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„Die Zeit steht für alle still“

(30.04.2020) SARS-CoV-2 verändert unser Leben und die Wissenschaft. Wir sprachen mit MPI-Direktor Detlef Weigel über Publizieren und Forschen in Zeiten von COVID-19.
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LJ: Aufgrund der Coronakrise hat die Open-Access-Zeitschrift eLife, zu deren Stellvertretenden Chefredakteuren Sie gehören, ihre Kriterien für die Annahme von Manuskripten geändert. Was hat Sie dazu motiviert?
Detlef Weigel: Mit unserer Open-Access-Zeitschrift eLife wollten wir von Anfang an den Zyklus von endlosen Revisionen durchbrechen. Die Reviewer sollen das Manuskript begutachten, das ihnen vorliegt, und nicht ein imaginäres, wie sie es vielleicht selbst geschrieben hätten. Die nötigen Revisionen sollten bisher in etwa acht Wochen abgeschlossen werden können, sonst wurde das Manuskript abgelehnt. Derzeit ist jedoch die Forschung aufgrund der Coronakrise überall stark eingeschränkt, und Wissenschaftler können Experimente für Revisionen nicht in der üblichen Zeit durchführen. Deshalb haben wir unsere Richtlinien angepasst.

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Wie sehen die neuen Richtlinien im Detail aus?
Weigel: Bei Manuskripten, die für eine Veröffent­lichung in eLife im Großen und Ganzen geeignet sind, müssen die Autoren nur die Diskussion argumentativ anpassen. Sind in geringem Umfang weitere Experimente erforderlich, die zurzeit nicht durchgeführt werden können, nimmt eLife das Manuskript trotzdem an, bittet aber die Autoren, ergänzende Experimente zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Sie können diese Arbeiten zum Beispiel als Research Advance in eLife oder auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlichen. Die Autoren verpflichten sich, die ausstehenden Experimente durchzuführen, sobald der Forschungs­betrieb wieder läuft. Wir bringen den Autoren in diesem Punkt Vertrauen entgegen. Sind umfassendere Änderungen für eine Veröffent­lichung in eLife nötig, laden wir die Autoren ein, ein revidiertes Paper einzureichen. Falls das Manuskript auf bioRxiv hochgeladen wurde, bieten wir an, die Zusammen­fassung der Gutachten und die einzelnen Reviews ebenfalls auf bioRxiv der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf dem Preprint-Server ist dann „This manuscript is in revision at eLife“ angegeben, sodass die Autoren diesen aussage­kräftigen Link für Bewerbungen benutzen können.

Wie hat sich die Forschungstätigkeit auf Ihrem Campus durch die Coronakrise verändert?
Weigel: Natürlich ist die Gesundheit der Mitarbeiter das Wichtigste. Um Kontakte zu minimieren, haben wir die Forschungs­tätigkeit an unserem Institut auf 20 bis 25 Prozent des sonst üblichen Niveaus herunter­gefahren. Die Mitarbeiter und Mitarbei­terinnen werden angehalten, wo immer möglich, im Homeoffice zu arbeiten. In Büros soll nur einzeln gearbeitet werden und im Labor müssen Mindest­abstände eingehalten werden. In der Medienküche wechseln sich die Mitarbeiter und Mitarbei­terinnen ab. Ich selbst gehe jeden zweiten oder dritten Tag ins Institut, um nach dem Rechten zu schauen. Wir haben für unseren Campus in Tübingen mit vier Instituten und fast tausend Instituts­angehörigen einen Krisenstab eingerichtet, der Ende Februar zum ersten Mal getagt hat. Auf dem Campus hatten wir bisher noch keinen Corona-Fall, obwohl es im Landkreis Tübingen, bezogen auf die Einwohner­zahl, eine hohe Rate an nach­gewiesenen Corona-Fällen gibt, was darauf hindeutet, dass unsere Mitarbeiter und Mitarbei­terinnen sich auch außerhalb des Campus bedacht verhalten.

Welche weiteren Änderungen gab es noch in Ihrem Forschungsalltag?
Weigel: Viele Konferenzen sind verschoben oder ganz abgesagt worden. Auch Dienstreisen sind bis auf Weiteres nicht möglich. Kehren Angestellte aus Risiko­gebieten aus dem Ausland zurück, müssen sie erst einmal 14 Tage in Selbst­isolation. Wir haben auch Kollegen und Kolleginnen, die eine neue Stelle im Ausland antreten wollen, derzeit aber kein Visum erhalten. Die Corona-Richtlinien der Max-Planck-Gesellschaft legen Vorgesetzten nahe, Verträge, wo immer möglich, zu verlängern. Ähnliches gilt für neue Mitarbeiter und Mitarbei­terinnen aus dem Ausland, die eine neue Stelle bei uns antreten sollen, aber nicht einreisen können. Ich hoffe, dass wir dazu Gelder nutzen können, die wir derzeit aufgrund des reduzierten Betriebs bei den Verbrauchs­mitteln einsparen.

Nehmen Sie direkt an Forschungs­arbeiten zu COVID-19 teil?
Weigel: Nein. Allerdings bereiten wir uns darauf vor, Reagenzien und Materialien für Tests auf Corona-Infektionen herzustellen, und haben sowohl die Uniklinik als auch private Testinstitute davon informiert. Dem Tübinger Gesund­heitsamt haben wir Schutz­ausrüstung zur Verfügung gestellt, und es haben sich 50 Freiwillige gemeldet, die bei Bedarf in Testlabors an der Uniklinik mithelfen könnten.

Wünschen Sie sich Lockerungen der Corona-bedingten Restriktionen speziell für die Wissenschaft?
Weigel: Wissenschafts-spezifische Lockerungen sollte es nur für diejenigen geben, die konkrete Forschung zu COVID-19 betreiben. Ansonsten sollen und müssen wir uns auch als Forscher an die vorge­gebenen Regeln halten. Die Zeit steht ja für alle anderen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft auch still. Ich finde allerdings, es sollte klarere Richtlinien von der Landes- und Bundes­regierung geben, wo der Infektions­schutz über Arbeits­recht und andere Regeln zu stellen ist. Für das Institut überlegen wir derzeit, ob wir zwei Schichten pro Tag einrichten sollen. Bei unserem relativ jungen Mitarbei­terstab ist auch die Kinder­betreuung ein Problem. Wenn die Kleinkinder im Homeoffice herumtoben, fällt die Konzentration schwer.

Was können Sie der Coronakrise Positives abgewinnen?
Weigel: In der gegenwärtigen Krise haben wir die modernen Mittel der Kommunikation sehr zu schätzen gelernt. Trotz guter Vorsätze war deren Einsatz vorher oft schleppend. Derzeit halten wir nicht nur Labortreffen, Einzelgespräche und Journal Clubs per online ab, sondern auch Seminare mit auswärtigen Sprechern und Spreche­rinnen, da direkte Treffen nicht möglich sind. Und siehe da, es gibt weniger Neben­gespräche, man konzentriert sich auf den Sprecher oder die Sprecherin, und man lässt die anderen ausreden. Ich selber werde sicherlich auch in Zukunft einen Teil meiner Seminare online abhalten, da das Reisezeit spart und umwelt­schonender ist. All dies wird zu einem erheblichen Kulturwandel führen.

Was werden Sie unternehmen, wenn die Kontaktsperre aufgehoben wird und Ihre Forschung wieder Fahrt aufnehmen kann?
Weigel: Ich werde darüber nachdenken, was uns in dieser Krise gut gelungen ist und was nicht, und was wir daraus lernen können.

Die Fragen stellte Bettina Dupont

Detlef Weigel ist Entwicklungsbiologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen.

Foto: Jörg Abendroth (D. Weigel-Portrait) & Pixabay/fernandozhiminaicela (Hintergrund)




Letzte Änderungen: 30.04.2020

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