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Corona-Missbrauch

(17.04.2020) Einige Versuche, die Coronakrise für die eigene Agenda einzuspannen, sind besonders schamlos. Zum Beispiel derjenige des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“.
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Leider war es zu erwarten: Je länger die Corona-Krise dauert, desto mehr Fake News werden dazu verbreitet. Glücklicherweise gibt es inzwischen genügend Orte, an denen man kontinuierlich versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen. Empfohlen seien hier beispielsweise die „Coronavirus-Faktenchecks“ des gemeinnützigen Recherchezentrums correctiv.

Ähnlich schlimm wird es aber, wenn bestimmte Interessengruppen die allgemeine Verunsicherung rund um die Corona-Pandemie zu instrumentalisieren versuchen, indem sie durch Streuung von Halbwahrheiten Stimmung für die eigene Sache machen. Ein ziemlich durchsichtiges Beispiel hierfür liefert gerade der Verein „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ mit seiner Stellungnahme „Coronavirus: Schneller als der Tierversuch“. Darin schreiben sie etwa:

»Ein großer und unstrittiger Nachteil von Tierversuchen, den auch Ärzte gegen Tierversuche immer wieder kritisiert, wird in der aktuellen Corona-Krise zum Verhängnis. Testungen am Tier sind langwierig – viel zu langwierig, um in einer Situation wie dieser mit der rasanten Verbreitung des Virus mitzuhalten. Die reguläre Entwicklung von Impfstoffen dauert ein Jahrzehnt oder mehr und kostet hunderte Millionen Euro. Ein Hauptgrund dafür ist, dass etliche Impfstoffe in Tierversuchen bestens wirken, im Menschen dann aber nicht. „Hätten wir schon längst mehr Geld in die Entwicklung humanrelevanter In-vitro-Methoden investiert, dann hätte man jetzt vermutlich bessere Testsysteme an der Hand, um wirksame Arzneimittel und Impfstoffe zu entwickeln“, sagt Dr. Tamara Zietek, Wissenschaftskoordinatorin bei Ärzte gegen Tierversuche.

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Wie einst bei Ebola

Weiter hinten formulieren sie das Gleiche nochmal drastischer:

»Es ist absurd und erschreckend, dass selbst in einer dramatischen Krisensituation wie dieser die ungeeignete Methode Tierversuch eingesetzt wird – obwohl man aus Erfahrung genau weiß, dass die Übertragbarkeit der Versuchsergebnisse auf den Menschen mehr als fragwürdig ist und die Versuche viel zu lange dauern, um in dieser Krisensituation hilfreich zu sein. Selbst jetzt werden massenhaft Fördergelder verschwendet, um diese nicht zielführende Forschung zu finanzieren.«

Das ist in etwa die gleiche Argumentation, mit der „Ärzte gegen Tierversuche“ sich schon in der Ebola-Krise 2014 zu Wort meldeten. Ein Jahr später schloss der Ebola-Impfstoff rVSV-ZEBOV einen großen klinischen Test im Menschen erfolgreich ab – nachdem er zuvor gleich mehrere Tiermodelle vor Ebola-Infektionen geschützt hatte. Dies nur als ein Beispiel von vielen, dass Impfstoff-Kandidaten doch oftmals im Tiermodell wie auch im Menschen wirken.

Dass sie im Menschen dagegen nicht die gleiche Wirkung zeigen wie zuvor im Tiermodell, kommt natürlich trotzdem hin und wieder vor. Noch öfter dürften Impfstoff-Kandidaten aber in klinischen Studien versagen, wenn sie sich dafür lediglich durch „humanrelevante In-vitro-Methoden“ qualifizieren müssten, die zwangsläufig immer nur eng begrenzte Teilaspekte des Gesamtsystems „Organismus“ abbilden können.

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Forscher würden gerne auf Tierversuche verzichten

Und so wird es dann schon befremdlich, wenn die „Ärzte gegen Tierversuche“ ihre Alternativ-Vorschläge machen, wie man ohne Tierversuche zu einem Corona-Impfstoff kommen könnte:

»Viel sinnvoller wäre es, diejenigen Forscher zu unterstützen, die verlässliche humanbasierte In-vitro-Methoden entwickeln, um die Mechanismen der Virusinfektion zu erforschen und wirksame Medikamente zu identifizieren. 3-dimensionale menschliche Lungenmodelle, die sogar in hohem Durchsatz mittels 3D-Druck hergestellt werden können, sind ideal geeignet, um Infektionsforschung mit diversen grippeartigen Viren einschließlich SARS-CoV zu betreiben. Diese innovativen Systeme haben sich schon lange in diesem Forschungsbereich etabliert und könnten leicht für die Coronavirus-Forschung eingesetzt werden. Auch Multi-Organ-Chips, auf denen humane Zellmodelle der Lunge und anderer Organe z.B. des Immunsystems zusammengeschaltet sind, wären optimal geeignet, um schnell und effektiv zu wertvollen Ergebnissen zu kommen.«

Klar, mit 3D-Lungenmodellen wird man womöglich Teile des Infektions-Mechanismus von SARS-CoV-2 studieren können -- inklusive der Wirkung von Medikamenten darauf. Doch man darf sich sicher sein: Wo auch immer Forscherinnen und Forscher mit solchen Modellen umfassende und zuverlässige Ergebnisse bekommen können, werden sie sich ihnen liebend gerne zuwenden und auf Tierversuche verzichten. Nicht zuletzt deshalb wies etwa die Max-Planck-Gesellschaft letzte Woche extra noch mal auf die Vorzüge von speziellen Lungen-Organoiden für die Corona-Forschung hin, die die Gruppe von Thomas Meyer 2018 an deren Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie entwickelt hatte.

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Vertrackte Nebenwirkungen

Doch damit wäre ja noch lange nicht Schluss. Die Toxizität eines Wirkstoffs kann man am Computer und in Modellkulturen immerhin bis zu einem gewissen Punkt vortesten. Um letztlich aber sicherzugehen, dass das potenzielle Medikament einen tatsächlich nicht vergiftet, braucht es Tests in einem ganzen Organismus. Das Gleiche gilt für andere unerwünschte Nebenwirkungen, die viele Wirkstoffe leider allzu oft weit jenseits der angepeilten Zielzellen entfalten können.

Wie vertrackt sich solche Nebenwirkungen manifestieren können, zeigte nicht zuletzt der schlimme Contergan-Skandal vor über sechzig Jahren. Wären zuvor auch schwangere Mäuse in die entsprechenden Wirkstofftests mit einbezogen worden, hätte man die schädigende Wirkung des Beruhigungs- und Schlafmittels auf die Föten rechtzeitig erkannt -- und mehreren tausend Menschen, die damals geboren wurden, wären schwere Fehlbildungen erspart geblieben.

Das fatale Beispiel zeigt, dass in einem hochkomplexen System wie einem Organismus immer auch Nebenwirkungen auf sehr komplexe Weise auftreten können. Wie will man die lediglich in eng umgrenzten Kulturmodellen identifizieren?

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"In culture only" ist reine Fantasie

Doch zurück zu Corona: Gerade mit potenziellen Impfstoffen kann „In culture only“ in letzter Konsequenz ebenfalls nicht funktionieren. Schließlich wirken diese nicht auf den Infektionsmechanismus selbst, sondern schalten das Immunsystem gegen den viralen Erreger scharf, damit es ihn schon vor der Infektion aus dem Weg räumt. Das Problem dabei: Zum Immunsystem gehören mehrere Organe sowie Dutzende verschiedener Zellen und Hunderte von Faktoren, die nahezu allesamt frei im Gefäßsystem flottieren oder in Gewebeverbände einwandern – und dabei wiederum vielfach miteinander wechselwirken. Das Immunsystem in seiner Gesamtheit als In-vitro-Modell darstellen zu können, ist daher momentan reine Fantasie. Um aber die spezifische Immunantwort auf einen Impfstoff zu testen, braucht man gerade wegen der Vielfalt der beteiligten Wechselwirkungen das komplette Netzwerk des ganzen Systems – einzelne Teile können nicht annähernd zuverlässigen Ergebnisse liefern. Und deswegen kommt man hier bis auf weiteres nicht um Tierversuche herum. Wie schon gesagt: Wäre es möglich, würden die Forscherinnen und Forscher es liebend gerne tun.

Die Alternative, die „Ärzte gegen Tierversuche“ indes vorschlagen, bedeutet also, mit allenfalls unausgegorenen Teilergebnissen aus In-vitro-Modellen gleich in klinische Tests zu gehen. Was prinzipiell nichts anderes ist, als Menschenversuche durchzuführen. Sollte dann aber in deren Immunsystem oder anderswo irgendetwas auf fatale Weise verrückt spielen, was man in Maus und Co. hätte vorher sehen können…

Dies alles wissen die „Ärzte gegen Tierversuche“ natürlich. Von daher ist es ein offenes Geheimnis, dass es ihnen nicht wirklich um alternative Forschungsansätze geht, sondern vielmehr darum, die Corona-Krise mit gezielten Halbwahrheiten für ihre eigene Agenda zu instrumentalisieren – wie schon bei der Ebola-Epidemie 2014. Glücklicherweise werden sie damit wohl niemanden „bekehren“, sondern nur diejenigen erreichen, die Tierversuche sowieso schon pauschal ablehnen. Schändlich bleibt dieses Vorgehen trotzdem.

Bleibt zum Schluss einzig die Frage, ob wir angesichts dessen den „Ärzten gegen Tierversuche“ mit diesem Text überhaupt eine Art Forum bieten sollten. Dazu schrieb uns ein Leser vor einigen Tagen: „Ignorieren wäre wahrscheinlich besser, aber das haben wir Grundlagenforscher leider viel zu lange getan.“

Ralf Neumann

(Kollage: CDC / iStock)











Letzte Änderungen: 17.04.2020

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