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Selbst ist der Gutachter

(15.05.2020) Aus unserer Reihe 'Anekdoten aus dem Forscherleben': Über einen Peer-Review-Betrugsversuch, der so platt war, dass er einfach auffliegen musste...
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Veröffentlichungen sind das Brot des Forschers. Doch vor solch eine ordentliche Brotzeit hat die Community bekanntlich den Peer Review gesetzt. Und der verdirbt einem schnell so manchen eingeplanten Schmaus.

Rejected“ heißt das Wort, mit dem Gutachter den Forschern immer öfter den Appetit verderben. Und damit der Hunger am Ende nicht allzu groß wird, lassen letztere sich inzwischen zunehmend unlautere Mittel einfallen, um „etwas auf den Tisch“ zu bekommen.

Dazu gehören bekanntlich manipulierte Resultate, frisierte Bilder, abgekupferte Manuskripte und ähnliches mehr. Hin und wieder versucht aber jemand etwas völlig anderes — wie etwa in folgendem Fall, den ein Co-Editor einmal dem Committee On Publication Ethics (COPE) meldete.

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Seltsame Scheinadressen

Besagter Co-Editor erhielt ein Manuskript, für dessen Begutachtung der korrespondierende Autor zwei Reviewer vorschlug — samt Institut und E-Mail-Adressen. Der Co-Editor jedoch stutzte umgehend, da der Autor die Vorgeschlagenen trotz ihrer Institutsadressen mit Gmail-Adresse als Kontakt angegeben hatte. Also recherchierte er die beiden Instituts-E-Mailadressen der vorgeschlagenen Reviewer und schickte die Manuskripte schließlich dorthin, statt an die angegebenen Gmail-Adressen.

Reviewer 1 antwortete umgehend, dass er ein ähnliches Manuskript bereits von einem anderen Journal erhalten habe — und schlug daher vor, den dortigen Editor zu kontaktieren. Dieser erzählte unserem Co-Editor, dass ihm ebenfalls zwei Gutachter mit Gmail-Adressen vorgeschlagen wurden. Freilich wurde er ziemlich skeptisch, als er das Manuskript tatsächlich mit Bitte um Begutachtung an eine der Gmail-Adressen schickte — und nur wenige Stunden später einen kompletten Review zurückerhielt. In dem Moment war für den Editor des anderen Journals eigentlich klar, dass die Gmail-Adressen Scheinadressen waren.

Reviewer 2 lehnte die Anfrage um Begutachtung des Manuskripts über Institutsadresse ab. Also schickte unser Co-Editor das Manuskript an die vorgeschlagene Gmail-Adresse der vorgeblich gleichen Person. Auch hier kam innerhalb weniger Stunden ein Gutachten zurück. Der Co-Editor vergewisserte sich nochmals bei Reviewer 2, dass dieser tatsächlich kein Gutachten erstellt hatte — was dieser bestätigte.

Zu durchsichtig

Wer sich jetzt tatsächlich hinter den Gmail-Adressen verbarg, von denen die günstigen Gutachten kamen, konnte unser Co-Editor nicht klären. Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass der korrespondierende Autor selbst die beiden Adressen eingerichtet hatte, um auf diese Weise das eigene Manuskript zu begutachten und in hellem Gutachter-Licht erstrahlen zu lassen.

Netter Versuch, aber leider viel zu durchsichtig. Die Editoren mussten dem Übeltäter ja förmlich auf die Spur kommen. Mit dem Resultat, dass dieser jetzt bis auf weiteres vom Veröffentlichen in mehreren Journals ausgeschlossen ist.

Ralf Neumann

Foto/Montage: Kai Herfort








Letzte Änderungen: 14.05.2020

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