich mich auch selbst beteiligt habe – nicht zuletzt mit Blick auf die Schaffung der rechtlichen und finanziellen Voraus­setzungen für die Errichtung einer Stiftung zur Förderung des Wissen­schaftsjourna­lismus, über die in diesen Tagen erfreulicher­weise erneut diskutiert wird (vgl. Ernst Dieter Rossmann: „Wissen­schaftskommu­nikation nach der Krise – eine politische Einschätzung.“ E-Paper der Friedrich-Ebert-Stiftung vom 6. Mai 2020). Tatsächlich scheinen viele Entschei­dungsträger die system­relevante Funktion der Wissen­schaftskommu­nikation und nicht zuletzt des Wissen­schaftsjourna­lismus insbesondere für einen rationalen Umgang mit der Corona-Krise entdeckt zu haben.

Im Live-Experiment – zersplitterte Perspektiven ...

In einer Art globalem Live-Experiment scheint derzeit auf allen Kontinenten „die Stunde der Forscher“ zu schlagen. Vor allem Virologen, Epide­miologen und Pneumologen sind innerhalb weniger Tage nicht nur in der Politik­beratung, sondern auch in diversen Medien zu großer Präsenz und – zumindest einige von ihnen – auch zu erheblicher Prominenz gelangt. Die bisweilen höchst unter­schiedlichen Ein­schränkungen und Empfehlungen der wissen­schaftlich-medizinischen Chefberater ausländischer Regierungen wie etwa Anthony Fauci (USA), Jean-François Delfraissy (Frankreich), Chris Whitty (Großbritannien), Fernando Simón (Spanien), Angelo Borrelli (Italien) und nicht zuletzt der beiden schwedischen Experten Johan Carlson und Anders Tegnell (wegen des Verzichts auf den dortigen Lockdown) fanden und finden auch in deutschen Medien vielfach große Aufmerk­samkeit – vor allem in Video-Statements und Interviews.

Die täglichen Presse­konferenzen des Robert-Koch-Instituts haben dessen Präsidenten, den Veterinär­mediziner Lothar Wieler, als „Herrn der Zahlen“ profiliert und zu einem gern gesehenen Gast in Funk und Fernsehen gemacht. Als „geduldiger Erklärer“ hat sich mit seinem NDR-Podcast „Coronavirus – Update“ (mit mehr als 45 Millionen Abrufen!) Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Berliner Charité, zum meist­nachgefragten Experten in den Medien entwickelt.

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Auf andere Weise, nämlich als Kritiker des Robert-Koch-Instituts sowie mit einer Studie über Verlauf und Verbreitung der Corona-Infektionen in der Gemeinde Gangelt im gleich zu Beginn stark betroffenen Kreis Heinsberg, hat sich Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitäts­klinikum Bonn, große Aufmerksamkeit verschafft. In diversen Online-Medien, aber auch – unterstützt von einer Beratungs­agentur – in Talkshows wie etwa „Markus Lanz“ verbreitete er bereits weit vor der Veröffent­lichung eines ersten Original­artikels weitreichende Schluss­folgerungen mit Blick auf eine wesentlich höhere Infizierten­zahl und eine weitaus niedrigere Sterberate als allgemein angenommen (nämlich nur 0,37 %). Offenbar konnte er dem Drängen der Politik nach schnellen Ergebnissen nicht widerstehen – und wurde dafür von der Fachwelt und den Qualitäts­medien heftig kritisiert, ja geradezu abgestraft; denn anhand einer relativ kleinen Gemeinde von gut 900 Einwohnern auf die Gesamt­situation in Deutschland zu schließen, erschien vielen doch allzu gewagt.

Das Bedürfnis von Politik und Öffent­lichkeit nach möglichst fundiertem, aber vor allem schnellem Rat stellt die Zuver­lässigkeit und Funktions­fähigkeit der wissen­schaftlichen Experten­systeme auf eine harte Probe. Gesicherte Erkenntnisse aus voran­gegangenen Studien, auf denen man verlässlich aufbauen könnte, liegen derzeit nicht vor. Ein Ausweg scheint daher besonders populär zu werden: nämlich die Vorläufigkeit der Ergebnisse selbst anzuzeigen und sie zugleich anderen Forscher(innen) so früh wie möglich zur Verfügung zu stellen, indem man sie auf Online-Plattformen deponiert. Allein auf den Preprint-Servern des Cold Spring Harbor Laboratory waren bereits Ende März 2020 mehr als 760 Artikel verzeichnet (darunter vierzig Prozent aus China).

Die ungeheure Vielfalt der Informationen, die aus unterschiedlichen Quellen zusammen­gestellten Daten, die oftmals schwer durch­schaubaren Modell­rechnungen und die nahezu stündlich neu produzierten Grafiken und Bilder bedeuten für Politik und Öffent­lichkeit jedoch keineswegs mehr Gewissheit. Das Anhäufen weiterer Details scheint geradezu den Blick auf das Ganze zu verstellen und die Lage von Tag zu Tag unüber­sichtlicher werden zu lassen. Die aus der Wissen­schaft kommenden, oftmals mit dem Gestus großer Gewissheit vorgetragenen Schluss­folgerungen und Handlungs­empfehlungen ähneln immer mehr bloßen Meinungs­äußerungen der jeweils Beteiligten. Sie werden nicht nur zunehmend heterogener, sondern auch immer wider­sprüchlicher. Was gestern noch als gesichert galt (beispiels­weise in puncto Atemmasken), wird schon heute – oft sogar von denselben Experten – wieder infrage gestellt.

Trotz vieler – in der Zeit vor Corona mehr oder weniger direkt sanktio­nierter – Ungereimt­heiten, Korrekturen, Widersprüche und Kehrt­wendungen sowohl in den Ratschlägen der Experten als auch in den Entschei­dungen der jeweiligen Regierenden lässt sich derzeit jedoch nicht feststellen, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Ratio von Wissenschaft und Politik erschüttert wäre. Im Gegenteil: Selbst kritische Geister räumen ein, dass im Nebel ungesicherten Wissens und mangels Orien­tierungs­punkten aus früheren Unter­suchungen das derzeit allenthalben praktizierte „Fahren auf Sicht“, mitsamt der Bereitschaft, Strategien, Regeln und Verfahren fortlaufend anzupassen, wohl unvermeidlich erscheint. Das spiegelt sich auch im neuesten Wissen­schaftsbaro­meter der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ wider, wonach 73 Prozent der Befragten angeben, Wissenschaft und Forschung zu vertrauen (in den letzten Jahren lag der Wert bei etwa 50 Prozent).

Da es an umfassend trag­fähigen Vergleichs­fällen fehlt, können auch seitens der Geistes- und Gesell­schaftswissen­schaften lediglich für einzelne Facetten der gegen­wärtigen Pandemie historische Analogien gebildet werden (wie zum Beispiel die „Spanische Grippe“ von 1917/18 oder die Welt­wirtschafts­krise von 1929). Deren jeweils ganz andere Ausgangs- und Rahmen­bedingungen führen freilich dazu, dass in der Regel nicht mehr als Statistiken und Prozent­zahlen (etwa mit Blick auf Infizierten­zahlen, Sterberaten und Konjunktur­einbrüche) zum Vergleich übrigbleiben. Noch scheinen jedoch auch sie geeignet zu sein, zur sachlichen Einordnung der derzeitigen Entwicklung beizutragen und sogar in wirt­schaftlicher Hinsicht ein gewisses Maß an Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten – trotz exorbitant hoher Arbeits­losenzahlen, etwa in den USA, und weiter ansteigender Rezessions- und Konkurs­drohungen. Zumindest die Aktienmärkte spiegeln dies wider, was allerdings wohl mehr aus den Erwartungen an die zig-Milliarden- bis -Billionen-schweren Konjunktur­programme und ihren Folge­wirkungen zu erklären sein dürfte.

Trotz Risiken und Nebenwirkungen: Was ist zu tun?

Momentan fällt es vielen von uns offenbar schwer, den unbequemen Tatsachen und Handlungs­erfordernissen der Pandemie ins Auge zu sehen. Schon Ende März tauchte in den Medien das böse Wort von der „Virokratie“ auf. Und einige Wochen später erhalten Experten wie Christian Drosten, die immer wieder zur Vorsicht und zum behutsamen, schrittweisen Vorgehen beim Aufheben des Lockdowns raten, sogar Morddrohungen. Immer lauter werden inzwischen Stimmen aus Wirtschaft und Politik, die vor allem die ökonomischen und sozialen Folgen der Kontaktsperren-Strategie hervorheben und eine andere Art der Risiko­bewertung fordern – häufig unter Zuhilfe­nahme von unzulänglichen Vergleichen mit früheren Grippe-Epidemien. Die scheinbar beliebig zu verwendende Indikatorik und eine Art Kuhhandel um Prozent- und Verhältnis­zahlen, etwa in den Telefon­konferenzen zwischen der Bundes­kanzlerin und den Minister­präsidenten der Länder, tun ein Übriges, um die Geduld vieler Bürgerinnen und Bürger dieses Landes überzu­strapazieren. Inzwischen macht gar das Wort vom „Präventions­paradox“ die Runde: Je wirksamer die vorbeugenden Maßnahmen, desto weniger werden sie rückblickend im Laufe der Zeit als angemessen betrachtet.

Allenthalben wird deutlich, dass es an Risiko­kompetenz und Daten­souveränität im Sinne einer „Data Literacy“ und nicht zuletzt an Wissenschafts- und Daten­journalisten fehlt. Letzteres hat sich trotz impuls­gebender Förderungen durch private Stiftungen in den Jahren zuvor nicht wesentlich geändert, muss aber dringend auf die Agenda von Politik, Wissenschaft und Zivil­gesellschaft gesetzt werden.

Darüber hinaus hat die Corona-Krise uns auf drastische Weise vor Augen geführt, wie anfällig globalisierte Gesell­schaften für unvorher­gesehene, unplanbare und zumindest kurzfristig kaum zu beeinflussende Ereignisse samt den mit ihnen einher­gehenden Schockwellen geworden sind. Neben Versorgungs­engpässen bei Beatmungs­geräten, Schutzkleidung und aufgrund unter­brochener Lieferketten entstandener Produktions­ausfälle rücken dabei auch die vielfach vernach­lässigten sozialen Folgekosten unseres privi­legierten Lebensstils verstärkt in den Blick: so etwa die untragbaren Zustände in Flüchtlings- und Asyl­bewerber­heimen, in Altenheimen und nicht zuletzt in den Massen­unterkünften ausländischer Leiharbeiter, wie sie offenbar quer durch Deutschland in Schlachthöfen zu Dumping-Löhnen beschäftigt werden (und bereits in mehreren Landkreisen einen erneuten Lockdown erzwungen haben).

Insgesamt gesehen kommt zur Zeit eine systemische Betrachtung der Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die gesell­schaftliche Entwicklung (noch) zu kurz. Die fort­schreitende Fragmen­tierung der wissen­schaftlichen Forschung in immer mehr Spezial­disziplinen befördert zugleich die Zer­splitterung der jeweiligen Sichtweisen und Schluss­folgerungen, die zudem im öffentlichen Diskurs nur allzu häufig mit persönlichen Vorlieben, Vorurteilen und handfesten Interessen verknüpft werden.

Die tiefgehenden Konsequenzen der gegen­wärtigen Krise können nur angemessen erfasst werden, wenn in allen relevanten Zweigen der Wissen­schaft die Bereitschaft besteht, nicht nur fach­übergreifend zusammen­zuarbeiten, sondern auch gemeinsam integrative Perspektiven zu eröffnen. Dies schließt in weitaus höherem Maße als bisher die Einbeziehung der Geistes- und Gesell­schaftswissen­schaften ein, deren „Unver­meidlichkeit“ in einem sich rasant entwickelnden, vor allem natur­wissenschaftlich-technisch geprägten Umfeld der Philosoph Odo Marquard bereits vor mehr als dreißig Jahren hervor­gehoben hat. Offenheit für fach­übergreifende Zusammen­arbeit, Innovations- und Risiko­bereitschaft gepaart mit dem Mut, unbekanntes Terrain zu erkunden, die Dinge genau zu betrachten, intensiv wahrzunehmen und detailliert zu analysieren sowie die gemeinsamen Erkenntnis­ziele hartnäckig zu verfolgen, gehören zu den wichtigsten Erfolgs­voraussetzungen für das Erreichen von wissen­schaftlichem und gesell­schaftlichem Neuland.

Wenn wir auf verant­wortliche Weise die Zukunft gestalten wollen, dann reicht es keines­wegs aus, seitens der Wissen­schaft Analysen, Handlungs­optionen und deren mögliche Implikationen aufzuzeigen. Es wird vielmehr darauf ankommen, durch eine intensive Beteiligung von Politik und Öffent­lichkeit von vornherein auch die Vermittel­barkeit und Durch­setzbarkeit trans­formativer Konzepte in den Blick zu nehmen. Alle Beteiligten müssen bereit sein, sich auf einen gemeinsamen Klärungs­prozess einzulassen, der sowohl die ergebnis­offene Erkenntnis­suche seitens der Wissenschaft als auch die pragmatischen Entschei­dungserfor­dernisse der Politik mitsamt deren Umsetzung in staatliches Handeln als strukturelle Rahmen­bedingungen einer erfolgreichen Interaktion akzeptiert.

Wenn die Wissenschaft ihren Platz in der Post-Corona-Gesellschaft behaupten will, dann muss sie der Öffent­lichkeit gegenüber kritikfähig sein und neue, dialogische Inter­aktionsformen entwickeln, die zugleich dazu angetan sind, die bislang vorherrschenden Asymmetrien in der Kommunikation zwischen wissen­schaftlichen Experten und interessierter Öffent­lichkeit zu überbrücken oder zumindest abzumildern. Solche Asymmetrien zu überwinden, beginnt zunächst einmal damit, sorgfältig zuzuhören, wenn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft zur Wissenschaft sprechen.

Nur so kann es gelingen, gemeinsam mit der Öffent­lichkeit und der Politik die in der Krise – zumindest partiell – zurück­gewonnenen Gestaltungs­chancen auch künftig tatkräftig zu nutzen. Von derzeit vorwiegend angst­gesteuertem Anpassen des Verhaltens müssen wir über kurz oder lang zu einer nachhaltig wirksamen, vernunft­gesteuerten Umwelt-, Klima- und Sozialpolitik gelangen, die zugleich jeden Einzelnen von uns veranlasst, neue Kriterien des Wohl­befindens und attraktive Zukunfts­bilder zu entwickeln sowie eine daraus abgeleitete, fundamentale Änderung des Alltagslebens zu bewerkstelligen.

Das wird kein linearer Prozess sein. Er wäre als solcher wohl auch nicht nachhaltig. Statt einer bloß vorder­gründigen Konsens­bildung in der akuten Krisen­situation brauchen wir eine neue Streitkultur, die sich durch intensive Dialog­bereitschaft, breit angelegte Partizipation und Innovations­fähigkeit – nicht zuletzt im Sinne umfassender digitaler Konsulations­prozesse – auszeichnet. Dazu müssen alle, die von der zukunfts­gestaltenden Kraft der Wissenschaft überzeugt sind, sich entschließen, den Spielfeld­rand zu verlassen und sich weitaus mehr als bisher ins gesell­schaftliche Getümmel begeben. Den Mut dazu brauchen wir heute und in Zukunft mehr als je zuvor!


Zum Autor
Wilhelm Krull war von 1996 bis 2019 Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Er ist Gründungs­direktor des The New Institute, das 2021 als privates Institut für Advanced Studies of Systemic Crises an den Start gehen wird.

 

Bild: Pixabay/goodlynx



Letzte Änderungen: 17.07.2020

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