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Angriff auf die Riechschleimhaut

(27.04.2020) Geruchs- und Geschmackverlust scheint ein häufiges Symptom bei COVID-19-Patienten zu sein. Sinnesphysiologe Thomas Hummel wundert das nicht.
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„Auch andere Viren wie Rhinoviren können den Geruchssinn beeinträchtigen, indem sie über die durchlässige Knochen­struktur der Lamina cribrosa in den Riechkolben eindringen. Zudem können Neurone der Riech­schleimhaut durch die Viren geschädigt werden. Als Folge der abnehmenden Afferenzen schrumpft der Riechkolben“, berichtet Thomas Hummel, Leiter des Interdisziplinären Zentrums und der Spezial­sprechstunde Riechen und Schmecken an der Dresdner Universitäts­klinik.

Insgesamt sind über 200 verschiedene Viren in der Lage, Infektionen der oberen Atemwege auszulösen. Vielleicht ist es daher zu wenig selektiv, Menschen mit Riechverlust als einzigem Symptom vorsorglich einfach in häusliche Quarantäne zu schicken, wie von der nationalen Vereinigung der britischen HNO-Ärzte angeregt. Stattdessen sollte man sie auch testen und weitergehend untersuchen. „Wenn der Riechverlust schon seit längerem vorliegt und allmählich und schleichend aufgetreten ist, hat er wahrscheinlich andere Ursachen“, erklärt Hummel.

Transkriptom-Auswertungen von Brann et al., die kürzlich auf bioRxiv (DOI: 10.1101/2020.03.25.009084) veröffentlicht wurden, legen nahe, dass Coronaviren vom Typ SARS-CoV-2 über das Transmembranprotein Angiotensin-Converting Enzyme 2 (ACE2) vor allem nicht-neuronale Zellen wie Stützzellen und Stammzellen der Riech­schleim­haut befallen und so zum Riechverlust beitragen könnten. „Der Schmeckverlust bei der Infektion mit Coronaviren könnte dadurch zustande kommen, dass die Verstärkung des Schmeckens durch das Riechen fehlt. Wenn auch noch die Nase verstopft ist, ist der Feingeschmack beeinträchtigt und alles schmeckt fade“, so Hummel.

Ahnungslose Nasen

Allerdings würden manche Menschen es gar nicht bemerken, wenn sich ihr Geruchssinn verschlechtert, da dieser von vornherein gemindert oder defekt ist. Dieses als Anosmie bezeichnete Phänomen findet sich bei etwa fünf Prozent der Bevölkerung (Rhinology, 56(1):1-30). Für eine Studie der Hummel-Gruppe für Probanden mit funktionie­rendem Geruchssinn meldeten sich immerhin 3,4 % anosmische Kandidaten (Eur Arch Otorhinolaryngol, 276(6):1849-52). „Sie waren sich dessen offensichtlich nicht bewusst. Es besteht auch bei diesen Menschen erstaunlicher­weise kein Leidensdruck deswegen“, so Hummel.

Und dies, obwohl der Riechdefekt im Alltag gefährlich werden könnte. Immerhin berichteten ein Viertel bis die Hälfte der Menschen mit defektem Geruchssinn, dass sie schon einmal aus Versehen verdorbenes oder vergammeltes Essen zu sich genommen hätten. Auch Brandgeruch oder andere Gefahren-signalisierende Gerüche können sie eventuell nicht wahrnehmen, fassen Boesveldt et al. in einem klinischen Review zusammen (Chem Senses, 42(7):513-23).

Einschränkungen des Geruchssinns sind auch bei Rauchern und im Alter häufiger. „Ein Drittel bis die Hälfte der über 80-Jährigen haben solche Einschränkungen. Das kann mit der Abnahme von Sinneszellen in der Riech­schleimhaut, einer Einengung der Verbindung zwischen Nase und Gehirn als auch mit Abbauprozessen im Gehirn zusammenhängen“, erläutert Hummel. Der Geruchssinn kann laut Boesveldt et al. zudem bei chronischer Sinusitis, neurodege­nerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Alzheimer und beispielsweise nach Schädel-Hirn-Traumata beeinträchtigt sein.

Ball mit Zitronenduft

Nach Infektionen der oberen Atemwege verbessert sich der Geruchssinn bei ein bis zwei Drittel der Betroffenen spontan. Durch Training lässt sich die Regeneration beschleunigen. Hummel und seine Mitarbeiter haben dazu einen kleinen Ball mit vier Röhrchen entwickelt, die die Gerüche von Rosen, Eukalyptus, Zitrone und Gewürznelke abgeben und an dem die Betroffenen schnüffeln müssen. Die Trainings­methode mit dem Ball war erfolgreicher als das herkömmliche Training mit Fläschchen, da die Probanden sie regelmäßiger anwendeten (Eur Arch Otorhinolaryngol, DOI: 10.1007/s00405-020-05939-3). Für Geruchssinn-Geschädigte nach Corona-Infektion empfiehlt Hummel dieses Training zweimal pro Tag für jeweils 20 bis 30 Sekunden über 6 Monate hinweg.

Für eine weitergehende Beratung wegen Beeinträchtigungen von Geruchs- und Geschmackssinn müssen sich die Patienten noch gedulden. Das Interdisziplinäre Zentrum für Riechen und Schmecken in Dresden hat derzeit wegen der Corona-Krise leider noch geschlossen. Von zuhause aus können Interessierte immerhin mit dem Smelltracker des israelischen Weizmann-Instituts ihren Geruchssinn testen. Außerdem führt das Global Consortium of Chemosensory Researchers (GCCR), zu denen auch Thomas Hummel gehört, zurzeit eine Online-Umfrage durch. Die Forscher wollen herausfinden, wie der Riech- und Schmeckverlust mit Atemwegs­infektionen wie COVID-19 oder Grippe zusammenhängt.

Bettina Dupont

Foto: PIRO4D





Letzte Änderungen: 27.04.2020

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